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Bildungsstudie der OECD: Deutsche im Lesen und Rechnen nur Mittelmaß

Zum ersten Mal hat die OECD das Alltagswissen von Erwachsenen weltweit getestet - und Deutschland zeigt Schwächen: Beim Lesen und Rechnen liegt die Bundesrepublik weiter hinter der Spitzengruppe.

Von Alexander Sturm

Erwachsene in Deutschland können im internationalen Vergleich nur mittelmäßig lesen und Texte verstehen. Gleiches gilt für einfache Grundrechenarten wie Prozentrechnen und Dreisatzaufgaben.

Zu diesem Ergebnis kommt der erste PISA-Test zum Wissen der 16- bis 65-Jährigen in 24 Industrienationen, den die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Berlin vorgestellt hat. Spitzenwerte im Lesen und Rechnen beim "Erwachsenen-PISA" erreichten Japan und Finnland.

Erste Studie dieser Art

Mit der Studie hat die OECD erstmals das Alltagswissen von Erwachsenen in den wichtigsten Industriestaaten der Welt untersucht. Bislang sorgten vor allem die internationalen Wissenstests bei Schülern für Aufsehen: Die erste "PISA"-Studie hatte 2001 große Schwächen bei deutschen Schülern offenbart und mehrere Schulreformen angestoßen. Nun hat die OECD weltweit 166.000 repräsentativ ausgewählte Erwachsene befragt. Untersucht wurden für das "Programme for the International Assessment of Adult Competencie" - abgekürzt PIAAC - ihr Lese- und Textverständnis, mathematische Grundkenntnisse sowie die Fähigkeit, mit einem Computer umzugehen. Aus Deutschland nahmen 5000 Personen teil.

Im Gegensatz zu den PISA-Studien wurde dieses Mal aber nicht Fachwissen aus einzelnen Disziplinen abgefragt, sondern grundlegende Kompetenzen: Testpersonen mussten Preisnachlässe bei Sonderangeboten im Supermarkt überschlagen, eine Temperatur von Grad Celsius in Fahrenheit umrechnen oder ihre Computer-Kenntnisse beweisen - etwa den Umgang mit einer Maus oder die Fähigkeit, sich die Bordkarte für einen Flug auszudrucken. Moderne Technik zu beherrschen und sich so eigenständig zu informieren, werde zunehmend wichtiger, betonten die Autoren der Studie. "Gering qualifizierte Menschen bleiben mit steigender Wahrscheinlichkeit in der Gesellschaft und im Arbeitsleben zurück". Ein geringes Wissen im Umgang mit Technik hielten Menschen von grundlegenden Dienstleistungen und gut bezahlten Jobs ab.

Lesekompetenz wie ein zehnjähriges Kind

Schwächen zeigen deutsche Erwachsene vor allem beim Leseverständnis, also der Fähigkeit, Informationen aus Texten zu gewinnen (Beispielaufgabe hier). Die Zahl der Spitzenleser, die mit ihren Leistungen die höchsten Kompetenzstufen auf der Skala erreichen, ist in Deutschland geringer als im OECD-Schnitt. Und 17 Prozent der Erwachsenen kommen beim Textverständnis nicht über die niedrigste Stufe hinaus: Sie können lediglich kurze Texte mit einfachem Vokabular verstehen. Das entspricht laut OECD etwa dem Niveau eines zehnjährigen Kindes.

Insgesamt bleibt Deutschland damit deutlich unter dem Durchschnittswert zurück, aber knapp vor den USA, Österreich und Polen. Die Spitzenplätze belegen Japan und Finnland. Im Schnitt haben die 16- bis 65-Jährigen in diesen beiden Ländern gegenüber Gleichaltrigen in Deutschland einen Vorsprung, der einer Lernleistung von vier bis fünf Schuljahren entspricht. Die letzte Ränge belegen Spanien und Italien.

In Mathe leicht über dem Schnitt

Bei den mathematischen Kenntnissen wie Prozentrechnen und Dreisatzaufgaben ergibt sich ein ähnliches Bild (Beispielaufgabe hier): Dabei liegt Deutschland gemeinsam mit Estland zwar knapp über dem Durchschnitt - aber erneut weit hinter den Spitzenreitern Japan und Finnland. Immerhin erreichen gut 14 Prozent der deutschen Erwachsenen die höchsten Stufen vier und fünf. Im OECD-Schnitt waren es 12,5 Prozent. Trotzdem zeigen sich eklatante Schwächen: Fast jeder fünfte Erwachsene (18,5 Prozent) kommt nicht über einfaches Zählen, Sortieren und die Grundrechenarten hinaus. Das Schlusslicht bilden abermals Spanien und Italien.

Lediglich bei der Problemlösekompetenz mit Computern schneidet die Bundesrepublik klar besser ab als der Schnitt - was auch daran liegt, dass im reichen Deutschland überdurchschnittlich viele Haushalte über einen PC verfügen. Dennoch haben viele Erwachsenen Probleme im Umgang mit Computern: So konnten in Deutschland knapp 13 Prozent der Testpersonen keine Computer-Maus bedienen. Von den Erwachsenen, die den Computer-Test machten, waren die meisten nur in der Lage, einfache Probleme lösen, wie zum Beispiel das Einsortieren von E-Mails in angelegte Ordner. Komplexere Aufgaben, wie über Webseiten zu navigieren und eigenständig Probleme zu lösen, beherrschten dagegen nur 36 Prozent.

Die soziale Herkunft entscheidet - wieder einmal

Als große Schwäche im deutschen Bildungssystem erweist sich einmal mehr die Abhängigkeit von der sozialen Herkunft: "In kaum einem anderen Land hängt die Lesekompetenz so sehr vom Bildungsstand der Eltern ab wie hierzulande", schreiben die Autoren. Testpersonen, deren Eltern weder Abitur noch Berufsausbildung haben, erzielten beim Textverständnis im Schnitt 54 Punkte weniger als jene, bei denen mindesten ein Elternteil einen Hochschulabschluss oder einen Meisterbrief hatte. 7 Punkte entsprechen auf der Leistungsskala dem Lernvolumen eines Schuljahrs.

Eines gesteht die OECD Deutschland allerdings zu: Zwar zeige sich innerhalb der Bundesrepublik ein deutliches Gefälle bei der Lesekompetenz, doch daraus ergäben sich daraus anders als in vielen Ländern nicht zwingend große Einkommensunterschiede. In angelsächsischen Ländern wie den USA oder Großbritannien seien die Einkommen deutlich ungleicher verteilt - bei ähnlich großen Unterschieden im Textverständnis.

mit DPA