HOME

Fall Niznansky: Vom NS-Verbrecher zum Geheimagenten

Ladislav Niznansky, ein in München verhafteter mutmaßlicher NS-Verbrecher, der 1945 in der Slowakei 164 Zivilisten ermordet haben soll, war nach dem Krieg Agent zweier Geheimdienste.

Der in München festgenommene mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher Ladislav Niznansky war nach dem Zweiten Weltkrieg Agent des tschechoslowakischen und US-amerikanischen Geheimdienstes. Das sagte ein Mitarbeiter des Innenministeriums in Prag dem tschechischen Fernsehsender CT. Der heute 86-Jährige sei kurz nach Kriegsende von einem slowakischen Gericht wegen Mangels an Beweisen freigesprochen worden, hieß es. Danach habe er sich als Mitarbeiter des tschechoslowakischen Geheimdienstes StB verpflichtet.

Möglicherweise sei dies die Bedingung für den Freispruch gewesen, sagte der Mitarbeiter. Nach seinem Umzug nach Österreich habe sich Niznansky an den US-amerikanischen Geheimdienst CIC gewandt und für diesen gearbeitet. Etwa 1948 habe er sich in Deutschland niedergelassen und bis 1983 in München beim US-Sender "Radio Free Europe" gearbeitet.

1962 in Abwesenheit zum Tode verurteilt

Der ehemalige Hauptmann war 1962 von einem slowakischen Bezirksgericht in Banska Bystrica in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Die Staatsanwaltschaft München I ermittelte nach einer Anfrage des slowakischen Justizministeriums im Jahr 2001 gegen Niznansky, der seit 1996 einen deutschen Pass besitzt. In seiner Münchner Wohnung wurde der 86-Jährige am vergangenen Freitag festgenommen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll bis zum Frühjahr Anklage erhoben werden, so dass noch in diesem Jahr der Mordprozess vor dem Münchner Schwurgericht beginnen kann.

Als Kommandant einer deutschen Spezialeinheit zur Partisanenbekämpfung mit dem Namen "Edelweiß" soll Niznansky in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs an einem Massaker in den Orten Ostry Grun und Klak mit 146 Toten beteiligt gewesen sein. Unter diesen Mordopfern vom Januar 1945 waren auch 70 Frauen und 51 Kinder. Die berüchtigte Einheit aus deutschen und slowakischen Kräften war nach der Niederschlagung des Aufstandes von 1944 gegen das slowakische Regime gebildet worden. Ein Teil von ihnen geriet 1945 in russische Kriegsgefangenschaft. Niznanskys Vorgesetzter war Major Graf von Thun-Hohenstein. Er kam 1945 in russische Kriegsgefangenschaft und wurde später für seine Verbrechen zum Tode verurteilt und gehängt.

Exekution von Niznansky-Gefangenen

Niznanskys Einheit hatte bereits Ende 1944 auch eine Gruppe amerikanischer und britischer Offiziere gefasst, die hinter der Front in der Slowakei aktiv war. Der AP-Kriegskorrespondent Joseph Morton hatte die Gruppe begleitet. Sie wurden 1945 im österreichischen KZ Mauthausen exekutiert.

Niznansky soll zudem im Februar 1945 in dem slowakischen Ort Ksinna die Erschießung von 18 wehrlosen jüdischen Zivilisten befohlen haben. Unter den Opfern dieses Massakers waren auch acht Frauen und sechs Kinder. Die Juden hatten sich in Erdbunkern versteckt. Nach ihrer Entdeckung soll Niznansky ein Hinrichtungskommando zusammengestellt und den Erschießungsbefehl gegeben haben.

Efraim Zuroff vom Simon-Wiesenthal-Zentrum sagte, Niznansky müsse vor Gericht gestellt werden. "Ich bin unendlich froh, dass er schließlich doch noch verhaftet wurde." Die lange Zeit mache die Verbrechen nicht kleiner.

"Nur Übersetzer gewesen"

Niznansky Arbeitskollege beim US-Sender Radio Free Europe Jozef Spetko sagte, das Urteil sei kein Geheimnis gewesen: "Er sagte, er sei unschuldig. Er behauptete, er sei nur Übersetzer gewesen", sagte Spetko. Sender-Sprecherin Sonia Winter verwies auf unzählige Anschuldigungen im Kalten Krieg: "Sie betrachteten uns alle als Spione. Es war unmöglich herauszufinden, ob es wahr war."

Dusko Vukovic