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HEINRICH IV: Kalte Füsse in Canossa

Eine trostlose Jugend, ein zermürbender Streit mit dem Papst, und am Ende von den eigenen Söhnen verraten - HEINRICH IV. war der größte Pechvogel, der je auf dem deutschen Kaiserthron gesessen hat

Eine trostlose Jugend, ein zermürbender Streit mit dem Papst, und am Ende von den eigenen Söhnen verraten - HEINRICH IV. war der größte Pechvogel, der je auf dem deutschen Kaiserthron gesessen hat

Was soll bloß aus diesem Kind werden? Der Junge ist noch keine sechs, als der Vater stirbt. Als er sieben ist, wird das erste Mordkomplott gegen ihn geschmiedet. Fünf Jahre später wird der Junge entführt, in ein fremdes Haus geschleppt und fortan von anderen erzogen. Die Mutter lässt es geschehen, sie wird nie versuchen, ihn zurückzubekommen. Schließlich wird der Junge Zeuge eines vielfachen Mordes: In der Stiftskirche zu Goslar zanken sich zwei Bischöfe um den ehrenvollsten Sitzplatz, schließlich blitzen Schwerter, und dann werden »auf Gottes Altären grausige Opfer abgeschlachtet, durch die Kirche rinnen allenthalben Ströme von Blut« - das schreibt der Chronist, das Kind hat den Schauplatz schnell verlassen, mit schreckgeweiteten Augen. Was wird aus so einem Jungen, angegriffen, verschleppt, traumatisiert? Nun, so einer wird deutscher Kaiser.

Und zwar nicht irgendeiner, sondern der, über den es nur wenige Bücher gibt und noch weniger Geschichten. Der in Geschichtsstunden so kurz behandelt wird, als sei er ein Hundehaufen, dem man lieber ausweicht. Dessen Name erst zu klingen beginnt, wenn man ihn mit einem Ort in Verbindung bringt: Canossa. Ach, der ist das: Deutscher König bittet den Papst um Vergebung. Im Büßergewand, im Winter, draußen. Über so einen haben nationale Historiker schnell ihr Urteil gesprochen: Passt nicht neben Karl den Großen. Und schon gar nicht zu den Recken aus der Nibelungen-Sage. Fügt sich nicht ein in glanzvolle Ahnengalerien. Als Bismarck 1872 in einer berühmten Reichstagsrede eine Grenze nach unten ziehen wollte, unter die das deutsche Volk auf keinen Fall fallen dürfe, sagte er: »Nach Canossa gehen wir nicht - weder geistig noch körperlich.« Nein, keiner geht dahin. Nur der arme Heinrich.

Dabei hatten sie so sehr auf ihn gewartet: Als Heinrich 1050 geboren wurde, hatte sein Vater Heinrich III. schon fast alles versucht, um einen Thronfolger zu zeugen: Seine erste Ehe zeitigte nur eine Tochter, dann starb die Frau. Die zweite, Agnes von Poitou, gebar zunächst vier Töchter, dann Heinrich. »Endlich« steht in den Annalen, und das erleichterte Aufatmen ist noch 950 Jahre später gut zu hören. Der Vater verliert keine Zeit, den Nachfolger in Amt und Würden zu drücken. Ein Jahr später Taufe. Sein Pate ist der Abt von Cluny. Mit vier Jahren feierliche Krönung in Aachen, ein Jahr nachdem schon die deutschen Fürsten dem Jungen Gehorsam gelobt hatten, allerdings mit dem einschränkenden Nachsatz: »si rector iustus futurus esset« - wenn er in Zukunft ein gerechter Herrscher sei.

Allerdings dauert es nur vier Jahre, bis die Edlen ihren Treueeid zum ersten Mal vergessen: Der König ist sieben, als die sächsischen Fürsten eine Mörderbande beauftragen, ihn zu töten. Der Anschlag scheitert nur, weil die gedungenen Ritter vorher in einem Scharmützel zu Tode kommen.

Fünf Jahre später ein weiterer Putschversuch: Zu schwach, zu zaghaft ist die Übergangsregentin, die Mutter Heinrichs, zu verlockend die Versuchung für die Fürsten, die Macht im Handstreich an sich zu reißen. Eine simple Entführung sollte reichen. Man muss den Jungen ja nicht gleich töten. So überredet im April 1062 eine erlauchte Schar aus Bischöfen und Edelmännern den jungen König, sich am Ufer des Rheins ein ganz besonders schönes Boot anzusehen. Der arglose Junge ist leicht zu begeistern. »Kaum hatte er das Boot betreten«, berichtet der Mönch Lampert von Hersfeld, »da umringten ihn die vom Erzbischof angestellten Helfershelfer, rasch stemmten sich die Ruderer mit aller Kraft in die Riemen und trieben das Boot in die Mitte des Stroms.« Natürlich ist der Knabe völlig überrascht, zum ersten Mal spürt er Todesangst - und tut nun das, was er auch als König zeit seines Lebens in Notsituationen tun wird: Er setzt alles auf eine Karte, springt in vollem Gewand in den reißenden Fluss, gerade noch können ihn die Entführer retten. Und noch eine Lektion lernt der Junge, als seine Mutter darauf verzichtet, ihr Kind zurückzuholen: dass nichts im Leben sicher ist, dass alles gefährlich ist, im Fluss ist und oft tödlich.

Die nächsten Jahre wächst Heinrich unter der Ägide des Erzbischofs Adalbert von Bremen auf, einem Mann, der wirklich nur so lange regieren will, bis der König erwachsen ist, und zu dem Heinrich noch mal, zum letzten Mal Vertrauen fasst. Aber auch diese scheinbare Sicherheit löst sich ein paar Jahre später in Nichts auf: Dann ist den Fürsten auch Adalbert zu mächtig geworden - auf einem eilends einberufenen Konzil vertreiben sie ihn aus seinem Bistum und aus der Nähe des Königs.

Auch die einschlägigen Chronisten lassen kaum etwas unversucht, um Heinrich in Misskredit zu bringen: Er habe die Frauen seiner Lehnsmänner geschändet, heißt es, und seine Schwester Adelheid von Landsknechten vergewaltigen lassen und sie dabei selber festgehalten. Aber diese Geschichten können nicht von Heinrich handeln, dem fehlt es an Brutalität, am unbedingten Willen sich durchzusetzen, mit welchen Mitteln auch immer. Nein, in jungen Jahren muss Heinrich IV. noch immer an das Gute geglaubt haben, symptomatisch sein Versuch, als 18-Jähriger die Scheidung von seiner Frau Berta durchzusetzen, mit der er schon als Fünfjähriger verlobt worden war. Als Heinrich dem Fürstentag eröffnet, dass er die Ehe auflösen möchte, sagt er, dass er Berta nichts vorzuwerfen habe, was eine Scheidung rechtfertige. Er stehe sich einfach mit ihr nicht gut, habe die Ehe nie vollzogen, jetzt wolle er die Menschen nicht länger täuschen. Die Fürsten sind verwirrt, ja, erschrocken ob dieser Eröffnung - denn sie widerspricht den Gepflogenheiten des Mittelalters völlig. Eigentlich ist es damals für einen hoch gestellten Mann ziemlich einfach, seine Frau loszuwerden: Man bezichtigt sie des Ehebruchs, Beweise sind leicht zu konstruieren, und in der Regel wird dann das Scheidungsbegehren von den ausnahmslos männlichen Würdenträgern abgenickt. Heinrich versucht es mit der Wahrheit - die Scheidung wird abgelehnt.

Nichts lässt der junge König unversucht, um sich Zustimmung und Loyalität zu erkaufen, zu Beginn seiner Regierungszeit verschenkt der Regent ein gut Teil seiner Pfründe. Ein Kloster hier, ein Fürstentum dort, Unterpfände für ein Wohlverhalten, das er nie bekommt. Die einzige machtpolitische Maßnahme Heinrichs bringt ihn fast zu Fall: Er lässt Burgen bauen, im elften Jahrhundert der letzte Schrei bei Monarchen im Abendland. Allerdings hat Heinrich sich als bevorzugten Baugrund Sachsen ausgesucht - eine Region, die Heinrichs Herrscherfamilie, den Saliern, noch nie besonders zugetan war. Die Sachsen erheben sich, mit mehr als nur lauwarmer Unterstützung der anderen Landesherren. Und Heinrich findet sich Monate später auf der Harzburg wieder, dem trutzigsten der neuen Verteidigungspunkte - vor der Burg steht das sächsische Heer, zu zahlreich, als dass die Belagerten lange durchhalten könnten. In dieser Situation setzt Heinrich auf das Mittel, dass bisher immer probat war - die Flucht, immerhin wurde er als Kind auch aus dem Rhein gerettet. Das Entkommen aus der Burg ist kein Problem, sie liegt wie alle mittelalterlichen Siedlungen inmitten eines riesigen Urwalds, aber der erschwert das Überleben. Drei Tage irren Heinrich und seine Begleiter durch das Unterholz, ohne Essen, dafür haben sie die Reichsinsignien, Zepter und Reichsapfel, im Gepäck. Sie schlagen sich bis Hersfeld durch, wo der Rest der Fürsten sich auf einen Feldzug gegen Polen vorbereitet, gegen die Sachsen möchte keiner ziehen, auch nicht, als Heinrich vor ihnen auf die Knie fällt. Sachsen bleibt ein Unruheherd, und Heinrich ein Herrscher ohne Macht und Männer, sein Leben, eine perfekt inszenierte Tragödie.

Denn in den Sommer der Sachsen-Unruhen, also ins Jahr 1073, fällt jenes Ereignis, dass Heinrich seinen Platz am Katzentisch der Geschichtsbücher sichern wird. In Rom ist der Mönch Hildebrand zum Papst Gregor VII. befördert worden, per Akklamation durch römische Bischöfe. Politisch ist diese Wahl ein Erdrutsch: Jahrhundertelang war die Papsternennung das Privileg der deutschen Könige gewesen, des damals mächtigsten Herrscherhauses. Die Investitur (Amtseinsetzung, vom lateinischen Wort für »bekleiden«) war Sache der weltlichen Herrscher, immer schon. »Ihr seid Bischöfe in der Kirche, ich aber bin der von Gott ernannte Generalbischof außerhalb der Kirche«, so definierte schon Kaiser Konstantin der Große seine Stellung gegenüber den Bischöfen. Damit beschrieb er das Gegengeschäft, welches Kirche und Könige lange Zeit bei recht guter Gesundheit gehalten hatte: Die Könige gaben weltlichen Besitz und militärischen Schutz - im Gegenzug erhielten sie das letzte Wort in allen Machtfragen und göttlichen Beistand. Die Ernennung von Papst Gregor VII. war in dieser Zeit so sensationell, als würde im 21. Jahrhundert der amerikanische Präsident versuchen, den Nachfolger von Johannes Paul II. zu bestimmen. Heinrich IV. aber erkennt die Tragweite dieser Entscheidung nicht, jedenfalls nicht gleich, zu schwach, zu abgekämpft ist er, als dass er sich jetzt gegen Rom wehren könnte. Und so schweigt der Deutsche nicht nur, sondern schickt dem Papst noch ein schriftliches Schuldbekenntnis, das zeigt, wie gut sich der traumatisierte 23-Jährige inzwischen unterwerfen kann: »Durch die Verlockung der Jugend verführt, haben wir vor Euch gesündigt und sind hinfort nicht mehr wert, Euer Sohn zu heißen.«

Kein Wunder, dass der neue Papst sich ermutigt fühlt, die begonnene Revolution mit voller Kraft fortzusetzen. 1075 legt er seinen Weltherrschaftsanspruch schriftlich nieder, die Bulle trägt den Titel »Dictatus Papae«, und von oben herab ist sie allemal. Artikel drei: Nur der Papst kann Bischöfe einsetzen. Artikel neun: Alle Fürsten küssen allein die Füße des Papstes. Artikel zwölf: Der Papst kann Kaiser und Könige absetzen. Mit diesen kargen Worten wird das Gefüge des mittelalterlichen Systems aus den Angeln gehoben.

Deutsche Fürsten und Bischöfe rebellieren unisono gegen die Anmaßungen Gregors. Und Heinrich? Der gibt bei Druck nach, anders kennt er es nicht. In einem Brief an Gregor VII. verdammt er denselben und droht mit gewaltsamer Absetzung. Die Reaktion aus Rom lässt nicht lange auf sich warten. Gegenbann, Exkommunikation. Und die Botschaft kommt nicht allein, sondern ist untrennbar verbunden mit jenen diplomatischen Schachzügen, die Heinrich so oft fremd blieben: Eventuell könne seine Heiligkeit auf die Exkommunikation der Bischöfe und Fürsten verzichten, wenn »diese sich der Gemeinschaft mit dem König enthalten« - so heißt es in den päpstlichen Botschaften, die Wanderprediger bis in den kleinsten Sprengel tragen. Die Angst vor Exkommunikation und nahtlos folgender Höllenfahrt ist beim mittelalterlichen Menschen sehr ausgeprägt - also folgt die erneute Kehrtwendung der Fürsten, sie zwingen ihren König, sich öffentlich den Gesandten des Papstes zu unterwerfen. In Tribur sagt ein gebrochener Heinrich »dass er aufgrund heilsamer Einsicht sein früheres Urteil geändert habe«. Macht erhält Heinrich durch dieses Einknicken nicht, sein Leben rettet er und seinen Titel. Mehr nicht. Übrig geblieben sind dem König jetzt nur ein paar Getreue und jenes Verhalten, das seine Jugend ihn gelehrt hat: bei starkem Druck nachgeben. Wenn die Gelegenheit da ist, alles auf eine Karte zu setzen. Nur so ist der nun folgende Gang nach Canossa zu verstehen.

Als Heinrich und seine Männer am 25. Januar die lombardische Ebene erreichen, haben sie einen Gewaltmarsch durch die Alpen hinter sich, in einem der härtesten Winter seit Menschengedenken. Vor ihnen ragt der 500 Meter hohe Felsklotz von Canossa in den Himmel, obendrauf eins der am schwersten zu bezwingenden Kastelle jener Zeit. Was geht Heinrich durch den Kopf während der drei Tage vom 25. bis zum 28. Januar 1077, an denen er barfuß und im weißen Büßergewand vor der Burg verharrt, lebendes Sinnbild von Schuld und Reue? Wahrscheinlich ist er sich nicht einmal darüber klar, dass er seinen Gegenspieler in eine Zwickmühle bringt, wahrscheinlich ist sein einzig gelungener diplomatischer Schachzug nicht geplant, sondern schieres Glück. Denn: Verzeiht der Papst dem König nicht, ist sein Ruf als gütiger Oberhirte beim gemeinen Volk dahin. Gregor weiß das und spricht den König vom Kirchenbann los - mit den logischen Konsequenzen: Die deutschen Fürsten kündigen diesmal dem Papst empört die Gefolgschaft auf, ernennen flugs einen Gegenkönig, der aber kurze Zeit später in einer Schlacht stirbt.

In dieses Machtvakuum stößt nun Heinrich: Das einzige Mal in seiner Regierungszeit versammelt er den deutschen Adel hinter sich und kürt 1084 den Gegenpapst Clemens III. Eine Woche später lässt er sich von diesem zum Kaiser krönen - welch einzigartig schöner Tag muss das gewesen sein. Als Kaiser bleiben Heinrich IV. noch 22 Jahre zum Regieren. Zwanzig Jahre, in denen sich erweist, dass der Gang nach Canossa nicht nur für Heinrich politisch überlebensnotwendig war. Im Wirrwarr der Gegenkönige und -päpste, die sich nun die Zepter der Macht in die Hand geben, der regional begrenzten Kriege und der ebenso begrenzten Friedensschlüsse hatte der Kaiser wenigstens einen Teil des alten Königsrechts herübergerettet: Noch in seiner Zeit kristallisiert sich die Trennung der Welt in einen sakralen und einen säkularen Bereich heraus, in Bischöfe ohne kaiserliche Lehen und Könige, die eben nicht mehr von Gottes Gnaden waren. Der Gang nach Canossa - keine Unterwerfung, sondern politischer Kompromiss.

Aber persönlich bleibt Heinrich nicht von weiterem Verrat verschont, sein Leben weigert sich, eine Wende zum Guten zu nehmen: Heinrichs zweite Frau verlässt ihn und verleumdet ihn bei kirchlichen und weltlichen Würdenträgern. Sein erster Sohn Konrad verrät seinen Vater schon als 19-Jähriger - in Italien lässt er sich zum König eines antikaiserlichen, antiväterlichen Städtebunds küren, nur um fünf Jahre später abgesetzt zu werden und dann an einem vergifteten Trank zu sterben.

Die letzte Verschwörung, den letzten Verrat, die letzte Kränkung lässt ihm sein zweiter Sohn angedeihen: Heinrich V., Nachfolger seines Vaters. Während eines Heerzuges gegen einen Regionalfürsten stiehlt sich der Sohn aus dem Feldlager des Vaters, um sich mit dessen politischen Feinden, allen voran den Fürsten, zu verbünden. Die Tat ist im familiären Sinne zutiefst unmoralisch, politisch unklug ist sie sicher nicht. Heinrich V. hatte erkannt, dass der inzwischen 54-jährige Heinrich wohl kaum in der Lage sein würde, die salische Dynastie noch lange erfolgreich zu verteidigen - und deswegen versucht der junge Wolf, das alt und lahm gewordene Leittier totzubeißen. Niccolò Machiavelli hätte für Heinrich V. viel Beifall übrig gehabt. Und der Sohn hat Erfolg: Schart immer mehr Fürsten um sich, verbündet sich mit dem Papst, gewinnt die wichtigen Schlachten und setzt den Vater schließlich auf einer Burg bei Bingen fest. Von dort schreibt Heinrich den letzten Brief an seinen Sohn, es ist eines seiner letzten schriftlichen Zeugnisse überhaupt, bevor er 1106 stirbt, es ist der Brief eines zeitlebens gedemütigten Menschen an einen Eiskalten: »Wir bitten dich also um der Würde des Reiches willen, lass Gerechtigkeit walten und uns in Ruhe und Frieden leben.« Frieden und Ruhe und Gerechtigkeit - nichts anderes hat sich dieser Kaiser gewünscht, er hat nichts davon bekommen und trotzdem, erschütternd begriffsstutzig, daran geglaubt, dass etwas Gutes in den Menschen sei.

Stephan Draf

Lesehinweis: Ernst W. Wies: Kaiser Heinrich IV. Canossa und der Kampf um die Weltherrschaft, Bechtle, 44 Mark.

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