Kriegstote Letzte Ruhe nach 60 Jahren


Fast 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist der Verbleib von Millionen Soldaten immer noch ungeklärt. Eine Herkules-Aufgabe für Erwin Kowalke - er ist Umbetter beim "Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge".

Sein Alltag ist der Tod, und doch bereitet sein Tun nicht Trauer, sondern Freude: Erwin Kowalke hat sich einen merkwürdigen Beruf ausgesucht. Er ist Umbetter in Brandenburg, bis vor wenigen Wochen als Angestellter des "Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge" (VDK), jetzt als freischaffender Rentner tätig.

Seine Aufgabe ist es, gefallene deutsche Soldaten auch Jahrzehnte nach dem Krieg noch zu identifizieren und ihnen noch eine letzte Ruhestätte zu ermöglichen. Eine wahre Sisyhos-Aufgabe! Läuft sein Erkundungsgebiet doch mitten durch die Frontlinien der beginnenden "Schlacht um Berlin".

Oft nur notdürftig bestattet

Allein zwischen Berlin und der polnischen Grenze werden bis zu 150.000 menschliche Überreste im Boden vermutet. Fast 50.000 sowjetische, polnische und deutsche Soldaten starben allein innerhalb weniger Tage bei den Gefechten auf den Seelower Höhen im Oderbruch, ebenso viele kamen bei der Kesselschlacht von Halbe südlich von Berlin ums Leben. Nach den Kämpfen wurden sie oft nur notdürftig bestattet. Der Verbleib von tausenden Soldaten ist bis heute ungeklärt.

Bis 1990 wurde Erwin Kowalkes Arbeit von staatlicher Seite unterdrückt - in der DDR galten die deutschen Soldaten als Täter, für deren würdige Beisetzung sich das SED-Regime nicht engagierte. Heimlich musste er unter dem Schutz der Kirche Gefallene bestatten. Deshalb herrschen in Brandenburg noch immer Verhältnisse, wie sie in West-Deutschland aus den Jahren nach dem Krieg bekannt sind. Bei Straßenbauarbeiten, der Deichsanierung oder auch nach systematischer Suche anhand von Wehrmachtsunterlagen - nahezu wöchentlich werden Überreste von Opfern der Kämpfe gefunden.

"Mehr als 8.000 Tote haben wir seit 1993 vor allem rund um Halbe und im Oderbruch gefunden", sagt Fritz Kirchmeier vom VDK. Etwa 40.000 Soldaten erhalten durch die Arbeit jedes Jahr eine letzte Ruhestätte. Nach Angaben des Suchdienstes vom Roten Kreuz ist trotzdem noch immer das Schicksal von 1,4 Millionen Deutschen aus dem von Hitler-Deutschland begonnenen Krieg ungeklärt.

Angehörige sollen "einen Ort der Trauer haben"

Warum tut man sich so etwas an? Kowalkes Motiv ist sein christlicher Glaube. Er habe die Gefallenen anständig begraben und den Angehörigen helfen wollen. "Für die Angehörigen ist es wichtig, dass sie einen Ort zur Trauer haben."

Viele Menschen werden am 16. November wieder die Soldatengräber besuchen. Gedenken am Volkstrauertag an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Die einstigen Gegner bleiben allerdings auch im Tod getrennt - gemeinsame Grabesstätten von deutschen und sowjetischen Soldaten gibt es kaum. Immer wieder werden in Brandenburg auch Überreste russischer Opfer gefunden, die dann der russischen Botschaft gemeldet und dann auf einem russischen Friedhof in Deutschland beigesetzt werden.

Versöhnung ist jedoch ein wichtiges Anliegen der Volksbund-Tätigkeit. Der Verein arbeitet in den einst von Deutschland überfallenen Ländern mit Einheimischen zusammen, hat in Frankreich, Russland, Polen und Ungarn Friedensparks angelegt. Er organisiert Jugendcamps zur Gräberpflege, "um die Jugendlichen für die Folgen von Krieg und Gewalt zu sensibilisieren", wie Kirchmeier sagt.

Erwin Kowalke gräbt derweil weiter im Brandenburger Boden nach sterblichen Überresten. Allein seit August sind im Oderbruch die Überreste von 86 Soldaten gefunden worden. Er leitete die Identifizierung in die Wege, sprach mit Angehörigen und organisierte die Trauerfeier.

Späte Gewissheit

Zu den Beigesetzten gehörte auch Jakob Schuth. Erst jetzt, mit 84 Jahren, hat Hedwig Schnurre Gewissheit über das Schicksal ihres ersten Mannes erhalten. Vor knapp 60 Jahren, am 13. März 1945, hat sie mit einem Brief das letzte Lebenszeichen von ihm erhalten. Er war 30 Jahre alt, als er starb.

Kowalke bettet den Sarg ganz an den Rand einer langen Reihe von Gräbern, hält ein kurzes Gebet. Frau Schnurre wirft nachdenklich eine Hand voll Erde hinab. "Nun ruhe in Frieden", sagt sie. Kowalke hat seinen Auftrag erfüllt.

Christoph Marx

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