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KZ Dachau: "Musterlager" für den Massenmord

Nach dem Reichstagsbrand 1933 entstehen in Deutschland rund 80 Konzentrationslager, eines der ersten in Dachau, das fortan als "Musterlager" gilt. Zehntausende werden ermordet oder sterben an Entkräftung.

"Die neue Heimat für 5000 kommunistische und sozialdemokratische Volksschädlinge." Willfährig und voller Zynismus wird in einem Zeitungsartikel von 1933 in der Überschrift die Errichtung eines Konzentrationslagers in Dachau bei München angekündigt. Zwölf lange Jahre - von der Errichtung am 22. März 1933 bis zur Befreiung durch US-Truppen am 29. April 1945 - dauert das Grauen, das KZ Dachau wird weltweit zum Synonym des Nazi-Terrors.

Mehr als 200.000 Menschen werden in Dachau inhaftiert, Zehntausende werden ermordet oder sterben an Entkräftung. "Dachau - die Bedeutung dieses Namens ist aus der deutschen Geschichte nicht auszulöschen", blickte der Publizist Eugen Kogon auf das Lager zurück, an das seit 40 Jahren eine Gedenkstätte erinnert.

Als eines der ersten Lager wurde das KZ Dachau errichtet - drei Wochen nach dem Reichstagsbrand Ende Februar 1933. Eine umgehend erlassene Verordnung ermöglichte es den Nationalsozialisten, Regimegegner für unbestimmte Zeit zu internieren. Im Laufe des Jahres 1933 werden in Deutschland rund 80 Konzentrationslager eingerichtet, die "Schutzhäftlinge" verschwinden hinter Mauern und Stacheldraht.

Schreckensmodell Dachau

Wenige Tage untersteht das KZ Dachau der bayerischen Polizei, dann übernimmt am 11. April 1933 die SS das Kommando. Dachau wird zum Schreckensmodell: "Hier wurden in den ersten Jahren die SS-Leute geschult, hier erhielten sie ihren militärischen und ideologischen Drill", sagt Gabriele Hammermann, stellvertretende Leiterin der KZ-Gedenkstätte. Auch Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß wird im Dachauer "Musterlager" ausgebildet.

Regimegegner, "Bettler", später Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Juden, Sinti und Roma sowie Kriegsgefangene - sie alle treten den entwürdigenden Weg vom Menschen zur Nummer an. Sie müssen ihre Wertsachen und Kleider abgeben, werden in Häftlingskleidung gesteckt. Neben ihrer Häftlingsnummer erhalten sie einen farbigen Winkel, mit dem sie endgültig jeder Individualität beraubt und einer Kategorie zugeordnet werden: Etwa ein rotes Dreieck für politische Häftlinge, ein schwarzes für "Asoziale". Meist wartet auf die Häftlinge Sklavenarbeit - etwa in der Rüstungsproduktion oder beim Bau von SS-Einrichtungen.

Auch in Dachau gibt es Gaskammern, doch dienen sie - anders als etwa in Majdanek oder Treblinka - offenbar nicht der massenhaften Vernichtung von Menschen. Doch auch das KZ Dachau und seine 169 Außenlager - von St. Gilgen am österreichischen Wolfgangsee bis Ulm, von Landshut bis Oberstdorf - sind Orte des Todes, mehrere 10.000 Häftlinge verlieren ihr Leben. Bisher wird die Zahl der Opfer mit rund 32.000 angegeben. Neue Forschungen gingen aber von 43.000 Toten aus, sagt Historikerin Hammermann. Nicht nur durch Entkräftung, Hunger und Ermordung sterben Häftlinge, Dachau wird auch zum Schauplatz grausamer medizinischer Versuche. Nachweislich 284 Menschen kommen bei Experimenten etwa zur Immunisierung gegen Malaria oder bei Höhenflugversuchen in einer Unterdruckkammer ums Leben.

Rund 700.000 Besucher jährlich

Trotz aller Schrecken im KZ Dachau dauerte es zwei Jahrzehnte, bis dem Wunsch der einstigen Häftlinge nach einer Gedenkstätte entsprochen wurde. "Es ist, als wollten die zuständigen Stellen, der Bund, das Land Bayern und die Stadt Dachau, das Konzentrationslager aus der Erinnerung löschen", klagte 1959 der einstige Häftling Pater Leonhard Roth. 1965 wurde endlich die KZ-Gedenkstätte eröffnet - und zieht bis heute alljährlich rund 700.000 Besucher an.

"Als ich mit den Führungen begonnen habe, konnte ich das nur unter Tabletten", erinnert sich der 83-jährige frühere Dachauer Häftling Max Mannheimer. Seit 16 Jahren führt der Vorsitzende der Lagergemeinschaft Dachau, einer Organisation ehemaliger Häftlinge, Besucher an den grausigen Ort. "Durch dieses Erzählen kann ich mit der Vergangenheit umgehen", sagt Mannheimer, der mehrere Familienmitglieder in Auschwitz verlor. "Ich will das Schicksal einer ganzen Familie vermitteln. Solange ich kann, mache ich das."

Noch immer ist das Ringen um den Umgang mit der Vergangenheit in Dachau nicht beendet. So setzt sich die "Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der Dachauer Zeitgeschichte" dafür ein, dass das heute auf einem benachbarten Gelände der Bayerischen Bereitschaftspolizei gelegene ehemalige Gebäude der SS-Kommandatur in die Gedenkstätte einbezogen wird. Und auch der Weg, den die Häftlinge einst auf der "Straße der SS" in die Unfreiheit nehmen mussten, sollte von den Besuchern wieder nachvollzogen werden können, fordert Hammermann: "Es ist der große Wunsch der ehemaligen Häftlinge und der Gedenkstätte, diesen Weg wieder zugänglich zu machen."

Michael Fox/DPA / DPA