Öffentlicher Massenprotest Das Wunder in der Rosenstraße


Als die Nazis am 27. Februar 1943 in der "Fabrik-Aktion" zum letzten Schlag gegen die noch im Deutschen Reich lebenden Juden ausholten, entwickelte sich in der Berliner Rosenstraße ein einzigartiger öffentlicher Massenprotest.

Die Lastwagen mit den SS-Männern kamen im Morgengrauen. "Die Werkssirenen schrillten, die Vorarbeiter schrien "schnell, schnell, Maschinen abstellen und auf den Hof!"", erinnert sich Hans-Oskar Baron Löwenstein de Witt. Es war das Frühjahr 1943. Der damals 16-jährige Berliner, Kind eines jüdischen Vaters und einer evangelischen Mutter, musste als "Geltungsjude" Zwangsarbeit in der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik in Borsigwalde leisten. "Wir stanzten in Zwölf-Stunden-Schichten Munition", erzählt Löwenstein de Witt in seiner kleinen Sozialwohnung nahe der Gedächtniskirche. Dort erinnern zahllose Fotos, alte Ausweise und kostbares Silber an das außergewöhnliche Schicksal seiner adligen Familie.

Letzter großer Schlag

An jenem Morgen des 27. Februar 1943 holte die Gestapo mit der so bezeichneten "Schlussaktion Berliner Juden" - auch "Fabrik-Aktion" genannt - zu einem letzten großen Schlag gegen die noch im Deutschen Reich lebenden Juden aus. An ihren Arbeitsstellen, in ihren Wohnungen und auf der Straße wurden in Berlin tausende Menschen von Gestapo-Beamten und gewöhnlichen Polizisten verhaftet, um sie kurze Zeit später in die Vernichtungslager zu transportieren. Nach den Vorstellungen von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels sollte so das "Judenproblem endgültig gelöst" werden.

Nach einem Tag im überfüllten Sammellager in der Levetzowstraße musste Hans-Oskar wieder auf ein Lastauto steigen. Schon auf dem Richtung Innenstadt rumpelnden Wagen merkten er und seine Mitgefangenen, dass sie von Hitlers Schergen offenbar ganz speziell ausgewählt worden waren. "Wir hatten alle entweder eine "arische" Mutter, eine "arische" Ehefrau oder einen "arischen" Vater", sagt Löwenstein de Witt. Zwischen 1500 und 2000 Menschen, die nach den "Nürnberger Gesetzen" als "arisch versippt" galten, wurden in das ehemalige jüdische Wohlfahrtsamt in der Rosenstraße in Berlin-Mitte gebracht.

Einziger öffentlicher Massenprotest

Wie durch ein Wunder kamen die dort Gefangenen nach zwei Wochen frei. Im einzigen öffentlichen Protest im Nazi-Deutschland widersetzten sich mit jüdischen Männern verheiratete, verlobte und befreundete Frauen den Deportationsplänen. 25 bereits nach Auschwitz deportierte Menschen wurden von den Nazis sogar wieder zurückgeholt. Das Besondere dabei war, dass sie offiziell mit Ausweispapieren versehen entlassen wurden. Eine Woche hielten sie den Protest Tag und Nacht durch. 600 oder mehr waren zur selben Zeit vor dem Haus versammelt, am Ende hatten Tausende am Protest teilgenommen, über die genaue Zahl herrscht Uneinigkeit.

Unter den Inhaftierten seien die schlimmsten Gerüchte umgegangen, erzählt der heute 78-jährige Löwenstein de Witt. Würden sie alle sterilisiert werden, um weiteren "jüdisch-versippten" Nachwuchs zu verhindern? Werden sie nach Theresienstadt deportiert? Oder hält vielleicht irgendeiner der ganz oberen NS-Bonzen seine schützende Hand über sie? "Erst nach drei Tagen habe ich beim Warten vor den wenigen Toiletten meinen Vater getroffen", sagt Löwenstein de Witt. "Da sind wir uns erst einmal in die Arme gefallen."

Zwischen Angst und Hoffnung

Eine "Mischung aus Angst und Hoffnung" habe ihn beherrscht, sagt er. In der weitläufigen Verwandtschaft der Familie waren auch einflussreiche, dem Regime nahe stehende Männer. "Der Riss ging durch unsere Familie", erklärt Löwenstein de Witt, wenn er vom Großonkel Wolf Heinrich Graf von Helldorf, dem damaligen Polizeipräsidenten von Berlin, erzählt. Oder von Tante Elisabeth, genannt Li, die mit dem ehemaligen Oberbürgermeister von Potsdam, einem Freund des letzten Kaisers Wilhelm II., verheiratet war. Der eingeschlossene Hans-Oskar schöpfte Hoffnung: "Was kann denn schon passieren, Tante Li hat das Goldene Parteiabzeichen", beruhigte sich der Jugendliche.

Immer mehr Frauen versammelten sich in der Rosenstraße. "Gebt uns unsere Männer wieder!", schrien die Verzweifelten den mit Maschinengewehren auf sie zielenden SS-Männern entgegen. Unter ihnen auch Tante Li und Hans-Oskars Mutter Johanna. Warum die Gefangenen schließlich frei kamen, das ist bis heute nicht ganz geklärt. Unter Historikern ist umstritten, ob die Männer ausschließlich auf Druck der Straße freikamen oder tatsächlich zu diesem Zeitpunkt gar nicht deportiert werden sollten. Löwenstein de Witt aber ist sich sicher: "Nur der Protest der Frauen hat unsere Freilassung bewirkt."

Denkmal als Erinnerung

Nach weiterer Zwangsarbeit und einem Leben in wechselnden Verstecken erlebte er das Kriegsende zusammen mit seinem Vater in einem schließlich von den Russen befreiten Lager in Berlin-Wedding. Das Haus in der Rosenstraße 2-4 steht heute nicht mehr. In der Sackgasse zwischen dem Hackeschen Markt und der Marienkirche an der Karl-Liebknecht-Straße erinnert ein Denkmal an den Aufstand der Frauen in der Rosenstraße.

"Nicht jeder Widerstand unmöglich"

Der amerikanische Historiker Nathan Stoltzfus erklärt den Erfolg des Protests in seinem Buch "Widerstand des Herzens. Der Aufstand der Berliner Frauen in der Rosenstraße - 1943" aus dem unmittelbaren Kontext. Zum Zeitpunkt des Protests sei das Regime kurz nach der Niederlage der Sechsten Armee in Stalingrad und angesichts stark zunehmender Bombardements deutscher Städte durch die Alliierten besonders verwundbar gewesen. Darüber hinaus sei die Führung auf die weitere Unterstützung der Bevölkerung in dem gerade erklärten "totalen Krieg" angewiesen gewesen. Nach Ansicht des Autors Richard Bessel wurden die Inhaftierten nicht deportiert, weil sich die Nazis vor "öffentlicher Unruhe" gefürchtet hätten.

Warum die Geschichte um die Rosenstraße bislang kaum Beachtung fand, erklärt Nina Schröder in ihrem Buch "Die Frauen der Rosenstraße. Hitlers unbeugsame Gegnerinnen": "Es blieb verdächtig ruhig um die Rosenstraße nicht zuletzt wohl auch deswegen, weil niemand wirklich wahrhaben wollte, was die Frauen dort bewiesen hatten: dass nicht jeder Widerstand unmöglich und von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen wäre."

Vor der "Fabrik-Aktion" lebten in Berlin noch etwa 27.000 Juden. Überlebt haben den Holocaust rund 8.000, darunter auch jene, die durch den Protest ihrer Angehörigen befreit worden waren und die Zeit bis Kriegsende überstanden.

Elke Vogel/DPA DPA

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