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Papst Paul VI.: "Der Pillen-Feind"

Sein hartes "Nein" war selbst Vatikaninsidern unverständlich: Der eher scheue Papst Paul VI. verkündete 1968 in seiner Enzyklika "Humanae Vitae" das Verbot jeder künstlichen Geburtenkontrolle - der "Anfang der Entfremdung".

Er war der erste "Reisepapst", der erste Papst auch, der sich in ein Flugzeug setzte. Aber das hat die Welt längst vergessen. Dagegen denken Millionen Gläubige und Laien noch heute mit gemischten Gefühlen an Papst Paul VI. zurück. Der ansonsten eher scheue Italiener verkündete 1968 in seiner Enzyklika "Humanae Vitae" das kompromisslose Verbot jeder künstlichen Geburtenkontrolle. "Anfang der Entfremdung", urteilen Kritiker noch heute. Am 6. August 1978 starb Paul VI. - auch 25 Jahre später gilt das "Pillen-Verbot" als Inbegriff der Erstarrung in der katholischen Kirche.

Sonntag, 6. August 1978, ein extrem heißer Tag in Rom. Der 80-jährige Kirchenführer, der mit bürgerlichen Namen Giovanni Battista Montini hieß, ist in seine Sommerresidenz in Castel Gandolfo hoch in die kühlen Albaner Berge geflüchtet. Als die Menschen am Abend von seinem Tod erfuhren, knien viele auf den Straßen nieder. In dem kleinen Ort gehen alle Lichter aus, in Rom erschüttert der Klang der Totenglocke von St. Peter die Stadt.

"Mann zwischen den Zeiten"

Es dauerte damals nicht einmal zwei Stunden, bis Beobachter und Journalisten das (scheinbar) passende Etikett für den Verstorbenen gefunden hatten: Übergangspapst, "Mann zwischen den Zeiten". So werden in der Kirche gemeinhin "schwächere" Päpste genannt. Tatsächlich musste Paul VI. bei seiner Wahl 1963 die schwierige Aufgabe übernehmen, die vom legendären Papst Johannes XXIII. mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eingeleitete Öffnung der Kirche fortzusetzen - so ganz gelungen ist ihm das nicht.

"Hamlet im Vatikan", nannte ihn sein Vorgänger, wegen seiner grüblerischen Nachdenklichkeit. Dennoch setzte der neue Papst durchaus einige Zeichen: Er reiste als erster Papst ins Heilige Land, obwohl der Vatikan Israel damals noch nicht diplomatisch anerkannt hatte. Kritiker monieren heute, ihm sei damals das Wort "Israel" (wenn überhaupt) nur extrem schwer über die Zunge gekommen. Er fuhr auch zur UN nach New York und sprach dort für den Frieden. In Indien rief er - von der Armut erschüttert - zur Hilfe für den Süden auf.

Proteste von Berkley bis Berlin

Doch das alles ist rückwirkend überschattet von jenem kurzen aber schneidend-kompromisslosen Halbsatz in seiner "Pillen Enzyklika", "dass jeder eheliche Akt offen bleiben muss für die Weitergabe des Lebens". Das war 1968, dem "Protestjahr": Von Berkley bis Berlin demonstrierten die Studenten damals für "antiautoritäre Strukturen", in Deutschland rollte die "Aufklärungswelle". Junge Mädchen gingen damals hinter dem Rücken der Eltern zum Frauenarzt und ließen sich die Anti-Baby-Pille verschreiben.

Aber auch Millionen Ehepaare in "gläubigen" Ländern wie Italien, Spanien und in Lateinamerika lebten bereits mit der Pille. "Sie alle wurden durch die Enzyklika in Gewissensnöte gestürzt", meint ein deutscher Theologe in Rom heute. Ihr Verhalten verändern - das taten die meisten freilich nicht.

Entscheidungsschwach und hilflos

Das harte "Nein" des damals 71-jährigen Papstes war selbst manchen Vatikaninsidern unverständlich. Anfangs soll es bei den Beratungen zu "Humanae Vitae" sogar eine Mehrheit für ein "Ja zur Pille" gegeben haben. Das sich der ansonsten eher als entscheidungsschwache Paul VI. ausgerechnet in dieser Frage so hart gab, war vielen ein Rätsel. Wenig später begann in Deutschland die Welle der Kirchenaustritte. Überhaupt, auf die Protestbewegung der 60er und 70er reagierte Paul VI. eher hilflos. Dagegen bot er sich 1977 bei der Entführung der Lufthansa-Maschine durch Terroristen nach Mogadischu mutig als Geisel an, wenn auch vergeblich.

Sein Tod am 6. August leitete damals das "Drei-Päpste-Jahr" ein: Am 26. August wurde Papst Johannes Paul I. gewählt, doch der starb nach nur 33 Tagen im Amt. Dann fiel die Wahl auf den jungen Polen Karol Wojtyla, der das Gesicht der Kirche veränderte wie kein anderer Papst der Neuzeit - auch er als "Reisepapst" und als strikter Gegner der künstlichen Geburtenregelung.

Peer Meinert / DPA