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Schleyer-Entführung: Ein Foto geht um die Welt

5. September 1977, 17.28 Uhr. Eine der dramatischsten Terroraktionen in der deutschen Geschichte nimmt ihren Lauf. Die RAF hatte Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer als Geisel genommen.

Der "Deutsche Herbst" begann an einem lauen Spätsommertag: Am 5. September 1977 wird im noblen Kölner Stadtteil Lindental Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer von der Arbeit nach Hause chauffiert. Dem Konvoi Schleyers stellt sich ein weißer Mercedes in den Weg, ein Paar schiebt einen Kinderwagen auf die Straße. Plötzlich wird aus der lapidaren Szene ein blutiges Gemetzel: Das Pärchen mit dem Kinderwagen zückt Schnellfeuerwaffen und beginnt mit zwei Komplizen in die beiden Mercedes-Limousinen Schleyers zu schießen - die drei Personenschützer werden von mehr als 100 Kugeln durchsiebt. Auch Schleyers Chauffeur stirbt.

Den Arbeitgeberpräsidenten selbst schaffen die Täter - ein vierköpfiges Kommando der Rote-Armee-Fraktion - in einem VW-Bus weg. Nun beginnt eine in der Geschichte der Bundesrepublik beispiellose Fahndung, in deren Verlauf die sozialliberale Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt und die Demokratie auf die bisher härteste Probe gestellt werden. Am tragischen Ende steht die Ermordung Hanns-Martin Schleyers am 18. Oktober 1977. Die Tage bis dahin werden als "Deutscher Herbst" bekannt, was auch das Ende einer Ära bedeutet: Auf die unbeschwerte Studentenbewegung der 68er war eine Welle sinnloser Gewalt und Terrors gefolgt.

Das Ziel der Terroristen war keine Überraschung - Schleyers Vita entsprach exakt dem Feindbild der RAF: Bereits mit 16 wandte sich der 1915 in Offenburg Geborene den Nationalsozialisten zu. Zuerst war er bei der Hitlerjugend, später bei der SS. Als Leiter des NS-Studentenwerkes war er unter anderem an der Gleichschaltung der Prager Karls-Universität nach 1939 beteiligt.

Allerdings galt Schleyer nach dem Krieg nur als "harmloser Mitläufer" und machte bei Daimler-Benz Karriere. 1973 erschien sein Buch "Das soziale Modell", in dem er sich kompromisslos gegen jeden systemfremden Eingriff in die Marktwirtschaft wandte. Im selben Jahr übernahm er die Präsidentschaft der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, die er in der Folge von einer harmlosen Verband zu einer schlagkräftigen Lobby verwandelte. Außerdem wurde er 1977 Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Industrie, was ihm eine in Westdeutschland bis dahin unbekannte Machtfülle als Industriefunktionär sicherte.

Schlimme Fahndungspanne der Polizei

Die Entführer schafften Schleyer in eine Hochhaus-Wohnung im nahe gelegenen Erftstadt-Liblar. Der Arbeitgeberpräsident wurde an einem Wandschrank angekettet. Es folgte eine schlimme Fahndungspanne der Polizei: Der Hausmeister des Liblarer Hauses gab den Verdachtshinweis, dass hier eine Wohnungskaution in bar bezahlt worden war. Doch die Information, mit der Schleyer fast sicher gefunden worden wäre, ging in den Papierbergen der Polizei unter. Die RAF forderte die Freilassung von zehn inhaftierten Gesinnungsgenossen. Die Bundesregierung beschloss, hart zu bleiben und reagierte mit der Isolierung der Häftlinge. Bundeskanzler Schmidt nahm auch den Konflikt mit Schleyers Familie in Kauf, die verzweifelt versuchte, die Forderung nach 15 Millionen US-Dollar zu erfüllen.

Die Zermürbung auf beiden Seiten stieg. Nach dem 8 Oktober ging ein RAF-Foto des entführten Schleyer um die Welt - mit dem Schild und der Aufschrift "seit 31 Tagen Gefangener" um den Hals. Am 13. Oktober brachte ein palästinensisches Kommando die Lufthansa-737 "Landshut" auf dem Flug von Palma nach Frankfurt in ihre Gewalt und forderte die Erfüllung der Forderung Schleyer-Entführer.

Das Kabinett Schmidt entschloss sich zum harten Durchgreifen - und schickte ein GSG-9-Kommando nach Mogadischu, wo die Maschine mit 91 Geiseln an Bord nach vier Tagen Irrflug am 17. Oktober ankam. In der Nacht zum 18. Oktober wurden die Geiseln ohne Blutvergießen befreit. Daraufhin töteten sich die Häftlinge Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim. Am nächsten Tag wurde die Leiche des Arbeitgeberpräsidenten im Kofferraum eines Autos im elsässischen Mülhausen gefunden.

Boocks Buch zum Jahrestag

Erst im April 1998 löste sich die RAF auf und erklärte die "Stadtguerilla" für beendet. Einer der Entführer, der sich schon länger vom Terrorismus losgesagt hatte, hat sogar pünktlich zum Jahrestag ein Buch über die Tat geschrieben. Peter-Jürgen Boock gibt darin laut Verlag "erstmals Auskunft darüber, was sich zwischen den Geiselnehmern und ihrem Opfer ereignete". (Peter-Jürgen Boock: Die Entführung und Ermordung des Hanns-Martin Schleyer, Eichborn-Verlag, Frankfurt)

Aber immer noch wurde und wird nach untergetauchten Terroristen gefahndet. Im Mai 2001 meldete die Bundesanwaltschaft sogar, dass frühere RAF-Leute wieder aktiv geworden seien. Nach einem Überfall auf einen Geldtransporter seien die Ex-RAF-Mitglieder Daniela Klette und Ernst Volker Staub ins Visier der Terrorfahnder geraten.

Nikolaus von Twickel