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Tibet-Konflikt: 50 Jahre Ausnahmezustand

Angst vor Blutvergießen: Tibets Belagerungszustand im Frühjahr hat Tradition. Mönche und Laien demonstrieren alljährlich am 10. März gegen die chinesische Regierung. In diesem Jahr riegeln Soldaten die Klöster ab, China will Proteste unter allen Umständen verhindern. Was aber geschah vor 50 Jahren, als der Tibetaufstand in Lhasa seinen Anfang nahm?

Von Mareike Rehberg

Das Drama beginnt mit einer ungewöhnlichen Einladung: Die chinesische Volksbefreiungsarmee bittet im März 1959 den 14. Dalai Lama, einer Theateraufführung außerhalb der tibetischen Hauptstadt Lhasa im militärischen Hauptquartier beizuwohnen. Zunächst verschiebt der 23-jährige Tenzo Gyatso die Einladung, schließlich einigt man sich auf den 10. März. Das Seltsame: Die chinesischen Armeeoffiziere fordern, dass das geistliche und weltliche Oberhaupt der Tibeter seine Leibgarde zu Hause lässt und auf eine öffentliche Zeremonie für seine Prozession zum Hauptquartier verzichtet. Eine solche Aufforderung zum Traditionsbruch hatte es noch nie gegeben.

Ein Teil der tibetischen Bevölkerung ahnt sofort, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Schnell machen Gerüchte über eine mögliche Entführung des Dalai Lamas die Runde. Etwa 300.000 Tibeter kommen daraufhin vor seiner Residenz zusammen und versuchen, ihn vom Besuch der Theateraufführung abzuhalten. Mehrere Tage verharren sie vor dem Palast, ins Theater geht der Dalai Lama nicht.

Chinas Anspruch auf Tibet erstarkt nach Gründung der Volksrepublik

Schon Jahre vorher erhob China Anspruch auf Tibet. Die tibetische Unabhängigkeitserklärung von 1913 betrachtete das Reich als völkerrechtlich unwirksam. War es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgelenkt durch Bürgerkriege und den Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg, erwachte nach der Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 das Besitzdenken der Kommunistischen Partei (KP).

Im Herbst 1950 marschierte China im tibetischen Chamdo ein. Dem hatten die schlecht ausgerüsteten Tibeter kaum etwas entgegenzusetzen. Tibets darauffolgender Hilferuf an die Vereinten Nationen verhallte ungehört. Nach und nach machte China seinen Einfluss auf Tibet stärker geltend. Nach dem 17-Punkte-Abkommen von 1951 sollte Tibet im Reich der Mitte aufgehen. Aus tibetischer Sicht ist das Abkommen heute ungültig, da es unter militärischem Druck Chinas zustande kam. Zunächst schien China dabei noch Zugeständnisse zu machen: Tibets regionale Autonomie und Religionsfreiheit sollten ebenso erhalten bleiben wie das bis dato existierende politische System.

Doch schon im Herbst 1951 stationierte die Volksbefreiungsarmee in Lhasa fast ebenso viele Soldaten wie Tibet Einwohner hatte. Das neu geschaffene Autonome Gebiet Tibet wurde als chinesische Provinz behandelt und der Versuch der KP, Volkskommunen zu errichten und Nomaden sesshaft zu machen, sorgte bei der Bevölkerung für Unmut. Bereits 1955 schlug die chinesische Armee erste Proteste blutig nieder.

Der Dalai Lama flieht ins indische Exil

Als nun vier Jahre später der Dalai Lama ohne Schutz seine Residenz verlassen soll, protestieren Gegner der chinesischen Herrschaft am 12. März auf Lhasas Straßen. Das Militär auf beiden Seiten bereitet sich auf eine Auseinandersetzung vor. Auch vor dem Norbulingka, der Sommerresidenz des Dalai Lama, bringt das chinesische Militär Teile seiner Artillerie in Stellung. Als die Residenz am 17. März beschossen wird, flüchtet der 14. Dalai Lama mit Hilfe des tibetischen Militärs ins indische Exil nach Dharamsala.

Zwei Tage dauern die darauffolgenden Kampfhandlungen, in denen die zahlenmäßig stark unterlegene tibetische Armee keine Chance hat. Chinas Volksbefreiungsarmee bombardiert die Hauptklöster in Lhasa, in denen viele Mönche unter den Trümmern begraben werden, entwaffnet die übrig gebliebenen Leibwächter des Dalai Lama und richtet sie öffentlich hin. Viele Mönche und Sympathisanten werden festgenommen oder gleich getötet, ihre Klöster und Tempel stehen offen für Plünderer. Allein auf tibetischer Seite fordert der Aufstand rund 86.000 Tote, eine gewaltige Zahl bei etwa zwei Millionen Einwohnern.

Die Folgen dieses blutigen Konflikts sind bis heute zu spüren. 1965 rief China die Autonome Region Tibet aus. Während der chinesischen Kulturrevolution in den 60’er und 70’er Jahren zerstörten die roten Garden nahezu alle Klöster und Kulturdenkmaler. Immer wieder kommt es zu Unruhen, gerade wenn sich der Tibetaufstand jährt.

Im vergangenen Jahr lieferten sich chinesische Militärs und tibetische Mönche besonders brutale Auseinandersetzungen. Wenige Monate vor Beginn der Olympischen Spiele befand sich die Gegend um Lhasa in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand. Das chinesische Militär schoss auf unbewaffnete Demonstranten, nach exiltibetischen Angaben kamen mehr als 200 Tibeter ums Leben, aber auch Dutzende von Chinesen wurden von Tibetern getötet. Während der Dalai Lama seit eh und je zu gewaltlosen Protesten aufruft, sehen viele junge Tibeter Gewalt mittlerweile als einzige Möglichkeit.