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Toni Krahl: Vom Staatsfeind zum Ostrocker

Typische 68er tragen feinen Zwirn und distanzieren sich von ihren früheren Thesen. Nicht so Toni Krahl. Mit seiner Rock'n-Roll-Band City sollte er dem Westen den Ostgeist zeigen - und wurde berühmt. stern.de beschreibt das Leben der Ost-Rocklegende.

Von Judka Strittmatter

Die 68er: nur ein Stück westdeutsche Geschichte? Nur das Aufbäumen der Jugend zwischen Kiel und Augsburg? Der Lebenslauf von Toni Krahl, Frontmann der legendären Ostband City, heute 58 Jahre alt, widerspricht dieser Annahme. Was '68 ausmachte - Lebensgefühl, Freiheitsdrang, Staatskritik - drängte auch im Osten an die Oberfläche, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Mut, zu opponieren brauchte man in der DDR noch mehr, die DDR ging gegen ihre Blumenkinder weitaus drakonischer vor als der Westen gegen seine. Auch Toni Krahl und Freunde hatten damals eine lange Mähne, trugen Parka, hörten Rock'n Roll. Typen wie sie galten den Parteitreuen als "Gammler" und wurden schon ob ihres Äußeren als Staatsfeinde einsortiert. Man war 18, hörte Rias, traf sich in der Mocca-Milch-Eisbar in der Karl-Marx-Allee in Ostberlin und trug als Zeichen höchster Lässigkeit die Schulhefte und -bücher nicht in einem Ranzen in die Schule, sondern in einem alten Hebammenkoffer aus Leder. Kultstück der DDR-68er.

Biermanntexte wurden heimlich weitergereicht, und einer aus Krahls Kreisen, der Biermann privat kannte, wurde nach jeder Begegnung mit dem Künstler heftigst ausgequetscht. Jede Äußerung, jeder Gedanke, jede Andeutung in Richtung Regimekritik befeuerte die Hoffnung der Jungen, dass sich etwas ändern könnte im Arbeiter- und Bauernstaat. Prag, die Hauptstadt des "Sozialistischen Bruderlandes" CSSR, war damals Sehnsuchtsort für junge Ossis. Dort schmeckte das Bier besser, war die Kulturszene war weiter, "und sowieso fühlte man sich im Ausland immer ein bisschen freier", erinnert sich Krahl. Dass ihn Prag und der Einmarsch der Russen für ein paar Monate in den Knast bringen würden, ahnte er seinerzeit so wenig, wie er das Ende der DDR wollte. Eine andere wollte er sehr wohl. "Ich sah es als Pflicht an, als junger Mensch meine Meinung zu sagen. Und ich wollte nicht einsehen, dass der Sozialismus nicht lustig sein darf."

Sympathie für den Widerstand im Nachbarland

Glienicke im Norden von Berlin, fast 40 Jahre später: Toni Krahl lebt hier seit 25 Jahren, heute mit Frau und kleiner Tochter. Eine Katze streift durchs Haus, und Krahl schleppt aus einem Nebenraum eine Kiste herbei, in der sein Leben liegt - Fotos, alte Briefe, Dokumente. Nichts ist sortiert, sondern so, wie es im Laufe der Jahre anfiel, oben drauf gekommen. Bilder von einem jungen, bildhübschen Burschen beispielsweise, noch weit entfernt vom coolen Glatzkopfrocker der Achtziger. Krahl mit Langhaarmatte Ende der Sechziger - davon findet sich nichts in der Kiste.

Die Krahls lebten damals in Oberschöneweide. Der Vater, Journalist beim Parteiorgan "Neues Deutschland" (ND), war ein linientreuer Genosse, ein Betonkopf war er nicht. Er wollte eine DDR mit menschlichem Antlitz. Mit seinem Sohn und dessen Freunden stritt er darüber. Doch dann der 21. August 1968: Russische Panzer besetzen Prag, Toni Krahl und Freunde sind schockiert. Sie wollen ihre Meinung dazu sagen. Sie schmuggeln sich in die Tschechische Botschaft und legen dort Flugblätter aus, die Sympathie ausdrücken für die Widerständler im Nachbarland. Sie postieren sich am 26.8.1968 vor der Botschaft der UdSSR und halten eine Schweigekundgebung ab. Die Stasi observiert.

Krahl lehnt es ab, in den Westen zu gehen

Das Unternehmen Schweigedemo Unter den Linden, erinnert sich Krahl, endet in einer Hetzjagd à la Hollywood: Er rennt weg, die MfSler (Ministerium für Staatssicherheit) folgen ihm. "Dass sie mir die Haare abschneiden würden, hatte ich erwartet, dass sie mich in den Knast stecken würden, nicht." Auch wenn er ihnen Unter den Linden noch davonkommt, so kriegen sie ihn doch. Krahl wird verraten. Und findet sich alsbald in Pankow wieder, in Untersuchungshaft der Stasi. Von Stund an ist er nicht mehr Toni Krahl, sondern "Nummer 84 links". Verhöre folgen, tagelang, Krahl soll Hintermänner preisgeben, doch es gibt keine: "Ich war der Hintermann!" Später sucht ihn ein Anwalt in der Zelle auf, "ein schicker Mann, mit einem Anzug, maßgeschneidert, wie ein Westler sah der aus".

Es ist Wolfgang Vogel, Unterhändler der DDR, zuständig für den Häftlingsfreikauf. Sein Ansinnen, Krahl in die Freiheit, sprich in den Westen zu verhelfen, schlägt fehl, der Eingesperrte lehnt das Angebot ab. Jung, naiv und gutgläubig denkt er sich damals: "Das wird noch besser hier, das kriegen wir noch hin." Selbst die Schikanen seiner Familie gegenüber trüben seine Loyalität nicht. Krahls Vater verliert seinen Journalistenjob beim ND, wird ins Archiv strafversetzt. Der eingesperrte Sohn ist auch in Oberschöneweide Thema, die Nachbarn reden von nun ab böse über Krahls. Die Mutter, damals in der "Wohngebietsparteiorganisation", leidet darunter, die Familie zieht nach Pankow.

Vater Krahl schreibt seinem Sohn ins Gefängnis: "Bemitleide Dich nicht selbst, über verschüttete Milch soll man nicht weinen. Was du Dir eingebrockt hast, musst du auslöffeln. Tue es wie ein Mann. Wir erwarten das von Dir." Um die Treue seines Vaters muss der junge Mann indes nicht bangen: "Du wirst immer unser lieber Junge bleiben."

Mit City wird Krahl berühmt

Von einen auf den anderen Tag dann Krahls Entlassung, die Veurteilung zu drei Jahren wird zur Bewährung ausgesetzt. Abholen kommt ihn niemand - die Eltern sind nicht informiert. Ein Studium bleibt ihm verboten, so besorgt der Vater einen Lehrplatz bei den Schlossern im "Werkzeugmaschinenkombinat 7. Oktober". Krahl zieht die Lehre durch und holt das Abi nach, macht aber bald nur noch Musik, von der er auch gut leben kann. Mit seiner Band City wird er berühmt.

Eine Entschuldigung seitens der Staatsmacht hört Krahl nie, aber 1978, zehn Jahre nach Prag, lässt man City auch im Westen spielen. Der Staat will Geld verdienen mit den Rock'n Rollern. Und sie, sie wollen mal gucken, wie's drüben so ist. Noch heute sind sie unterwegs, nicht mehr im großen Stil, aber doch stetig, und erst jüngst standen 35 Jahre City-Jubiläum an. So gesehen ist Toni Krahl kein typischer 68er: Weder trägt er heute feinen Zwirn, noch distanziert er sich von seinen früheren Thesen. Nur ein Sommerhäuschen hat er auch. Nicht in der Toskana, aber auf Zypern.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(