HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

Luisa Neubauer zu Corona: Wir sind jetzt alle Aktivisten

In der Corona-Krise fragen sich immer mehr Menschen, wie sie mit der andauernden Furcht umgehen sollen. Dieses Gefühl kennen die Klimaaktivisten schon länger, meint Luisa Neubauer.

Ausgangssperren, leere Straßen, wir müssen daheim bleiben: Corona macht uns alle zu Aktivisten

Ausgangssperren, leere Straßen, wir müssen daheim bleiben: Corona macht uns alle zu Aktivisten

DPA

Die Sonne scheint, als wäre nichts. Wir begutachten sie durchs Fenster, diese Krisen-Welt im Schaukasten. Ganz subtil rattern wir dabei, in aller Souveränität, von der Couch hinein in ein gesamtgesellschaftliches Sorgen-Drama. Nötig haben wir das nicht. 

Aber von vorne: Die meisten Menschen in diesem Land haben noch nie eine Krise mit dieser Fundamentalkraft erlebt. Das sage nicht ich, sondern Frau Merkel. Auf der Suche nach Vergleichswerten werde auch ich häufig gefragt, wie es sich denn nun verhält mit der Klimakrise und der Coronakrise. Wie fühlt man sich, wenn man jahrelang alles gegeben hat für die eine Krise, und auf einmal eine andere ungefragt in die Manege platzt und nebenbei das Zelt einreißt? Vor einer Woche habe ich schon mal etwas dazu geschrieben, aber das scheint jetzt wie ein anderes Leben. Da saß man noch im Zug. Seitdem ist so viel passiert, dass heute fast nichts mehr passiert. 

Coronavirus-Krise: Wir müssen uns wappnen

Ein fester Teil dieses neuen Krisenlebens ist eine anwachsende Absurditätsverdopplung: Die Absurdität der jetzigen Lage entblößt, wie absurd in der Vergangenheit mit anderen Krisen umgegangen wurde – allen voran, aber nicht nur, der ökologischen Krise. Und wir beginnen uns nun zu fragen, wie es so schwer sein konnte, irgendetwas in die Gänge zu bekommen, damals, als so wenig umzusetzen war, obwohl wir doch wirklich wollten (Klimaziele einhalten, flächendeckende Gesundheitsversorgung sicherstellen, saubere Luft in den Städten, you name it)! Mit jeder neuen Ankündigung von heute werden die Ausreden für das Nicht-Handeln von gestern ein Stück abstruser. Es könnte fast peinlich sein für die Ja-Aber-Gang der Vergangenheit, dieselbe Gang, die in diesen Stunden alles Erdenkliche möglich macht um zu beweisen, wie sehr sie dieser Krise gewachsen ist. Peinlich ist aber zurzeit keine sinnvolle Kategorie, wir haben nämlich gar keine Zeit darüber nachzudenken. Wir sind einfach in einer Krise und müssen uns wappnen.

Fast nebenbei formuliert sich damit ein neuer Anspruch an Politik. Bisher war der Goldstandard der politischen Maßnahmen alles, was im weitesten Sinne als "nachhaltig" deklariert werden konnte. Man blickte auf die Wirkungen, auf den Widerhall, und probierte ihn so zu arrangieren, dass man ein bisschen länger etwas davon hat. In einer Zeit, in der ein Virus den politischen Takt vorgibt, ist der politische Anspruch auf einmal ein präventiver. Es geht darum, potentielle Schäden – wie Krankheitsfälle, systemische Überlastungen etc. –, die noch nicht eingetreten sind, zu verhindern. Und warum? Weil der Virus sich exponentiell verhält – wie die Klimakrise, nur noch schneller. Das ist ein wenig revolutionär, wenn man bedenkt, dass das Beschleunigungs- und Expansionsdenken der Postmoderne bisher eher wenig Liebe gezeigt hat für praktische Fragen präventiver Schadensvermeidung. Vor allem dann nicht, wenn Prävention mit kurzfristigen Kosten einherkam. Ins Ökologische gedacht: Himmel, was wäre das für eine Politik, die sich nicht an der Frage "Wollen wir mehr oder weniger Schaden in der Natur anrichten?" aufhängt, sondern ernsthaft den Ansatz verfolgt, wie viel Schaden in erster Instanz vermieden werden könnte. Im vorauseilenden Gehorsam, dem Rat von Expert*innen folgend. Wir machen fleißig Notizen, für später. Das hat Potential. 

Aber an später ist noch nicht zu denken. Denn da sind wir noch nicht, wir sind woanders und zwar voll und ganz. Damit landen wir bei der großen Parallele zur Klimakrise, die mich am meisten besorgt, in jeder Hinsicht. Das ist das, worüber nicht gesprochen wird.

Für die Menschen stellt sich kein Erholungseffekt ein

Im Gegensatz zur Natur, die sich gerade von der sonstigen Dauerinvasion der Menschen ein wenig erholt und strahlt wie der Himmel über Wuhan oder glitzert wie die Kanäle in Venedig, stellt sich für die Menschen kein Erholungseffekt ein. Im Gegenteil, es war noch nie so anstrengend zu Hause zu bleiben. Denn es ist kein zu Hause sein, sondern ein Aushalten, ein Hinhalten. Und dabei sorgen wir uns. Heimlich, denn wir wollen ja stark und solidarisch sein. Verstehen, begreifen, Ruhe bewahren. Wäre da nicht die ewige Ungewissheit. Je leiser die Straßen, desto lauter klopfen die Sorgen an die Haustüren.

Das Problem mit dieser Art der Unruhe ist, dass sie zwar omnipräsent ist, aber fast keinen Resonanzraum hat. Die Sorgen vor dem, was kommen könnte, die existenziellen Ängste im Kleinen und Großen tauchen nicht auf Newstickern oder Krisenprotokollen auf, dafür werden keine Notfallpraxen geöffnet. Die Räume in denen sie sonst besprochen oder verarbeitet wurden, sind versperrt, das gilt für die Arme der Freunde genauso wie für Bars, Restaurants oder Clubs. Man fühlt sich ausgeliefert, dem Virus, den Maßnahmen, der Ungewissheit über Zeiträume und Zustände. 

Die Konsequenz: Menschen, die natürlich wissen, dass es keinen Grund gibt Essensvorräte anzulegen, tun es eben doch, gehen trotzdem zum Arzt, obwohl sie wissen, man sollte sich an die überlasteten Hotlines wenden. Man beleidigt sich wüst an der Kasse oder im Netz, Sicherungen fliegen, Tränen fließen. Wieder andere müssen sich beweisen und gehen auf Corona-Partys. Noch nie wurde mit so viel Anspannung auf Sofas gesessen. Diese Art der Sorgen macht einsam. In Zeiten, in denen Alleinsein eine Empfehlung der Kanzlerin höchstpersönlich ist, kann das toxisch sein. Neu, und das ist entscheidend, ist das Phänomen aber nicht. 

Letzte Woche habe ich an dieser Stelle erzählt, wie es sich verhält mit dieser umgedrehten Generationengerechtigkeit, dass wir jetzt für die Alten zu Hause bleiben. An dieser Stelle geht das Ganze jetzt weiter: Während sich immer mehr Menschen fragen, wie man mit andauernder Furcht vor was auch immer umgehen kann, gibt es eine Gruppe, die schon längst Erfahrung hat, genau auf diesem Gebiet. Das sind die jungen Menschen, die die letzten 15 Monate freitags gegen geklaute Zukunft demonstriert haben. Wir haben erlebt was es mit uns macht, wenn eine Krise, die Menschen eigentlich zusammenbringen sollte, Menschen auseinandertreibt. Bei der Klimakrise gab es noch kein social distancing, da gab es nur den paradoxen Isolierungseffekt, dass Menschen sich von der Wucht der kollektiven Krisen überwältigt fühlten – und allein gelassen. Climate anxiety nennt man diese Angst, die schnell zur ängstlichen Einsamkeit wird. Es hat Jahre gedauert, bis die Klimawissenschaft verstanden hat, dass Menschen in der Klimakrise auch Gefühle haben. Und nochmal Jahre, bis man angefangen hat, sich den Konsequenzen vereinsamter und sorgenbeladender Gesellschaften zuzuwenden, aktiv, als Teil der Krisenbewältigung. Heute spricht man von, ja, "nachhaltigem" Aktivismus. Self-care, Sorgen teilen, Geschichten erzählen.

Wir sind alle zwangsläufig Aktivisten

In dieser Krise, in der Coronakrise, sind wir alle zwangsläufig auch Aktivisten. Eine subtile, unterschwellige Art Aktivist, sicher. Doch am Ende des Tages sind wir halt alle gefragt aktiv zu werden, wir alle sind Teil der landesweiten Gesellschaftskampagne gegen das Coronavirus. Wenn wir uns auf den Gedanken einlassen, dass in aller Neuartigkeit einzelne Facetten dieser gesellschaftlichen Erfahrungen durchaus schon einmal erfahren wurden, wären wir einen großen Schritt weiter. Dafür braucht es mehr als eine quantitative Vermessung der Pandemie, sondern eine qualitative Auseinandersetzung mit der Krise. Ein Blick hinter die Statistiken, auch echte, lebhafte Antworten auf die Frage: "Wer kümmert sich um die, die sich kümmern?" Dabei sprechen wir auch von einer politischen Dimension. Echte Präventionspolitik denkt nicht nur die Industrien, die Krankenhauskapazitäten und die Zahl der Infizierten mit. Präventionspolitik denkt die mentale Gesundheit der Menschen im Land mit – jenen im Krankenhausbett, genau wie jenen, die danebenstehen, die zu Hause warten, und jenen, die kaum jemand mitdenkt, weil der Weg zur Hilfe, ökonomisch oder gesellschaftlich viel zu weit ist. Was machen jetzt die Obdachlosen? Die Süchtigen? Die Depressiven?

Coronavirus: stern-Korrespondent Jan-Christoph Wiechmann über die Lage in New York

Dafür müssen wir uns davon lösen, dass es ausschließlichs die Virologen sind, die uns hier durchbringen. Sondern dass jetzt die Zeit ist, die Profis zu befragen, die Bildungs- und Kognitionswissenschaftler*innen, die Psycholog*innen und Anthropolog*innen. Es ist okay das "zu Hause bleiben" ermüdend zu finden, es ist okay die leeren Straßen als Stress zu empfinden, es ist okay sich in die Ungewissenheiten hineinzusorgen. Was nicht okay ist, ist einander damit alleine zu lassen. Was nicht okay ist, ist so zu tun, als gäbe es diese Ängste nicht, weil diese Krise eben mit Sonnenschein und lauem Wetter stattfindet, weil man noch gar nicht weiß, wie schlimm es wird, und die Schwere der Sorgen in keinen Statistiken auftaucht. Was nicht okay ist, ist die Mental-Health Krise, die mit Krisen diese Größe einhergehen, aus schierer Gewohnheit zu übersehen. Über die Parallelen von Klima- und Coronakrise werden eines Tages wohl Promotionen verfasst. Bis dahin aber sollten wir aufhören, dieselben Fehler zu wiederholen. Dafür gibt es keinen Grund. In all den Unbegreiflichkeiten dieser Tage, ist doch nicht alles hundertprozentig unbekannt.