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Luisa Neubauer: Mehr als ein Infekt: Was uns das Coronavirus lehrt

Erstmals in der Geschichte von "Fridays For Future" sagen wir Streiks ab. Sie sollten in ganz Bayern vor den anstehenden Kommunalwahlen stattfinden. Dann kam Corona. Und damit viel mehr als ein Virus.

Teilnehmer einer "Fridays for Future"-Demonstration in Hamburg

Hamburg, 21. Februar 2020: Zwei Tage vor den Bürgerschaftswahlen ziehen Teilnehmer einer "Fridays for Future"-Demonstration für mehr Klimaschutz durch die Hansestadt 

DPA

Es ist passiert, erstmals in der Geschichte von Fridays For Future haben wir Streiks abgesagt. Angedacht waren richtig große Streiks in ganz Bayern, zu Tausenden, am Freitag vor den anstehenden Kommunalwahlen. Dann kam Corona. Und damit viel mehr als ein Virus. Genau genommen zwei große Erkenntnisse und am Ende sogar Zuversicht.

Aus der Sicht von einer, die seit eineinhalb Jahren versucht, politischen Willen zu organisieren (oder auch zu provozieren, wenn es sein muss) oder mangelnden politischen Willen offenzulegen (Plan B), ist die große Erkenntnis beim Blick auf die politische Entwicklung der vergangenen Wochen vor allem die: Wenn man wirklich will, wenn man wirklich wirklich will, dann kann man Krisen durchaus wie Krisen behandeln. Man kann sie akzeptieren als Krisen, bei denen ein ernsthafter Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen essenziell ist, bei denen klare Prioritäten gesetzt und souveräne Antworten formuliert werden müssen.

Das geht los mit dem verweigerten Handschlag. Wir sollen ja alle bei uns selbst anfangen. Also schütteln wir nicht die Hand. Die einen nicht beim Nachbarn, die anderen nicht bei Frau Merkel (da ist man als Herr Seehofer konsequent). Die Krise behandeln wir aber nicht nur in unserem Alltag als Einzelperson, sondern es werden nationale und internationalen Krisengremien einberufen, Wirtschaftspakete vereinbart und schließlich Leitzinsen herabgesetzt. Und das, das sei an dieser Stelle ganz deutlich gesagt, ist auch gut so.

Corona ist ein gefährliches Virus, das mit den Menschen in atemberaubender Geschwindigkeit um die Welt jettet - ein Virus, das Bereitschaft fordert, die Gesundheit der Menschen ernst zu nehmen. Und das wird, zumindest in Ansätzen, gemacht. Wir erleben eine politisch sinnvolle Inkonsistenz - nur weil man die Klimakrise ignoriert, heißt das schließlich nicht, dass man andere lebensbedrohlichen Krisen ebenfalls ignorieren muss.

Die Gesellschaft kann also agil sein

Nachdem mir ebenfalls eineinhalb Jahre lang von der politischen Klasse erklärt wurde, man dürfe die Menschen unter k-e-i-n-e-n Umständen be- geschweige denn überlasten, blicke ich natürlich auch mit einem Hauch Faszination auf diese ungeahnte, oder viel mehr taktisch ignorierte und im Zweifel dementierte gesellschaftliche Agilität, die sich in diesen Tagen offenbart. So gehen 15 Monate Vorwurfshaltung gegenüber der leisesten Öko-Forderung, das sei doch eine Zumutung, weltfremd, undankbar, und überhaupt unser Schnitzel bekommt ihr aber nicht (ha!), geschmeidig über in eine Gesellschaft, die zwar ein eigentümliches Verhältnis zu Lebensmittelvorräten zum Vorschein bringt, aber sich nebenbei dann doch irgendwie zurecht findet, inmitten dieses großen Coronachaos. Inmitten dieser großen Paradoxie, wenn sich der Lärm der Erschütterung, dem Dröhnen von Bildern von Notaufnahmen und Sagrotangedrängel, Push-Benachrichtigungen und Aktienakrobatik im ganz Alltäglichen in eine eigentümliche Ruhe überschlägt. Weniger Termine, weniger Reisen, weniger machen, Wenigerismus. Zwangs-Entschleunigung, und wir richten uns ein.

Randnotiz: Was in dieser Rechnung offenkundig fehlt, ist das Erschütterungs-Momentum, das eintritt, wenn Strukturen solange beben bis wirklich auch das wohlgehüteteste Defizit zum Vorschein kommt. In einem Land wie Deutschland wäre das etwa ein marodes, chronisch unterfinanziertes und diskriminierendes Gesundheitssystem. So wirkt die gesellschaftliche Ruhe überhaupt nur auf diejenigen, die in diesen Tagen nicht alt, schwanger, schwach oder schwach abgesichert sind. Wenn es sonst nichts ist. So viel zu den Erkenntnissen.

Was wir lernen müssen, wenn Protest nicht mehr auf der Straße stattfinden kann

Und die Aktivist*innen in Bayern, die sich jetzt fragen, wie groß die Stornierungsgebühren für ihre ungenutzten Bühnen sind? Was bedeutet Corona für eine Bewegung, die auf Massenmobilisierung fußt? Es wäre ein Leichtes sich an diesem Punkt zu verlieren und das multidimensional. Organisatorisch: Was bleibt einer Protestbewegung, wenn die Leute zu Hause bleiben? Medial: Wo bleibt die Klimakrise in der Aufmerksamkeitsökonomie der Atemmasken? Oder politisch: Wie bringt man eine zitternde Regierung, die neben einer Corona-Krise, nun auch Gesundheitskrise und Wirtschaftskrisen erwartet, dazu, die Klimakrise, sagen wir, halb so ernst zu nehmen wie eine Corona-Epidemie? Wie löst man den Belohnungswiderspruch in der Begegnung mit den Krisen auf?

Heißt: Wer heute besonders toll den Medizinern zuhört und besonders hart und besonders unnachgiebig handelt, wird als Retter in der Not gefeiert. Wer genau das Gleiche im Bezug auf die Klimakrise tun wollen würde, (soweit würde man ohnehin nicht kommen), würde als Wirtschaftsverräter, Radikalinski und Erz-Feind des kleinen Mannes direkt nach Hause geschickt werden. Oh, oder man könnte sich in Krisenhierarchien verlieren, man kennt ja die Zahlen. Wie viele sterben an Luftverschmutzung pro Jahr, wie viele durch Unfälle im Straßenverkehr, wie viele durch die Klimakrise? Dimensionen jenseits von dem, was Corona bisher angerichtet hat. Die Proportionen in der Heftigkeit der Antwort stimmen vorne und hinten nicht, ja. Entscheidend ist aber etwas ganz anderes.

Wie es aussehen kann, wenn Krisen ernst genommen werden

Es ist die Art der kollektiven Erfahrungen, die wir hier gerade als Gesellschaft machen. Wir erfahren zum einen, wie es aussehen kann, wenn Krisen ernst genommen werden, oder auch, dass das per se möglich ist (und die Sonne morgens trotzdem noch aufgeht). Zum anderen, erleben wir, was im besten Falle daraus erwachsen kann: ein solidargemeinschaftliches Bewusstsein über geteilte Verantwortungen. So ist etwa die Entscheidung in Bayern die politische bedeutsame Großstreiks abzusagen fast schon umgekehrte Generationengerechtigkeit. Medizinisch betrachtet gehört die "Fridays For Future"-Generation zu denjenigen der Gesellschaft, die am wenigsten zu befürchten haben.

Die Gefährdung ernsthaft – oder sogar tödlich – an Corona zu erkranken steigt mit dem Alter. Wir sagen den Streik nicht für uns ab, wir sagen ihn für unsere Großeltern ab. Genauso, wie wir auch für unsere Großeltern und Eltern Hände waschen, in die Ellbogen niesen und dann nochmal Hände waschen, nur um sicher zu gehen. Weil wir ein gemeinschaftliches Interesse daran haben, die Ausbreitung zu minimieren.

Dieses Verantwortungsbewusstsein muss nicht in dieser Form erwachsen, auch Ekliges kommt vor leeren Supermarktregalen zum Vorschein. Das ist eine Gestaltungsfrage. Aber wie Politik eine Krise ernst nehmen kann, wenn sie wirklich will, kann sich eine Gesellschaft entscheiden, ihr liebevoll und solidarisch zu begegnen. Deshalb sagen wir Veranstaltungen ab, deshalb schützen wir Ältere und lassen die Hände in den Hosentaschen.

Wir denken ältere mit, aber ältere Menschen sollen auch uns mitdenken

Und umgedreht fordern wir von den älteren Menschen, uns mitzudenken. Kurzfristig geht es dann weniger um Corona, sondern um tragbare Zukunftspolitik. Und die kann etwa am Sonntag in Bayern gewählt werden. Es sind nicht die Jungen, die das Ergebnis der bayrischen Kommunalwahl ausmachen und die jeglichem politischen Kurs, der heute eingeschlagen wird von allem am längsten ausgesetzt sind. Die Wahl wird entschieden von den Alten. Auf sie setzen wir, auch ohne große Klimastreiks, uns und das Klima am Sonntag mitzudenken.

Ja, man kann Krisenhierarchien aufmachen, sich fürchterlich empören über politische Larifari-Einstellungen bei Krisen, die uns Junge mehr betreffen als die Alten. Das bringt nur herzlich wenig. Stattdessen sind wir gefragt dafür zu sorgen, dass diese Krisenerfahrungen zur Krisenbewältigungserfahrungen werden. Mittelfristig geht es darum, Menschen vor dem Virus zu bewahren. Langfristig, um eben mit diesen Erfahrungen das kollektive Gedächtnis anzureichern und für spätere Verwendung sorgsam abzuspeichern.

#NetzStreikFürsKlima

Fridays For Future ruft nun zum sogenannten #NetzStreikFürsKlima auf, sprich Klimastreik ohne Ansteckungsgefahr. Denn aus der Feststellung heraus, dass unser täglich Brot, der Straßenprotest, zumindest mittelfristig eher eingeschränkt sein wird, ist eine Welle der Kreativität entbrannt – und das geht nicht nur uns so. Um nur ein Beispiel zu nennen - man denke bloß daran, wie viele Geschäftsreisen sich aktuell als überflüssig herausstellen, während ganz gemütlich digitalkonferiert wird – in Hausschuhen! Wir haben gerade die Möglichkeit zu beweisen, wie groß der Mehrwert sein kann, wenn man gesellschaftliche Verantwortung weiterdenkt als bis zur nächsten Apotheke. Corona ist eine Blaupause. Weil wir das verstanden haben setzen wir Prioritäten und nehmen uns selbst ernst. Ob beim Hände waschen, als Veranstalter – oder eben als Enkelkinder. Und es geht noch so viel mehr. Da doch eine Faust drauf.

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