VG-Wort Pixel

Flüchtlingsdrama im Mittelmeer Die Menschenfischer von der "Schleswig-Holstein"


Sie tragen schwere Schutzanzüge und leisten darin Knochenarbeit: Seit Anfang Juni ist die Fregatte "Schleswig-Holstein" im Mittelmeer im Einsatz, um Flüchtlinge aus ihren klapprigen Booten zu retten. An Bord eines Kriegsschiffes, das sich in ein Rettungsschiff verwandelt hat.
Von Axel Vornbäumen, Catania

Pralle Sonne knallt auf das Achterdeck der Fregatte "Schleswig-Holstein". Hier, nur wenige hundert Meter vor dem Hafenbecken von Catania in Sizilien zeigt das Thermometer zur Mittagszeit sogar im Schatten schon deutlich über 30 Grad. In der Sonne sind es locker an die 40. Das Boardingteam "Kilo" steht in roten, - ja, doch! - Kälteschutzanzügen an der Reling, aufgereiht für den Besuch der deutschen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Andere, geeignetere Schutzkleidung stand auf die Schnelle nicht zur Verfügung, seit sich die deutsche Marine im Mai nach einem großen Flüchtlingsdrama entschlossen hatte, bei der Seenotrettung im Mittelmeer mit zu tun.

Die eigentlich untauglichen Schutzanzüge, sie sind so etwas wie ein Symbol. Es ist der Schutz Europas an der Nahtstelle zur dritten Welt. Die Männer tragen sie, um sich vor Infektionskrankheiten zu wappnen.

Man bekommt schon nach wenigen Minuten einen guten Begriff davon, welchen körperlichen Belastungen die Männer ausgesetzt sind, die aussehen wie eine Mischung aus Katastrophenschützern und Außerirdischen. „Im Anzug ist es wie in der Sauna“,  sagt der Boardingmeister, ein Hauptbootsmann aus Eckernförde. Zehn Stunden und länger müssen er und sein Einsatzteam die Strapazen aushalten, wenn sie draußen vor der libyschen Küste auf  die klapprigen Flüchtlingsboote treffen, die sich Richtung Europa auf den Weg gemacht haben. Wieder und immer wieder pendeln sie mit ihrem Boot zwischen dem Flüchtlingskahn und der Fregatte, um jedes mal etwa zehn Menschen in Sicherheit zu bringen.

Körperlich geht der Einsatz an die Grenze. Und doch - bei der Besatzung der "Schleswig-Holstein" ist eine tiefe Zufriedenheit zu spüren, seit die Fregatte seit Anfang Juni im Mittelmeer im Einsatz ist. "Wir sind hier, um Menschen zu retten", erläutert der Kommandant des Schiffes Thorsten Mathesius, und man merkt ihm an, wie stolz er auf seine Mannschaft ist: "Sie haben ihr Schiff - ein Kriegsschiff - zu einem Rettungsschiff gemacht." Mehr als 1600 Flüchtlinge hat die "Schleswig-Holstein" seitdem aus dem Mittelmeer gezogen, fast 300 Frauen darunter und 173 Kinder.

Riskante Situationen auf See

Immer wieder kam es auf hoher See zu gefährlichen Situationen, Flüchtlinge sprangen aus Verzweiflung ins Wasser, weil sie glaubten, so als erste gerettet zu werden. Männer wollten nicht einsehen, dass Frauen und Kinder zuerst evakuiert werden sollten. Es kam zu Schlägereien. "Manchmal gab es Panik", sagt ein Besatzungsmitglied, "aber wenn sie dann erstmal hier an Bord sind, ändert sich die Stimmung schlagartig. Viele sind regelrecht euphorisch".  Vor knapp zwei Wochen retteten die Marine-Soldaten koptische Christen aus Eritrea, die auf die Frage, ob sie Hilfe brauchten, erst mal antworteten: "Nein, wir sind in Gotteshand". Die Eritreer hatten gedacht, dass sie nur einen großen Fluss überqueren müssten.

 Einen Tag und eine Nacht bleiben die Flüchtlinge meistens an Bord, bis die "Schleswig-Holstein" sie in den "Abgabehäfen" abliefert, die vom italienischen Einsatzkommando in Rom zugewiesen werden. Seit einigen Tagen sind die "Schleswig-Holstein" und der Tender "Werra" der Operation Eunavfor Med unterstellt. Neben der Rettung stehen auch die Aufklärung und die Informationsgewinnung über Schleusernetzwerke im Vordergrund.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ist des Lobes voll für das Engagement ihrer Soldaten. "Solidarität, eines der Gütezeichen Europas, funktioniert nur, wenn wir bereit sind, Lasten zu teilen und Verantwortung zu übernehmen", sagt die Ministerin auf dem Achterdeck der "Schleswig-Holstein".  Von der Leyen war im Mai die erste, die nach dem Flüchtlingsunglück im Mittelmeer vorgeprescht war, um Schiffe für die Seenotrettung zur Verfügung zu stellen. Nun, ein paar Wochen später, muss sie allerdings erkennen, dass beileibe nicht alle europäischen Staaten so energisch an der Linderung der humanitären Katastrophe im Mittelmeer interessiert sind, wie die Deutschen.

Von den versprochenen Booten bei der Truppenstellerkonferenz hat bislang noch keine weitere Nation auch nur eines ins Mittelmeer entsandt. So sind die Italiener und die Deutschen bis auf Weiteres auf sich alleine gestellt.  Im deutschen Verteidigungsministerium ist man, wie es heißt, nicht überrascht - ein bisschen enttäuscht ist man aber doch. Von der Leyen drückt es an diesem Samstag in Catania vor den Marine-Soldaten diplomatischer aus: "Sie verschaffen der Politik Zeit, um die wahren Probleme anzugehen".

 


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker