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Ordnungswahn im Wahlkampf: Der Plakatiernix von Oberstaufen

Deutschland ist mit Wahlplakaten tapeziert. Ganz Deutschland? Nein, die Gemeinde Oberstaufen ist (fast) werbefrei. Eine Nachfrage bei Bürgermeister Walter Grath.

Von Katharina Grimm

Wir befinden uns im Jahre 2013 nach Christus. Es ist Wahlkampf. Und ganz Deutschland ist zugekleistert mit Plakaten, Infoständen, Fähnchen... Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Allgäuern bewohntes Dorf hört nicht auf, der Plakatschwemme Widerstand zu leisten. Daher haben die Bewohner und ihr Häuptling, pardon Bürgermeister, einfach rigoros Plakatwerbung verboten.

"Die Plakate hingen meist noch Wochen nach einer Wahl an Laternen oder Brücken", empört sich Walter Grath, Bürgermeister von Oberstaufen, im Gespräch mit stern.de. Damit bei den diesjährigen Wahlen nicht wieder der Ort mit Schildern zugepflastert wird, hat die Stadt einen "verbesserten Service" (Grath) eingeführt: Auf vier kleinen Holzflächen dürfen die Parteien für sich werben - strikt getrennt nach Landtagswahl in Bayern und der Bundestagswahl. Dass die Plakate mitunter von parkenden Autos verdeckt werden, sei ihm noch gar nicht aufgefallen, sagt Grath.

Auch Litfasssäulen abgeräumt

Und dass das demokratische Recht der Meinungsbildung und die Möglichkeit der Parteien zur Selbstdarstellung beschnitten werden, weist Grath natürlich weit von sich. Alle Parteien würden sich an die Spielregeln halten. Sauber und akkurat kleben die Plakate auf Kante an der Holzwand. Jeder Partei steht nur ein gewisser Platz auf der Tafel zu. Das ist alles in der Plakatverordnung gereglt.

"Ob das Teil der deutschen Ordnungsliebe ist, weiß ich jetzt nicht", überlegt Grath, der seit 30 (!) Jahren im Amt ist und den Freien Wählern angehört. Zumindest darf in Oberstaufen niemand Plakate kleben, ohne vorher zu fragen. Das gilt nicht nur für Politiker, sondern auch für alle anderen. Deshalb gibt es in dem bayerischen Städtchen, das als erstes Dorf bei Google Street View mitgemacht hat, auch keine Litfasssäulen mehr - viel zu unordentlich.

Blumen okay, Politiker nicht

Bisher habe es nur positive Rückmeldungen gegeben, sagt Grath: Andere Gemeinden seien fast neidisch, dass hier nicht an jedem Pfahl ein Plakat hänge. "Wir wollen unser gepflegtes Ortbild erhalten", meint Grath. Mit bunten Blumenkästen und ohne grinsende Politikervisagen. Beim Teutates!