VG-Wort Pixel

Katja Eichinger "Als Frauen befinden wir uns oft im toten Winkel. Das muss sich ändern."

Autorin Karin Eichinger glaubt, dass das Denken in nur zwei Geschlechtern veraltet ist. Und fordert daher nicht nur eine Frauenquote - sondern auch mehr Unterstützung für Menschen, deren Geschlechteridentität von männlich und weiblich abweicht.

Katja Eichinger ist 49 Jahre alt, Journalistin und Autorin – und eine von 40 Frauen, die sich im stern solidarisch für die Frauenquote aussprechen.

Warum bezeichnen Sie sich als Quotenfrau?

Aus überzeugter Solidarität mit allen Quotenfrauen. Dennoch kann ich mit der Unterscheidung zwischen nur zwei Geschlechtern und ganz allgemein dem heteronormativen Weltbild wenig anfangen. Ich zeige mich solidarisch mit allen Menschen, deren Geschlechteridentität von männlich und weiblich abweicht und die um Anerkennung und Sichtbarkeit kämpfen müssen.

Warum finden Sie, dass Deutschland mehr gesetzliche Quoten braucht?

Deutschland wird zwar von der mächtigsten Frau der Welt regiert, aber in der deutschen Arbeitswelt herrschen immer noch Männer. Von alleine hat sich hier trotz Emanzipation nichts bewegt. Wenn wir heute ein Foto eines Firmenvorstandes sehen, in dem einen nur Männer anlächeln, finden wir das immer noch normal. Offensichtlich braucht es gesetzliche Anreize, um hier ein Umdenken herbeizuführen.

Bitte vervollständigen Sie den Satz: In diesem Moment wusste ich, es geht nicht ohne Quote....

Als bei der Premiere eines öffentlich-rechtlich finanzierten Films mit Ausnahme der Schauspielerinnen nur Männer als Verantwortliche auf die Bühne gerufen wurden. Das waren Männer, die ich mag und achte. Keine dummen Machos. Aber denen war nicht bewusst, dass es seltsam ist, wenn sich da nur Männer gegenseitig auf die Schultern klopfen. Und das obwohl das alles von öffentlichen Geldern, also eben auch von Frauen bezahlt worden war. Als Frauen befinden wir uns oft im toten Winkel. Das muss sich ändern. 

Wer hat Sie wie gefördert?

Für mich war mein Studium am British Film Institute entscheidend. Im Vorstellungsgespräch diskutierte ich mit dem Filmtheoretiker Colin McCabe über "Schindlers Liste". Zu meiner großen Überraschung gab er mir danach ein Stipendium. Das hat mein Leben verändert, denn erst am BFI habe ich denken gelernt. Geprägt hat mich dabei meine Professorin Laura Mulvey, die große Feministin der Filmtheorie. Von ihr stammt der Ausdruck "der männliche Blick". Als Journalistin waren es meine Ressortleiterinnen bei der "Financial Times" und "Variety", die meinen Artikeln Raum gegeben und mir den Rücken gestärkt haben. Wirklich dankbar bin ich Constanze Neumann, meiner Lektorin bei meinem Buch über meinen verstorbenen Mann und heute Leiterin des Aufbau Verlags. Sie und Friederike Schilbach, die Cheflektorin des Aufbau Verlags, haben mir geholfen, meine eigene Stimme zu finden.

© Carolin Windel / stern

Wer war warum Ihr Vorbild?

Lana Wachowski, der Regisseurin von "The Matrix". Ich hatte zwar zuvor schon viele Trans-Menschen in meinem Umfeld, aber erst als ich zum ersten Mal Lana gegenübersaß, wurde mir klar: Ich kann feminin sein und trotzdem entschieden, deutlich, mit einer klaren Vision und dominant. Ohne dass ich mich dafür entschuldige. Sie war frei von diesem ganzen Ballast, den inneren Zwiespalten, die einem schon als Mädchen von allen Seiten auferlegt werden. Absolut inspirierend.

In welcher beruflichen Situation hat Ihnen Ihr Frausein geholfen?

Auch wenn ich mich mit dem Begriff "Frausein" nicht wirklich identifizieren kann weiß ich, dass mir genau das geholfen hat, wenn ich Männer interviewe, die einen männlichen Interviewer als Rivalen betrachten würden.

Und in welcher hat es Sie behindert?

Von 1990 bis 2006 habe ich in London gelebt und als Journalistin gearbeitet. Ich war dort umgeben von den unterschiedlichsten Lebensmodellen, Ethnizitäten und sexuellen Orientierungen. Ich hatte nie das Gefühl, auf Grund meines Genders benachteiligt zu sein. Das änderte sich erst, als ich zurück nach Deutschland zog. Hier wurde ich mit Narrativen meines Geschlechts konfrontiert, die absolut befremdlich waren. Dass da tatsächlich jemand denkt, er könne über mich hinwegreden, weil ich eine Frau bin, war ein echter Kulturschock.

Uns interessieren auch Ihre Erfahrungen und Ihre Meinung. Wie sieht es in Ihrem Job aus? Könnten Sie mehr Frauen oder Männer gebrauchen? Schreiben Sie uns unter quotenfrau@stern.de


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker