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Merkel in der ARD-Wahlarena Mutti ist für alle da


Für alle ein gutes Wort, für alles eine sachliche Lösung: Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel fühlt sich in der Townhall wohl. Beim Bürgergespräch in der ARD geriet sie nur bei einem Thema in die Defensive.
Von Lutz Kinkel

Angela Merkel schenkt den Konservativen in ihrer Partei nichts. Das ließ sich in der ARD-Wahlarena mal wieder deutlich erkennen. Die Kamera zoomte auf ihre Hände, die sie stillzuhalten versuchte, die aber wie von selbst durch den Raum schwirrten. Mal pickten drei Finger in die Luft, mal begrenzten geöffnete Handflächen symbolisch Finanzierungsspielräume, mal falteten sie sich, wie von Dürer gemalt, zur Andacht. Aber immer fehlte etwas: der Ehering. Die Kanzlerin trägt keinen, weil sie - bis auf Halsketten - überhaupt keinen Schmuck tragen mag. Und weil sie früher mal einen getragen hat, ihre erste Ehe aber gescheitert ist. Angela schmucklos.

Das Schmucklose, Nüchterne, ist eines ihrer Markenzeichen. Und so gesehen passte die Sendung perfekt zu ihrem Typ. Denn auch die ARD verzichtete auf alle multimedialen Gimmicks. Es gab keine selbstgedrehten Clips von Usern, keine Mails, kein Tweets, sondern nur ein schlichtes Studio mit repräsentativ ausgewählten Zuschauern, die Fragen stellen durften. Die Präsentation war so frugal, dass WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn in der Anmoderation sogar vergaß, seinen Gast vorzustellen. "Ich sag dann erstmal Guten Abend", meinte Merkel, nachdem die erste Frage auf sie niedergeprasselt war.

Die Townhall - also das direkte Gespräch mit den Bürgern unter kontrollierten Bedingungen - liegt Angela Merkel, das war schon bei RTL zu beobachten. Sie muss hier keine giftigen Attacken befürchten, keine unbarmherzigen Nachfragen, kein intellektuelles Glatteis. Sondern sie hat normale Fragen von normalen Menschen zu beantworten. Wie sie damit umgeht, um sympathisch zu wirken, ist ein Lehrstück des Politikmarketings.

Erste Regel: Jeden wichtig nehmen

- "Ich versteh' das total" (Probleme mit Rente ab 67)
- "Sie haben Recht" (Fehlende Rücklagen für Beamtenpensionen)
- "Das Thema, das sie ansprechen, ist eines der zentralen Themen" (Kreditklemme)
- "Der altersgerechte Bau ist sehr wichtig." (Seniorenwohnungen)
- "Der Gedanke, den sie äußern, ist interessant." (Höhere Verdienste bei Minijobs)

Man kann sich verdammt gut vorstellen, dass Merkel bei Verhandlungen mit testosterongesteuerten Hardcore-Politikern wie Nikolas Sarkozy oder Wladimir Putin genau so agiert. Erstmal wichtig nehmen und den Bauch pinseln. Das baut Aggressionen ab und öffnet das Gegenüber für die eigentliche Botschaft.

Zweite Regel: Gradlinig sein oder zumindest so wirken

- "Wir haben die sichersten Atomkraftwerke auf der Welt" (Probleme im AKW Krümmel)
- "Ich sage ein ganz klares Nein" (Erhöhung der Mehrwertsteuer)
- "Es ist eine bittere Wahrheit" (Demografischer Wandel und Rente mit 67)
- "Dieser Vorfall muss geklärt werden" (Bomben auf Tanklastzüge in Afghanistan)

Auch das kann Merkel - sich ebenso freundlich wie bestimmt abgrenzen. Sie biedert sich nicht an, sondern sucht den sachlichen Disput, in dem freilich immer sie das letzte Wort hat. Kommt sie nicht weiter, weil jemand auf seiner Meinung beharrt, moderiert sie einfach ab. "Wir werden uns nicht gegenseitig überzeugen", sagt sie einer Mutter, die in der Nähe des Atomkraftwerks Krümmel lebt und Sorge um die Gesundheit ihrer Kinder hat.

Dritte Regel: Humor zeigen

- "Danke für die Werbung" (Quizspiel mit dem CDU-Slogan "Wir haben die Kraft")
- "Na ja, ich muss ja auch was lernen" (Höhere Verdienste bei Minijobs)
- "Solange ich Politik mache, packe ich die Sache nicht mehr an" (Pendlerpauschale)
- "Ich schließe absolut eine Koalition mit den Linken aus" (Nach der Bundestagswahl)

Der Erfolg: Szenenapplaus nach jeder Antwort, das Publikum ist angetan. Die Menschen fühlen sich verstanden und gut aufgehoben. Zumal Merkel auch die vierte Regel konsequent beherzigt: Schimpfe nicht auf den politischen Gegner. Sie würde ihren SPD-Konkurrenten Frank-Walter Steinmeier nur aufwerten, wenn sie ihn tatsächlich attackieren würde. So vermittelt sie nur das, worauf der ganze Wahlkampf fußt: Merkel pur, die Übermutti, der die Welt vertrauen kann.

Also alles bestens in Merkelhausen? Nicht ganz. Denn immerhin beim Thema Atomkraft kam Merkel in die Defensive. Die Mutter, die in der Nähe des AKW Krümel lebt, blieb hartnäckig, sprach von der "Kinderkrebsstudie", die Anwohnern ein erhöhtes Gesundheitsrisiko zuweist, sie sprach vom Irrwitz der Endlagerung und den Pannen im Werk. Merkel ruderte und ließ sich immerhin ein "Ich leugne nicht, dass mit der Kernenergie erhebliche Belastungen für die Zukunft verbunden sind" abringen. War das ein Signal an die Grünen? Oder an die SPD? Eine Fortsetzung der Großen Koalition wollte sie ja auch nicht ausschließen.

Hmm. Am Dienstag steht Frank-Walter Steinmeier in der ARD-Townhall.


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