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Sagen Sie mal, Frau Roth...: Haben Sie manchmal Sehnsucht nach Bayern?

Grünen-Chefin Claudia Roth arbeitet in Berlin, kommt aber aus dem ehemals stockkonservativen Bayern. Hier spricht sie über Dirndl, Bierzelte, Kruzifixe und ihre Bierzelttauglichkeit.

Wenn Sie in Berlin sind, um Politik zu machen - haben Sie dann manchmal Sehnsucht nach Bayern?
Früher war es nicht so einfach mit der Heimat. Zunehmend verspüre ich aber Sehnsucht nach Bayern. Dann vermisse ich die Wirtshauskultur, das bayerische Essen, die Bäcker und Metzger, die wir da unten haben. Mein Lieblingsmetzger ist der Metzger Kleiber in Memmingen. So was Schönes finden sie in Berlin einfach nicht.

Sind Sie eigentlich eine waschechte Bayerin?
Ich bin in Ulm geboren, das ist an der Grenze zu Bayern, liegt aber in Baden-Württemberg. Als ich drei Monate alt war, sind wir nach Babenhausen bei Augsburg gezogen - das gehört zu Bayern, aber zum schwäbischen Teil von Bayern. Ich gehöre also einer ethnischen Minderheit an.

Haben Sie es den Bayern nie übel genommen, dass sie der CSU jahrzehntelang absolute Mehrheiten schenkten?
Viele von uns, die aus der linken Ecke kommen, haben nichts anderes erlebt als die CSU. Es gab so etwas wie eine Diktatur der Mehrheit, total ausgrenzend: Entweder Dirndl und Kirche - oder Du gehörst nicht dazu. Es hat lange gedauert, bis ich realisiert habe: Der liebe Gott hat dieses Bayern nicht der CSU vermacht. Dieses schöne Bayern gehört auch mir.

Stört es Sie, dass in Bayern Kruzifixe in Amtsräumen und Schulzimmern hängen?
Was die Schulen betrifft: Es gibt ja das Kruzifix-Urteil. Wenn die Mehrheit der Eltern das Kreuz nicht will, muss es weg. Bayern ist übrigens eine multikulturelle Gesellschaft, nur wollen das sich noch nicht alle Bayern eingestehen.

Sind Sie als Rednerin eigentlich Bierzelt-tauglich?
Das Bierzelt ist ein Erlebnis für sich. Sie stehen da vor einigen hundert Leuten, es ist brutal heiß, Bier, Blasmusik - und dazwischen müssen Sie reden! Das ist schon eine besondere Kunstform, die wir in Bayern besonders pflegen. Als waschechte Bayerin habe ich das inzwischen schon ganz gut drauf. Neulich hat mich der CSU-Bürgermeister beim Bratwurstfest in Ochsenfurt schon mit "unsere Claudi" begrüßt. Es freut mich, denn das heißt: Das ist zwar ein Grüne - aber auch die ist Bayern.

Tilman Gerwien ist Autor im Berliner stern-Büro. In seiner Reihe "Sagen Sie mal ..." spricht er mit Politikern über ein persönliches Thema - abseits der Politik

Tilman Gerwien
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