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Sagen Sie mal, Herr Gysi...: Wie hart ist das Leben als Nichtraucher?

Bis zu zwei Schachteln rauchte Gregor Gysi am Tag. Bis zu seinem Herzinfarkt 2004. Der Fraktionschef der Linken spricht über den anschließenden Entzug, "schöne und weniger schöne" Zigaretten und sein Leben als Nichtraucher.

Nach Ihrem ersten Herzinfarkt mussten Sie 2004 mit dem Rauchen aufhören. Wie hart ist eigentlich das Leben als Nichtraucher?
Inzwischen habe ich damit überhaupt kein Problem mehr, es geht mir hervorragend. Aber als ich aufhörte, war es schon ein gewaltiger Einschnitt. Die ersten Tage fühlte ich mich, als sei ich amputiert. Du denkst an nichts anderes mehr als an Zigaretten. Ob Du Fahrrad fährst oder Kaffee trinkst.

Sie waren ja ein leidenschaftlicher Raucher...
... stimmt, ich habe, seit ich 16 oder 17 war, Zigaretten geraucht. Zu Ost-Zeiten "Cabinet", dann wurde bei denen nach der Wende der Geschmack geändert, da bin ich umgestiegen auf "Marlboro". Zum Schluss waren es bis zu zwei Schachteln am Tag. Es wurde eigentlich immer schlimmer.

Wie verlief der Entzug?
Ich war ja damals nach meinem ersten Infarkt in einer Reha-Klinik und wollte und sollte mir das Rauchen abgewöhnen. Also habe ich einen Ratgeber gelesen: "Endlich Nichtraucher!" von Allen Carr. Da stand auf Seite 1 die Anweisung: Sie rauchen weiter, bis sie die letzte Seite gelesen haben. Das gefiel mir sehr gut. Ich dachte: Lies mal 'ne halbe Seite pro Tag, dann hast Du ja noch ordentlich Zeit, weiter zu rauchen. Mein Chefarzt hat dann aber Druck gemacht. Mittwoch war ich in die Klinik eingeliefert worden, Montag um Mitternacht war Schluss. Die allerletzte Zigarette habe ich erstmal nur halb geraucht, dann ausgemacht. Dann die zweite Hälfte. Und dann war es vorbei.

Verbinden sich für Sie mit dem Tabak-Genuss bestimmte Erlebnisse, Erinnerungen? Was waren Ihre liebsten Momente mit Zigarette?
Es gibt ja die schönen Zigaretten und die weniger schönen. Schön waren die morgens nach dem Frühstück. Oder nachmittags zum Kaffee. Oder nach einem guten Essen. Fürchterlich waren die reinen Stress-Zigaretten: Du musst gleich ins Fernsehen, stehst schon im Studio und ziehst nochmal schnell eine durch.

Gibt es jetzt noch manchmal Momente, wo Sie Sehnsucht nach einer Zigarette verspüren?
Ganz selten, einmal im Jahr vielleicht. Dann denke ich: Ach, war das schön! Das ist dann aber auch schnell wieder vorbei.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Leben als Nichtraucher?
Was ich genieße, ist diese Unabhängigkeit vom Nikotin. Früher war es doch so: Es ist mitten in der Nacht, Du hast keine Zigaretten mehr, draußen ist ein Sauwetter, aber Du rennst noch zur Tankstelle, um Kippen zu holen. Selbst für eine schöne Frau würdest Du vielleicht nicht mehr so weit laufen. Aber für die Kippen schon. Ganz schön traurig.

Mit Zigaretten verbindet sich ja eine ganze Kulturgeschichte - Filmstars haben geraucht, Intellektuelle, Rock-Musiker. In Bars und Kaffeehäusern grübelte, träumte, flirtete und feierte man - immer mit Zigarette.
Ja, es gab ja zum Beispiel früher fast nur Filme, in denen geraucht wurde. Es war eine Epoche des Rauchens. Und jetzt haben wir wohl eine Epoche des Nichtrauchens. Sind Sie traurig darüber?

Ein bisschen schon. Was halten Sie eigentlich vom neuen Rauchverbot in Restaurants, Kneipen, Cafes und Diskotheken?
Das ist sicher vernünftig. Aber man sollte es nicht übertreiben. Ich hätte mir auch eine andere Regelung vorstellen können: Hier ist eine Kneipe, in der nicht geraucht werden darf, dort ist eine, wo man darf. Und die Leute entscheiden selber, wohin sie gehen wollen. Ich bin ja kein militanter, sondern ein toleranter Nichtraucher. Nur weil ich aufgehört habe, muss ich ja die Raucher nicht unterdrücken.

Tilman Gerwien ist Autor im Berliner stern-Büro. In seiner Reihe "Sagen Sie mal ..." spricht er mit Politikern über ein persönliches Thema - abseits der Politik.

Tilman Gerwien
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