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Der Goldene Ring: Wo die Kirche noch im Dorf ist

Nein, Russland ist nicht Moskau. Das Land ist weit, leer und, sagen wir ruhig: rückständig. So wie der Goldene Ring mit seinen kleinen Städten voll blitzender Kirchen - ganz nahe der Metropole, aber doch so fern und eine Reise wert.

Von Bettina Sengling

Mit mächtigen Schritten hastet der Mann, der Dämonen jagen will, zu seiner Kirche. Sein schwarzer Umhang flattert im Gehen, gebeugt ist das Haupt. Am Kirchtor warten ein paar Mütterchen, er segnet sie schnell im Vorbeigehen. Der Mann sprintet die Stufen zum Gottesraum hinauf. Schummerig ist es hier. Alte Frauen warten seit Stunden, manche haben Klapphocker und Butterbrote mitgebracht. Hektisch bahnt ein Wachmann den Weg durch die Menge: Priester German ist da.

Popstars der Babuschkas

Der Teufelsaustreiber ist eine Art Popstar für Babuschkas. Selbst aus der Ferne reisen sie an, dass er ihnen den Teufel aus dem Leib schüttele. "Es ist gespenstisch", flüstert der Wachmann. "Manche wälzen sich dabei auf dem Boden." Natürlich nicht immer, denn oft schweben Teufel auch lautlos davon. Hauptsache, Priester German beschimpft die Welt. Wer krank ist, dem wohnt der Dämon inne. Wer Zeitung liest, der lockt den Belzebub. Vorhölle droht. Dabei, mal ehrlich, so schlimm sieht die Welt da draußen nicht aus. Wolken wie Wattebäusche, Sonne. Das Kloster des Priesters herausgeputzt, als müsste es selbst zur Kommunion. Die Mauern weiß wie frische Sahne, das Gold auf den Kuppeln blitzt wie poliert. Und innen, in Kirchen und Kapellen, vor goldenen Ikonen und heiligen Wasserquellen, könnte ständig Weihnachten sein. So feierlich beten und singen Pilger fast rund um die Uhr.

Das Dreifaltigkeitskloster des heiligen Sergij in der Kleinstadt Sergijew Posad, 70 Kilometer nördlich von Moskau, war schon immer Pflichtstation für Hauptstadt- Touristen. Es ist das größte, bedeutendste älteste Kloster Russlands, auch eines der wenigen, das sogar zu Sowjetzeiten ein Kloster war. Allerdings sah es damals noch wie ein heruntergekommenes Museum aus. Heute leben 300 Mönche hier, 700 Studenten studieren am Geistlichen Seminar. Die Zellen der Mönche sind für Besucher zwar so zugänglich wie eine Einheit der Atomaren Streitkräfte. Doch das Gelände des Klosters mit seinen wunderschönen Kapellen ist täglich geöffnet und guter Startpunkt für eine kleine Reise hinein in das größte Land der Welt.

Ein langsames Land

Moskau ist nicht Russland, sagen die Russen, denn Moskau ist schnell und überbordend, vollgestopft mit Menschen und Autos, reich und modern. Russland ist das Gegenteil von allem. Weit und leer, arm und rückständig. Russland ist von Moskau nicht weit weg. Nur ein paar Kilometer, schon kriegen die Landstraßen Huckel, und der Wald zieht sich bis in den Horizont hinein. Die Wiesen werden nicht bewirtschaftet. Pusteblumen blühen und Wiesenschaumkraut. Manchmal kommt einem eine Stunde lang kein Auto entgegen, dafür Pilzesammler, Beerenpflücker, Fahrradfahrer, Pferdefuhrwerken. Russland ist auch ein langsames Land.

Der "Goldene Ring" bei Moskau ist Russland light. Die altrussischen Kirchenstädtchen mit ihren Kugelkirchen und 100 Jahre alten Holzhütten waren schon zur Sowjetzeit eine beliebte Touristenroute. Reisende aus dem Westen brauchten damals einen Extravermerk auf dem Visum, damit der Abstecher in die Provinz erlaubt war. Das lohnte sich nicht unbedingt. Die organisierten Bustouren waren so ausgelassen wie ein Kasernenausflug und so aufregend wie die Lektüre der "Prawda". Doch Gutes hatte der staatlich observierte Tourismus trotzdem. Minimaler Denkmalschutz verhinderte immerhin den Abriss der historischen Bauten. Und manche Stadt hat bis heute keinen Plattenbau.

Inzwischen sorgt eine anständige Infrastruktur dafür, dass man nicht in her untergekommenen Hotelkästen schlafen muss, in denen es Grütze zum Frühstück gibt und im Sommer kein warmes Wasser. Und trotzdem ist jede Reise auch ein Abenteuer - doch keines mehr, bei dem man sich den Magen verdirbt.

Der schönste Ort Russlands

Zwischenfall in Pljos: Priester Igor wäre beinahe das Kirchendach auf den Kopf gefallen. Ein Stück vom Glockenturm flog auf die Wiese. Der Priester schleppte das Metall erst mal zum anderen Gerümpel ins Kirchenschiff. Er hat keinen leichten Job. Muss beten, streichen, Holz hacken, Wege fegen. Und sich dann noch als Maler sein Geld selbst verdienen. Die Gemeinde hat keine Kopeke für ihn. Die Kirche ist baufällig. Aber Priester Igor will trotzdem nicht weg von hier. "Ich zeig Ihnen was", sagt er und stiefelt den Abhang hoch, durch kniehohes Gras und Gestrüpp. Unten liegt die Wolga so breit und dunkel wie ein See. Am anderen Ufer, so sieht es aus, fängt die Wildnis an, dicker Wald, sattes Gras. Wer hinwill, muss ein Boot mieten. Die nächste Brücke ist weit. Unten am Hang ducken sich Bauernhäuser. Ein Flüsschen zieht sich ins Land hinein. Kein Auto ist zu sehen, nicht einmal ein Boot. Stille. Pljos, so glauben manche, ist der schönste Ort Russlands.

Im 19. Jahrhundert muss es eine blühende Handelsmetropole gewesen sein. Damals verschifften Kaufleute Stoffe auf der Wolga und errichteten schöne Anwesen am Ufer. Wohlhabende Moskauer fuhren zur Sommerfrische her. In der Sowjetunion wurde der Ort zum Ziel erholungsbedürftiger Werktätiger. Heute sieht er aus, als hätte eine Maschine ihn aus der Zeit katapultiert. Die Häuschen haben keinen Wasseranschluss, kein Gas und keine Heizung. Auch die Straßennamen wirken seltsam. Aber keiner hatte Geld für neue Schilder, und so heißt die Uferpromenade bis heute "Sowjetische Straße". Hier beobachten die Bewohner häufig einen Mann mit Brille und englischem Regenschirm, der mehrmals am Tag an der Wolga auf und ab promeniert. Es ist Alexej Schewzow, und die meisten nennen ihn "Besitzer der Stadt". Als Kind verbrachte er die Sommer bei seiner Oma in Pljos. Dann studierte er Wirtschaft. Als er Mitte der 90er Jahre an die Wolga zurückkehrte, war er Multimillionär. "Ich war geschockt", sagt Schewzow. "Die Stadt war dreckig, bedauernswert." Er kaufte sich trotzdem ein altes Gut und baute es um. Danach hatte er ein Problem: "Ich wohne meistens in Moskau, deshalb hatte mein Personal kaum etwas zu tun", sagt Schewzow. "Ich musste ein Hotel bauen, damit die Leute in Form bleiben."

Inzwischen hat sich ein eigenes Unternehmen daraus entwickelt, denn Schewzow kauft die alten Häuschen im Zentrum auf, restauriert sie und vermietet sie an reiche Wochenendurlauber, manche für 400 Euro die Nacht. "Datscha-Hotel" nennt er sein Projekt. Dabei weiß niemand genau, ob Pljos nun sein Hobby ist oder doch Geschäft. Nicht einmal der Bürgermeister kann sagen, wie viele Häuser im Ort schon Schewzow gehören. Ein Drittel des Zentrums, vermutet er. Viele schimpfen auf den Mann, der ihre Stadt erneuern will. Horrorgeschichten von Schlägertrupps machen die Runde. Sie stimmen nicht. Kaum stehen die Juristen mit ihren großzügigen Kaufverträgen vor der Tür, zögert keiner lange. Aber alle werden das Gefühl nicht los, dass Pljos nicht mehr lange Pljos bleiben wird.

Eine schwimmende Antiquität

Pljos ist keine aufgeräumte Stadt. Die Häuschen sind schief, die Zäune wackelig, am Wegesrand wuchern Brennnesseln. Nicht jedes Fahrzeug hält das Straßenpflaster aus. Das alte Bootshaus auf der Wolga sieht aus wie eine schwimmende Antiquität. Eine alte Ferienanlage mit Blick auf den Fluss wirkt wie eine Mischung aus Abbruchruine und Geisterstadt. Aber es gibt auch: buntes Schnitzwerk, das sich um kleine Fenster rankt, dahinter Einmachgläser mit Erdbeeren. Gärten mit Pfingstrosen und Obstbäumen vor gelb bemalten Holzhäusern. Einen verwucherten Park mit Blick auf die Wolga, abends flanieren die Liebespaare dort. In Pljos wohnt die alte Ewelina, die am Fenster Sonnenblumenkerne knackt und Fremde zum Tee hereinkommandiert. Der Künstler Boris Orlow, ein Selbstversorger, macht sogar aus Birkensaft Limonade. Jeder kennt jeden, die Leute schließen tagsüber nicht mal ihre Häuser ab. "Noch ein paar Jahre", sagt der Maler Walerij Pantschenko, "und von Pljos wird nur die Hülle übrig sein."

Auch Susdal, die Museumstadt des Goldenen Rings, kommt nicht blank geputzt daher. Im Zentrum der 12.000-Einwohner- Stadt liegt zwischen Klöstern und Kirche grüner Sumpf. Kühe grasen, japanische Touristen laufen umher und fotografieren goldene, blaue, graue, kleine, dicke Kuppeln. Manche Kirche gleicht einem Törtchen, aus dem eine Kerze ragt, andere sehen wie wackelige Raketen aus. Reiche Kaufleute glaubten im 18. Jahrhundert, dass sie sich nur mit dem Bau eines Gotteshauses einen Platz im Paradies reservieren könnten. Dort muss es inzwischen eng sein. 50 Kirchen und 19 Klöster zählten die Susdaler vor der Revolution, und fast alle sind erhalten. Zu Sowjetzeiten wurden die meisten in Turnsäle oder Lager umfunktioniert, sogar ein Labor für Biowaffen fand einst in einer Kirche Platz. Heute sind fast alle wieder liebevoll hergerichtet und eröffnet. Die amerikanische Zeitschrift "Time" kürte Susdal sogar zur "heimlichen Hauptstadt" - weil es die Russen an ihre Wurzeln erinnert wie vielleicht keine zweite Stadt. Glöckner, Ikonenmaler, Goldnäher und Altarbauer arbeiten wieder hier. Und in der Kunstakademie restaurieren sie gerade ein Kuppelkreuz, auf das Gefängniswächter einst bei Schießwettbewerben zielten.

Mütterchen rückten zum Protest aus

Susdal hat sogar eine autonome Kirchenszene. Oberster Kirchenbesetzer ist Priester Walentin, ein schwerer, alter Mann mit Bart. Wer ihn besuchen will, der steht vor einem Zaun mit Sprechanlage und wartet auf einen Sicherheitscheck des diensthabenden Erzbischofs. Walentin ist ein misstrauischer Priester. Vor Jahren sagte er sich vom Patriarchen in Moskau los. "Die Kirche hat sich mit Stalin und den Geheimdiensten verbündet", wettert er. "Ein Verbrechen!" Aber er ärgerte sich vor allem, dass die Kirchenverwaltung ihn aus Susdal abziehen wollte. Mütterchen rückten spontan zum Protest aus. Walentin desertierte, sammelte Gefolgsleute, ernannte sie zu Erzbischöfen und bewirtschaftet heute acht Kirchen.

Der strenge Mann gerät ins Reden. Er steigt in den Keller, zeigt zwei Hauskirchen im Untergrund und ein Museum voller Ikonen. Das zeigt er auch Passanten, falls sie ihm gefallen. Und falls sie ihm danach immer noch gefallen, lädt er sie zum Essen ein. Seine Erzbischöfe tragen Hühnchen und eingelegte Pilze auf, Pralinen, Cognac und Kaffee. Priester Walentin will abnehmen, er isst nur Müsli ohne Milch und Radieschen. Dann genehmigt er sich aber doch ein Gläschen Kirchenwein und dann noch eins. "Im Frauenkloster bunkern sie gerade Lebensmittel!", spottet er. "Sie bereiten sich auf den Weltuntergang vor!" Walentin lacht. Nichts gegen das Paradies natürlich oder ein Leben im Jenseits. Doch er findet, ehrlich gesagt, auch diese Welt ganz nett.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(