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Risiko Billigflug: Wie die Air-Berlin-Pleite das Reisen verändert

Nie war Fliegen billiger, und noch nie kostete es so viel – an Zeit und Nerven. Air Berlins Pleite bringt neuen Turbulenzen mit sich.

Er war Stammkunde. Volkmar Bader, 48, aus Berlin erinnert sich gut daran, wie ihn Air Berlin umwarb, wie das Unternehmen ihn inständig bat, treu zu bleiben. Jahrelang flog er mit der Linie, auch noch, als er und seine Frau Zhanna, 35, längst um die Probleme wussten. "Wir sind nicht naiv", sagt er. Doch sie wollten solidarisch sein. Und sie vertrauten den Worten von Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann, dass keine Pleite drohe und die Finanzierung bis 2018 reiche. Fünf Tickets kauften sie, drei nach Abu Dhabi, zwei nach New York. Knapp 1800 Euro. Das Geld ist wohl weg.

Dieses Schicksal der Baders teilen gerade Hunderttausende Deutsche. Da sind die Neumanns aus Kiel, die ihren zweiwöchigen Thailand-Urlaub abschreiben. Und 2600 Euro. Oder die Kerns vom Bodensee, die auf ihre Silvesterreise in die USA verzichten. Und auf knapp 3600 Euro. Etwa 200.000 Tickets verfallen durch die Pleite von Air Berlin. Ob die Kunden überhaupt einen Cent wiedersehen, ist unklar. Zahlungen für Tickets nach dem 15. August sollen durch ein Treuhandkonto gesichert sein; alle, die vorher gebucht haben, sind Gläubiger im Insolvenzverfahren und dürften nur ein paar Euro bekommen.

Der Billig-billig-Trend

Und auch wenn die Lufthansa knapp zwei Drittel der 134 Air-Berlin-Maschinen und 3000 der 8000 Beschäftigten übernimmt – zu den restlichen Verbindlichkeiten sagt sie: "No, no, no". Urlaubern, die wegen eines stornierten Rückflugs im Ausland stranden, bietet sie verbilligte Rückflüge an – das aber lediglich bis zum 15. November. Außerdem müssen die Air-Berlin-Mitarbeiter, die bei der Lufthansa unterkommen, mit Gehaltseinbußen von bis zu 40 Prozent rechnen. Es scheint, als gebe es tatsächlich nun ein Ende mit Schrecken. Im August hatte der Staat noch 150 Millionen Euro als Kredit gewährt, doch das war vor der Bundestagswahl. Inzwischen regen ein paar Politiker an, dass den 5000 nicht Übernommenen in einer Transfergesellschaft beim Jobwechsel geholfen werden möge – doch in Wahrheit dreht sich in Berlin alles um Jamaika. Sicher ist in diesem kaputten Konzern derzeit nur das Gehalt von Thomas Winkelmann. Sein Fünfjahresvertrag schützt eine Bankgarantie von 4,5 Millionen Euro.

Der letzte Air-Berlin-Flug landete letzten Freitag gegen 23:00 Uhr in der Hauptstadt. An Bord war auch Firmengründer Joachim Hunold, der gerade Fragen dazu beantworten muss, ob er bei seinen Syltflügen und dem Pay-TV-Abo korrekt zwischen dienstlich und privat unterschieden hat. Hunold bestreitet jede Untreue.

Volkmar, 48, und Zhanna Bader, 36, mit Sohn Michael, 2, Berlin    "Wir haben für unsere Asien-Rundreise im Februar drei Tickets von Air Berlin nach Abu Dhabi gebucht. Diese wurden per Mail storniert. Weder die reiche Etihad noch Lufthansa wollen uns umbuchen. Wir kaufen nun neue teure Flüge. Die Politik? Kümmert sich nicht, die Wahl ist schließlich vorbei ... Wir sind nicht naiv und wussten um die Probleme. Doch als Stammkunden haben wir auf die Aussagen von Air-Berlin-Chef Winkelmann vertraut, eine Insolvenz sei kein Thema und die Finanzierung bis Sommer 2018 gesichert. Aus Solidarität bin ich jahrelang sehr oft mit Air Berlin geflogen. Umso enttäuschter bin ich nun."

Volkmar, 48, und Zhanna Bader, 36, mit Sohn Michael, 2, Berlin

"Wir haben für unsere Asien-Rundreise im Februar drei Tickets von Air Berlin nach Abu Dhabi gebucht. Diese wurden per Mail storniert. Weder die reiche Etihad noch Lufthansa wollen uns umbuchen. Wir kaufen nun neue teure Flüge. Die Politik? Kümmert sich nicht, die Wahl ist schließlich vorbei ... Wir sind nicht naiv und wussten um die Probleme. Doch als Stammkunden haben wir auf die Aussagen von Air-Berlin-Chef Winkelmann vertraut, eine Insolvenz sei kein Thema und die Finanzierung bis Sommer 2018 gesichert. Aus Solidarität bin ich jahrelang sehr oft mit Air Berlin geflogen. Umso enttäuschter bin ich nun."

Die Pleite von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft wirft ein Schlaglicht auf eine Branche, die sich einen gnadenlosen Wettbewerb liefert – zulasten der Konkurrenten, der Mitarbeiter, der Passagiere und der eigenen Existenz. Gescheitert ist der Größenwahn der Manager. Gescheitert ist auch der Traum der Kunden – dass Luxus für lau zu haben ist.

Die Angebote der vergangenen Jahre ließen die Welt so angenehm klein werden. Mal ein Adventswochenende zum Shoppen nach New York, nonstop hin und zurück – herrlich. Oder ein romantischer Tripp nach Venedig für 9,79 Euro, warum denn nicht? Sicher, Air Berlin hat vieles falsch gemacht, aber ganz besonders litt die Firma unter dem immer härter geführten Preiskampf.

Dem Billig-billig-Trend können sich die wenigsten Gesellschaften entziehen – und so ist der Trip im Flieger inzwischen unsicher geworden. Nicht weil die Maschinen vom Himmel stürzten, sondern weil sich niemand mehr darauf verlassen kann, ob man überhaupt abhebt. Ob die Tickets, die man Monate im Voraus gekauft hat, beim Abflug noch gelten. Ob man bei Flugausfall sein Geld zurückbekommt. Ob nach dem stundenlangen "Bitte bleiben Sie in der Leitung. Bitte ..." der Hotline doch noch ein echter Mitarbeiter abhebt. Plötzlich ist es ratsam, vor jeder Buchung zu googlen: Name der Fluggesellschaft plus Schlagwort "Schulden" oder "Verluste".

In den 1950er Jahren kostete ein Ticket knapp 2000 D-Mark

Die Geschichte der Luftreisen, so scheint es, nimmt eine eigenartige Wendung. Erst wurde der Traum vom Fliegen für alle wahr, nun wird er für viele zum Albtraum. Man sitzt mit gefalteten Beinen, weil der Abstand zum Vordersitz nur noch 73 Zentimeter (Easyjet, Eurowings) oder 76 Zentimeter (Ryanair, Lufthansa) beträgt – anders als vor 20 Jahren, als selbst die Holzklasse noch 89 Zentimeter bot. Man kämpft um den letzten Freiraum im Gepäckfach, zückt für einen Kaffee die Kreditkarte, und nach der Landung beginnt das Gepäckbingo. Hoffentlich sind Koffer und Taschen mitgekommen.

Noch nie war Fliegen war so billig. Wer im Juni vom kroatischen Pula in die deutsche Hauptstadt jetten wollte, zahlte 7,11 Euro. Dafür schiebt in Berlin-Mitte kein Barista zwei Cappuccini über den Tresen. Noch nie aber hat Fliegen so viel gekostet – an Zeit und Nerven.

In den 1950er Jahren kostete ein Ticket knapp 2000 D-Mark, das mehr als Vierfache eines Durchschnittsgehalts. In den Kabinen ging es vornehm zu. Die Frau schlüpfte ins Kostüm, der Mann in Anzug und Krawatte. Stewardessen trugen lange weiße Handschuhe. Fliegen war exklusiv und teuer.

Manuel, 28, und Julia Neumann, 30, Kiel    "Wir hatten uns lange auf den Thailand-Urlaub gefreut. Es sollte die letzte große Reise ohne Nachwuchs werden. Weil mein Mann selbstständiger Malermeister ist, fliegen wir nur selten in den Urlaub. Darum buchten wir bereits Ende Juni und freuten uns darauf, Weihnachten und Silvester in der Sonne zu verbringen. Von Hamburg sollte es über Düsseldorf und Abu Dhabi nach Phuket gehen. Unsere Inlandsflüge liefen über Air Berlin, die Langstrecke über Etihad. Darum waren wir geschockt, als wir vom Reisebüro einen Anruf erhielten, dass auch die Etihad-Flüge weg seien. Neue Tickets würden uns 2600 Euro kosten. Das können und wollen wir uns nicht leisten. Unser Notfallplan: Urlaub in Dänemark."

Manuel, 28, und Julia Neumann, 30, Kiel

"Wir hatten uns lange auf den Thailand-Urlaub gefreut. Es sollte die letzte große Reise ohne Nachwuchs werden. Weil mein Mann selbstständiger Malermeister ist, fliegen wir nur selten in den Urlaub. Darum buchten wir bereits Ende Juni und freuten uns darauf, Weihnachten und Silvester in der Sonne zu verbringen. Von Hamburg sollte es über Düsseldorf und Abu Dhabi nach Phuket gehen. Unsere Inlandsflüge liefen über Air Berlin, die Langstrecke über Etihad. Darum waren wir geschockt, als wir vom Reisebüro einen Anruf erhielten, dass auch die Etihad-Flüge weg seien. Neue Tickets würden uns 2600 Euro kosten. Das können und wollen wir uns nicht leisten. Unser Notfallplan: Urlaub in Dänemark."

Bis Ende der 80er Jahre. Da kamen in Brüssel ein paar Herren auf eine revolutionäre Idee. Sie lautete: "Wir müssen den Himmel neu ordnen." Die Menschen wollten mehr reisen, doch in Europa schrieben die nationalen Behörden streng vor, wer wann wohin mit welchen Maschinen zu welchen Preisen fliegen durfte. Inlandsflüge durften ausländische Linien nicht übernehmen. Die Lufthansa herrschte über den deutschen Luftraum. Konkurrenzlos.

Dann aber, nach 1987, fielen die Regeln. Jede Gesellschaft durfte überall hinfliegen, die Preise sanken – auch dank des technischen Fortschritts. Laut dem Brüsseler Branchenverband Airlines for Europe (A4E) zahlte eine vierköpfige Familie für einen Hin- und Rückflug von Mailand nach Paris Anfang der 90er Jahre umgerechnet 1600 Euro, heute wird sie mit 100 Euro gelockt. Möglich machten das vor allem Billiganbieter wie Easyjet, Ryanair – und immer wieder auch: Air Berlin.

Sie können ihn Montag und Dienstag zwischen 9 Uhr und 9.01 Uhr anrufen

So kam es, dass immer mehr Menschen in die Luft gingen. Seit dem Jahr 2000 hat sich der globale Flugmarkt verdoppelt. In Deutschland stieg die Zahl der Passagiere um 60 Prozent auf 223 Millionen. Heute sind rund 90 Prozent der Passagiere aus privaten Gründen unterwegs.

Im harten, zum Teil zerstörerischen Wettbewerb bestimmen die Billigflieger die Regeln, ihr Marktanteil wuchs in Europa allein in den vergangenen fünf Jahren um acht Prozentpunkte auf 48 Prozent.

Lothar, 54, und Cordula Müller, 47, Bornheim    "Unsere Zwillinge sind 17 Jahre alt, einer unserer Söhne ist lernbeeinträchtigt. Ende Oktober wollten wir zum ersten Mal ohne Kinder verreisen, hatten alles lange geplant: die Versorgung unserer Pferde, die Betreuung unseres Sohns. Wir buchten Flug, Hotel, Transfer und eine Stadtrundfahrt in New York – in unseren Augen eine Pauschalreise. Wir zahlten 1380 Euro an. Die sind futsch! Nur Hotel und Transfer bekommen wir eventuell zu einem geringen Teil aus Kulanz erstattet. Das Reisebüro, so teilten sie mit, sei nur der Vermittler. Nur bei einer Pauschalreise hätte es eine Sicherung gegeben. Somit hatten wir Pech. Nun geht unsere Laune immer mehr in den Keller, je näher der Reisetermin rückt."

Lothar, 54, und Cordula Müller, 47, Bornheim

"Unsere Zwillinge sind 17 Jahre alt, einer unserer Söhne ist lernbeeinträchtigt. Ende Oktober wollten wir zum ersten Mal ohne Kinder verreisen, hatten alles lange geplant: die Versorgung unserer Pferde, die Betreuung unseres Sohns. Wir buchten Flug, Hotel, Transfer und eine Stadtrundfahrt in New York – in unseren Augen eine Pauschalreise. Wir zahlten 1380 Euro an. Die sind futsch! Nur Hotel und Transfer bekommen wir eventuell zu einem geringen Teil aus Kulanz erstattet. Das Reisebüro, so teilten sie mit, sei nur der Vermittler. Nur bei einer Pauschalreise hätte es eine Sicherung gegeben. Somit hatten wir Pech. Nun geht unsere Laune immer mehr in den Keller, je näher der Reisetermin rückt."

Das System lässt sich sehr gut mit einem Witz veranschaulichen. Er handelt von Michael O'Leary, dem Chef der irischen Ryanair. O'Leary ist so etwas wie der Dr. Jekyll und Mr Hyde der Branche. Bewundert, weil er die Branche aufmischt und seine Fluggesellschaft in eine Profitmaschine verwandelt hat. Gefürchtet, weil er Piloten und Crews wenig zahlt und Passagiere schröpft.

Der Witz geht so: O'Leary kommt in einen Pub und bestellt ein Pint Guinness. Der Barkeeper verlangt ein Pfund, O'Leary strahlt. "Das ist aber billig!" Doch als er das Bier trinken will, fordert der Barkeeper für das Glas drei Pfund. Als sich O'Leary an die Theke setzt, werden weitere zwei Pfund fällig, und für den Laptop, den er aufklappt, wieder zwei Pfund. Am Ende verlangt O'Leary wütend den Manager, worauf der Barkeeper sagt: "Gern, Sie können ihn Montag und Dienstag zwischen 9 Uhr und 9.01 Uhr anrufen, die telefonische Antwort kostet ein Pfund pro Sekunde." Dann fügt er hinzu: "Vergessen Sie nicht, wir haben das billigste Bier in Irland."

Der US-Markt als Vorbild

Es sind solche Praktiken, die Anbieter wie Ryanair erfolgreich machten. Locke mit Super-niedrig-Preisen und knöpfe später dem Kunden viel für Extras ab. O'Leary hat diese Methode nicht erfunden, sondern kopiert. Sein Vorbild fand er in Herb Kelleher, dem Chef der US-Linie Southwest, dessen oberster Grundsatz war, billig zu sein. O'Leary erfand weitere: Verwende möglichst wenige Maschinentypen, um bei Wartung und Schulung zu sparen. Ryanair fliegt daher nur mit dem "Luftschwein" Boeing 737. Und: Fliege kurze Strecken, weil sie besser zu planen sind. Und: Steuere überwiegend kleine Flughäfen an, weil sie niedrige Gebühren verlangen und dich mit Rabatten ködern.

In den vergangenen Jahren versuchte Air Berlin, diese Strategie zu kopieren, aber nicht bis zur letzten Konsequenz. Statt eines Flugzeugtyps besaß die Linie sieben unterschiedliche von drei Herstellern. Gut dotierte Tarifverträge liefen weiter. Statt stringent nach einer Leitidee zu wachsen, kaufte sie Firmen zusammen, ohne sie vollständig zu integrieren. Städtetouristen, Pauschalreisende und Geschäftsleute – man wollte alle bedienen und verdiente mit keiner Gruppe richtig Geld. Am Ende wurde die Gesellschaft nur noch von ihrem Großaktionär Etihad am Leben gehalten. Die Golf-Airline wollte sich Zubringerdienste für die Fernflüge ab Abu Dhabi sichern. Aber schließlich wurde selbst das den Scheichs zu teuer.

Joachim, 46, und Diana Kern, 39, mit Nico, 15, und Alicia, 12, Ludwigshafen am Bodensee    "Leider gehören wir zu den großen Verlierern der Misere. Wir haben Anfang August über ein Onlineportal gebucht, für uns und unsere beiden Kinder. Von Stuttgart sollte es am 21. Dezember mit Air Berlin über Düsseldorf in die USA nach Fort Myers gehen und am 2. Januar zurück. Dafür zahlten wir 3600 Euro – inklusive einer Versicherung für den Insolvenzfall. Doch diese greift nun wahrscheinlich nicht, weil es angeblich bereits "Anzeichen der Insolvenz" gab! Jeden Tag verfolgen wir nun das Drama und wissen bis heute nicht, wie es für uns weitergeht. Neue Tickets würden wahnsinnig viel Geld kosten."

Joachim, 46, und Diana Kern, 39, mit Nico, 15, und Alicia, 12, Ludwigshafen am Bodensee

"Leider gehören wir zu den großen Verlierern der Misere. Wir haben Anfang August über ein Onlineportal gebucht, für uns und unsere beiden Kinder. Von Stuttgart sollte es am 21. Dezember mit Air Berlin über Düsseldorf in die USA nach Fort Myers gehen und am 2. Januar zurück. Dafür zahlten wir 3600 Euro – inklusive einer Versicherung für den Insolvenzfall. Doch diese greift nun wahrscheinlich nicht, weil es angeblich bereits "Anzeichen der Insolvenz" gab! Jeden Tag verfolgen wir nun das Drama und wissen bis heute nicht, wie es für uns weitergeht. Neue Tickets würden wahnsinnig viel Geld kosten."

O'Leary dagegen ist heute mit einem Vermögen von 700 Millionen Euro einer der reichsten Menschen Irlands. Die Umsatzrendite von Ryanair liegt bei 20 Prozent; branchenüblich sind eher vier Prozent. Inzwischen imitieren fast alle traditionellen Airlines O'Learys Stil. British Airways/ Iberia gründete Vueling, Air France KLM schuf Transavia, Lufthansa startete Eurowings, wo jetzt die Air-Berlin-Piloten unter kommen sollen. Angestellt nicht in Deutschland, sondern in Österreich. Dort sind die Gehälter niedriger.

Zu welchem Irrsinn der Kampf inzwischen führt, zeigte ein Montag im September, als sich Michael O'Leary in Dublin vor ein Mikrofon setzte. Auf den ersten Blick sah er aus wie immer, die grauen Haare verstrubbelt, der Hemdkragen offen, ein Meister des Entertainments. Er kann das. Mal streift er ein Wikingerkostüm über, mal geht er auf Socken vor die Presse. Als er 2003 dem Konkurrenten Easyjet den Krieg erklärte, ließ er einen Weltkriegspanzer vor dessen Zentrale auffahren.

An diesem Morgen aber sagte O'Leary etwas Unerhörtes. Er sagte: "Wir haben es versaut." Und: "Ich habe dem Unternehmen Schaden zugefügt." Der Zampano tat Buße, weil Ryanair die Urlaube der Piloten falsch geplant hatte und deshalb bis Ende Oktober 2000 Flüge streichen musste. Einige Tage nach dem denkwürdigen Auftritt musste die Gesellschaft weitere Flüge stornieren, diesmal 18.000, bis März, Reisen von 400.000 Kunden. Ein langjähriger Manager musste gehen, und der Ryanair-Chef, der die Piloten sonst gern als "glorifizierte Taxifahrer" schmäht, verspricht ihnen nun mehr Geld.

Die USA haben hinter sich, was Europa bevorsteht

Der größte Spieler im Billigmarkt hat sich verzockt. Seine Firma beschäftigt die Piloten über dubiose Personalvermittler, um Steuern und Sozialabgaben zu sparen, was die Behörden gegen diese Agenturen ermitteln lässt. Manche Piloten müssen Zehntausende Euro Steuern nachzahlen, und weil Luftkapitäne derzeit gefragt sind, suchen sie sich neue Arbeitgeber. Knapp hundert von ihnen und fast 200 Co-Piloten haben sich in den vergangenen Monaten laut Ryanair verabschiedet.

Frank Händel (Name geändert) wundert das nicht. Er ist Pilot und fliegt seit 15 Jahren für diverse Gesellschaften, manchmal auch für Air Berlin. Den Mythos seines Berufs kennt er. Der Herrscher der Lüfte, heute in Berlin, morgen New York, übermorgen Rio und immer braun gebrannt. Doch von dem Mythos ist wenig geblieben. "Billigflieger wie Ryanair machen vor nichts halt, um ein Ticket für 29 Euro anzubieten", sagt er. Junge Piloten müssten etwa Flugstunden selbst bezahlen, Kosten von bis zu 30.000 Euro. Händel fürchtet, dass Kollegen durch den Druck erpressbar werden und in schwierigen Situationen falsch entscheiden. "Man kann das System nicht unendlich ausquetschen, ohne dass die Sicherheit irgendwann leidet", sagt er. Dagegen verweist Ryanair-Sprecher Robin Kiely darauf, dass die Löhne der Ryanair-Piloten teilweise über denen der Konkurrenz liegen würden. Außerdem erhielten sie pauschal 6000 Euro im Jahr für Uniformen, Essen oder ärztliche Tests. Inzwischen blickt Frank Händel besorgt in die USA, wo einige Luftkapitäne so mies bezahlt werden, dass sie Essensmarken beantragen und sich keine Wohnung mehr leisten können.

Michael, 35, Sonja Schäfer, 37, Bonn    "Vor einem Jahr beschlossen wir, uns unseren Traum zu erfüllen und einmal in der Vorweihnachtszeit nach New York zu fliegen. Wir buchten über das Reisebüro den Flug mit Air Berlin sowie das Hotel. Den Flug zahlten wir direkt, immerhin 1020 Euro. Zusätzlich buchten wir XL-Sitze für 360 Euro. Wir wollten diese Reise von Anfang an genießen. Die Vorfreude war groß, bis Mitte August. Dann die Pleite. Wir mussten neue Flüge buchen. Für 1000 Euro hart an der Grenze des Stemmbaren. Wir wurden dafür bestraft, dass wir früh gebucht haben. Diejenigen, die für die Misswirtschaft verantwortlich sind, lachen sich ins Fäustchen, und alles, was ihnen einfällt, ist eine lapidare Entschuldigung auf der Homepage."

Michael, 35, Sonja Schäfer, 37, Bonn

"Vor einem Jahr beschlossen wir, uns unseren Traum zu erfüllen und einmal in der Vorweihnachtszeit nach New York zu fliegen. Wir buchten über das Reisebüro den Flug mit Air Berlin sowie das Hotel. Den Flug zahlten wir direkt, immerhin 1020 Euro. Zusätzlich buchten wir XL-Sitze für 360 Euro. Wir wollten diese Reise von Anfang an genießen. Die Vorfreude war groß, bis Mitte August. Dann die Pleite. Wir mussten neue Flüge buchen. Für 1000 Euro hart an der Grenze des Stemmbaren. Wir wurden dafür bestraft, dass wir früh gebucht haben. Diejenigen, die für die Misswirtschaft verantwortlich sind, lachen sich ins Fäustchen, und alles, was ihnen einfällt, ist eine lapidare Entschuldigung auf der Homepage."

Die USA haben hinter sich, was Europa bevorsteht: die Konzentration auf wenige Anbieter. Während in Europa heute die fünf größten Firmen 64 Prozent des Marktes beherrschen, teilen sich die fünf größten US-Firmen fast 90 Prozent. Solche Oligopole erfreuen die Börse. "Dort machen die großen Airlines Rekordgewinne dank höherer Preise und reduzierter Angebote", sagt Gerd Pontius von der weltweiten Luftfahrtberatung von Prologis. Die Qualität sinkt, der Kunde leidet – der Gewinn steigt.

David Dao, 69, wollte eigentlich nur von Chicago nach Louisville fliegen. Doch als er in der Maschine der United Airlines saß, bauten sich plötzlich Polizisten vor ihm auf und wiesen ihn an, die Maschine zu verlassen. Sie rissen an seinen Armen, er brach sich die Nase, verlor zwei Zähne und hatte eine Gehirnerschütterung. Dao hatte einen bezahlten Platz, doch der Flug war überbucht, man brauchte Sitze für die Crew einer Anschlussverbindung. Es folgte ein großer Protest im Internet, United versprach, sich zu bessern, doch in den US-Kabinen geht es weiter rau zu. Mal schreien Stewardessen, dass sie alle Passagiere verhaften lassen. Mal droht ein Crewmitglied einem Erste-Klasse-Reisenden mit Handschellen, falls er nicht seinen Sitz räumt.

60.000 Tickets fehlen – jeden Tag

Wie rau es hierzulande an Bord der Flieger künftig zugehen wird, hängt auch davon ab, wie das Erbe von Air Berlin geregelt wird. Durch die Pleite fehlen pro Tag 60.000 Tickets. An vielen Flughäfen konkurriert die Lufthansa nur noch mit – Achtung! – der Lufthansa, getarnt als Billigtochter Eurowings. Schon heute hat sie auf innerdeutschen Strecken einen Marktanteil von 73 Prozent. Schluckte sie auch den Rest von Air Berlin, wären es 97 Prozent. Beharrlich behauptet Lufthansa-Chef Carsten Spohr: "Wir gehen von weiter sinkenden Preisen aus", doch Experten wie Daniel Zimmer, Ex-Chef der Monopolkommission, halten das für einen "netten Versuch, die Wettbewerbsprobleme kleinzureden". Gerd Pontius von Prologis richtet sich bereits auf eine "legale Form des Kartells" ein. Die Großen fressen die Kleinen und können "Preise abstimmen und Gewinne teilen".

Schon jetzt wird das Fliegen teurer. Laut der Reisesuchmaschine Skyscanner sind die Preise für Dezember, verglichen zum Vorjahr, bei innerdeutschen Flügen nach Stuttgart oder Berlin um ein Drittel gestiegen, bei Zielen wie Gran Canaria oder Mallorca sogar um bis zu 40 Prozent.

Mehr Verbraucherschutz nötig

Die einzige Hoffnung der Kunden ruht nun auf den Wettbewerbswächtern in Bonn und Brüssel. Doch solange Politiker wie CSU-Lautsprecher Alexander Dobrindt von "nationalen Champions" träumen, wird sich am Risiko für die Verbraucher nichts ändern, und Kunden werden weiter bittere Erfahrungen machen, so auch Familie Peters aus Ostfriesland.

Weil Jürgen Peters den Zusagen von Air Berlin vertraut hatte, buchte er noch Anfang August Reisen nach Toronto und Orlando. Er zahlte direkt, um einen Rabatt zu nutzen. Die Kosten von bis zu 9000 Euro kann er wohl abschreiben. Würden direkt gebuchte Tickets wie Pauschalreisen behandelt, müssten die Fluglinien wie jeder Reiseveranstalter ihre Kunden gegen Ausfälle absichern. Ein solches Verfahren fordern Verbraucherschützer und Grüne seit Jahren, scheiterten bisher aber an Fluglinien und Bundesregierung. Die Pleite von Air Berlin könnte da vielleicht die ersehnte Wende bringen. So geschah es einst, 1993, als der Reiseveranstalter MP Travel Line Bankrott ging und Tausende Urlauber in aller Welt strandeten. Gut ein Jahr später wurde der Sicherungsschein zur Pflicht. Pauschaltouristen konnten wieder ohne Angst vor der Pleite in den Urlaub starten.

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