HOME

Ausstellungen in Berlin: Mitte(n) in der Kunst

20 Jahre nach dem Fall der Mauer ist die deutsche Hauptstadt das beliebteste Touristenziel der Republik: 7,9 Millionen Hotelgäste kamen im vergangenen Jahr. Abseits der ausgelatschten Pfade zum Brandenburger Tor, den Mauerresten und der Museumsinsel schlendert man durch Mitte auf künstlerisch hohem Niveau.

Von Jan-Philipp Sendker

Auf dem Fußboden eines leeren Zimmers mit weißen Wänden wälzt sich ein Mann. Verunsichert beobachte ich ihn für einen Moment. Ich vermute, er hat Schmerzen. "Geht es Ihnen nicht gut", stelle ich die dümmste aller Fragen. Der Mann antwortet nicht. Er dreht sich weiter, wie in Zeitlupe, von einer Seite des Raums zur anderen, die Augen geschlossen, die Hände vor der Brust verschränkt. Ich eile zu einer jungen Frau, die nicht weit entfernt an einer Wand lehnt und aussieht, als gehöre sie zum Sicherheitsdienst der "Kunst-Werke" in Berlin-Mitte. "In dem Raum dort drüben krümmt sich ein Mann auf der Erde", sage ich. "Ich weiß", antwortet sie, "ein Tänzer. Das ist Kunst."

Vielleicht muss man studierter Kunstwissenschaftler sein, um das in seiner ganzen Tiefgründigkeit zu würdigen. Wer das nicht ist, darf sich nicht abschrecken lassen. Für eine Erkundungstour in Sachen Kunst gibt es in Deutschland keinen besseren Ort als Berlin. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall gehört die deutsche Hauptstadt zu den wichtigsten Kunstzentren der Welt. Neben zahlreichen Museen, Auktionshäusern und Kunstmessen, gibt es über 400 private Galerien, bekannte Kunsthändler aus London und New York eröffnen in der Hauptstadt ihre Dependancen. Sie sind in der ganzen Stadt verstreut, die höchste Dichte gibt es in Berlin-Mitte, dort haben in den vergangenen Jahren auf einer Fläche von einem Quadratkilometer an die hundert kleine und große Ausstellungsräume aufgemacht. Manche liegen in Hinterhöfen oder in oberen Stockwerken und dienten früher als Wohnungen, andere sind ehemalige Ladenlokale, Schulen oder umgebaute Fabriken.

Kunst auf Fabriketagen

Das Galerien-Viertel in Mitte erinnert an das legendäre Soho der späten 70er, 80er und 90er Jahre in New York. Auch dort nisteten sich damals in heruntergekommenen Fabriketagen, ob der günstigen Mieten, Künstler und Galerien ein und innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich der Stadtteil in Downtown Manhattan zum Kunstzentrum der Welt. Durch den Boom stiegen die Immobilienpreise, Luxusboutiquen verdrängten Künstler und Galeristen, die zogen weiter nach Chelsea, Brooklyn oder: Berlin. Man muss weder Kunsthistoriker noch Sammler sein, um bei einem Berlin Besuch für einen Bummel durch das Viertel einen langen Nachmittag oder auch einen ganzen Tag zu reservieren.

Neben der Kunst ist es die Abwechselung, die einen Spaziergang durch den Stadtteil für Touristen und Einheimische gleichermaßen interessant macht. Es reiht sich nicht nur eine Galerie an die andere, dazwischen liegen schöne Cafes, Restaurants, kleine Geschäfte von Goldschmieden, Instrumentenbauern oder unabhängigen Modelabels, von denen es in Berlin auch über drei hundert gibt. In der Sophienstraße finden regelmäßig Märkte statt.

Mein Rundgang beginnt in der Galerie "Deschler" am oberen Ende der Auguststraße. Dort hängen im Obergeschoss Fotos des Amerikaners Jay Mark Johnson. Im Keller das Kontrastprogramm: Filzhüte, Kleider, Uniformen, in warmen Farben, handgenäht von der japanischen Künstlerin Yukiko Terada, umgeben von unzähligen Schmetterlingen aus Stoff. Schräg gegenüber stellt "Eigen+Art", eine der ersten Galerien in diesem Viertel, einen Maler der Leipziger Schule aus. Ein paar Meter weiter sind faszinierende Bilder der deutschen Fotografin Mona Breede zu sehen. Nur ein paar Türen entfernt eine Ausstellung mit dem Titel "Lob der Heringe". 21 Maler und Bildhauer zum Thema Fisch - geräuchert, getrocknet, abgegessen, in Öl auf Leinwand, als Aquarell oder in Stein gehauen.

Auch für Laien zugänglich

In den Galerien entdeckt auch der Laie eine unglaublich vielseitige Kunst, die von Fotografie, Malerei und Installationen, über Performance Art bis zur Videokunst reicht. Jedes Betreten einer Galerie ist wie das Öffnen einer Wundertüte: Man weiß nicht, was einen erwartet. Ein beeindruckendes Ölbild? Ein berührendes Foto oder verstörendes Video oder doch nur belanglose Zeichnungen oder langweilige Skulpturen? Manchmal bleibt es bei einem flüchtigen Blick oder einem kurzen Rundgang, dann wieder gibt es kleine Ausstellungen, in denen selbst eine halbe Stunde zu wenig ist.

Kaffee und Kuchen statt Margarine

Nicht nur die ausgestellten Künstler kommen aus aller Welt, auch die Besucher. An diesem Nachmittag höre ich mehr als ein halbes Dutzend Fremdsprachen, in Mitte zeigt sich Berlin von seiner weltstädtischen Seite. Im Sommer herrscht in den Straßen und Hinterhöfen mit ihren vielen Restaurants, Cafés und Espresso Bars ein fast südländischer Flair. Besonders schön ist das vom amerikanischen Künstler Dan Graham konzipierte Café Bravo, im Innenhof der "Kunst-Werke". Die ehemalige Margarinefabrik wurde Anfang der 90iger Jahre von jungen Kunstbegeisterten besetzt und in ein Ausstellungszentrum verwandelt - die Geburtsstunde von Berlin-Mitte als Kunstzentrum. Heute ist der einst baufällige Gebäudekomplex aufwendig restauriert und gehört in Europa zu den besten Adressen für zeitgenössische Kunst.

Wenige Häuser entfernt, Auguststraße 23, steht eines der letzten nicht renovierten Häuser im ganzen Viertel. Eine zerklüftete Fassade, in der noch Spuren des zweiten Weltkrieges sichtbar sind, der Putz fällt von der Wand, wie trockene Haut von einer Schuppenflechte. Das Gemäuer wirkt, inmitten der mühevoll restaurierten Häuser und frisch gestrichenen Fassaden, fast selbst wie ein Kunstwerk, ein Denkmal, an eine längst vergangene Zeit. Selbst mit sehr viel Fantasie fällt es schwer, sich vorzustellen, dass vor zwanzig Jahren die ganze Umgebung so ausgesehen hat.

Weitere Infos
Berlin Tourismus: Am Karlsbad 11, Tel. 030/250025, www.berlin-tourist-information.de
Kunsttouren: Art Walking Berlin - Die ehemalige Galeristin Christel Zelinski hat sich auf individuelle Touren mit kleinen Gruppen durch die Berliner Kunstszene spezialisiert. Anmeldung: Tel. 030/6159935, E-Mail: czelinski@t-online.de; art:berlin, Tel. 030/28096390, E-Mail info@artberlin.de, www.artberlin-online.de

Wissenscommunity