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Berlins neuer Hauptbahnhof: Lichtkathedrale in der Wüste

Mit viel Pomp und Prominenz wird am kommenden Wochenende der neue Berliner Hauptbahnhof eröffnet. stern.de hat ihn begutachtet, fotografiert - und macht ihn mit einer interaktiven Grafik erlebbar.

Von Florian Güßgen

Ich mag Bahnhöfe. Sie sind Bühnen unseres Lebens. Alles, was uns ausmacht, gibt es dort zu sehen, zu hören, zu fühlen, zu riechen. Ankunft und Abschied der oder des Geliebten - Klassiker. Am schönsten sind Bahnhöfe, wie alles, im Frühjahr, wenn sie sich erwärmen, wenn man schon mit dem T-Shirt in den Zug kann, aber es noch nicht stickig-heiß ist. Am traurigsten sind Bahnhöfe, egal zu welcher Jahreszeit, wenn der letzte Zug eingefahren ist, wenn die Penner sich volltrunken für die Nacht zurechtmachen müssen, gleich neben der Imbissbude, im verglasten Eingangsbereich von irgendeinem Damenkonfektionsladen. Bahnhöfe sind immer auch ein Stückchen neonlichterne Tristesse.

Abschied vom Nostalgie-Bahnhof Zoo

Der Berliner Bahnhof Zoo war ein guter Bahnhof. Ich mochte ihn, mag ihn immer noch. Ich bin oft dort, komme an, fahre weg. Ich mag ihn wegen seiner Enge, seiner Wuseligkeit, seiner Geschichte. Nein, nicht wegen Christiane F., die ist old school, 70er. Ich mag den "Zoo", weil er für mich Westberlin ist. Er riecht immer noch , ganz leicht, nach Klassenfahrt in eine geteilte Stadt, nach Gedächtniskirche, nach Ku'Damm, nach sperrstundenfreier Zone, nach "The Wall" und siffigen Punks. "Haste mal ... ". Der "Zoo" ist für mich Nostalgie, fein dosiert, ein paar Minuten jede Woche. Da macht es fast nichts, dass man im WC-Center dort auch schon längst - umgerechnet - 'ne Mark fürs saubere Pinkeln zahlt und ich auf der Durchreise bin - in einen anderen Teil der Stadt, in das neue Berlin.

Jetzt, am Wochenende, ist ohnehin Schluss mit dieser Nostalgie. Das neue Berlin eröffnet seinen eigenen Bahnhof, und irgendwie ist das nur konsequent. Mein ICE wird dann nicht mehr am "Zoo" halten, sondern durchfahren, bis zum "Berliner Hauptbahnhof", diesem Palast aus Glas und Stahl. Ich kenne ihn schon, den Neuen. Ein paar Tage, bevor Kanzlerin, Bahn-Chef und andere Prominenz ihn mit Pomp, Prunk und Feuerwerk offiziell eröffnen, durfte ich mir das Wunderwerk angucken, geführt von Herrn Auferkamp, dem freundlichen Mann von der Bahn.

Interaktive Infografik zum Berliner Hauptbahnhof

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Ein Bahnhof zum Durchatmen

Noch war da nicht alles fertig. Noch hämmerte, feilte, fugte es überall, es herrschte eine Betriebsamkeit wie beim Jahrestreffen einer Mainzelmännchen-Brigade. Männer, die wie Bergsteiger in Seilen hingen, putzten die Glasfronten blitzblank. Nein, noch war nicht alles fertig, begeistert war ich dennoch. Diese Architektur mit den zwei sich kreuzenden gläsernen Hallen, die fünf Ebenen - "toll," wie Herr Auferkamp immer wieder sagte. Und der Bahn-Mann hat Recht. Ganz oben, auf einer Art Brücke, fahren die Züge von West nach Ost und retour, auch die S-Bahn hält dort. Von dem Bahnsteig aus sieht man das Kanzleramt, hinter dem die Kuppel des Reichstags hervorlugt. Ganz unten, im Tiefgeschoss, fahren demnächst die Nord-Süd-Züge ein und aus. Aus München kommen sie etwa. Die Strecke dort unten verläuft fast rechtwinklig zur Ost-West-Trasse, deshalb ist das hier ein "Kreuzungsbahnhof", der größte Europas. Und dennoch ist es nicht die schiere Größe des Bahnhofs, die mich begeistert. Es ist das Tageslicht, das überall hinfällt, das dem Gebäude Leben verleiht, selbst ohne Reisende. Dieser Bahnhof ist ein heller Ort ist, ein Ort, an dem man durchatmen kann.

Der Bahnhof ist wie das neue Berlin, wie Norman Fosters Glaskuppel auf dem Parlament. Mit all seinem Glas, seinen Stahlstreben, dem hellgrauen Granit symbolisiert auch er jene Offenheit, Frische und Nüchternheit, die die Berliner Republik so gerne für sich in Anspruch nimmt. Schwer, wuchtig, wie dieses Land nun einmal ist, unternimmt es den Versuch einer gewissen, luftigen Selbstironie. Für dieses Deutschland steht auch dieser Bau, mit seiner 320 Meter langen, gläsernen Halle, die Bahnsteige und Gleise der oberen Strecke überwölbt. Dafür steht das Glasdach zwischen den beiden Bügelbauten, das die 160 Meter lange Bahnhofshalle schützt. Dieser Bahnhof ist ein Monument, das sehr leicht daherkommt, eine Lichtkathedrale.

Eine Lichtkathedrale, vom Untergeschoss bis unters Dach

Futuristisch muten die sechs gläsernen, zylinderförmigen Aufzüge an, die in die Höhe fahren; vorbei an der ebenerdigen Halle mit all ihren Läden und Wurst-Bratereien - auch einen Virgin Mega-Store wird es hier geben; vorbei am ersten Obergeschoss mit Polizeistation und Bahnhofsmission. Die Aufzüge fahren hinauf zu jener Plattform, auf der man die S-Bahn erwischen, von der aus man aber auch das Zeltdach des Sony-Centers erspähen kann - und, in der Ferne, den Bahn-Tower. Von dort aus, so will es übrigens die Mär, hat Bahnchef Mehdorn mit einem Fernglas in der Hand den Fortgang der Arbeiten an dem Bahnhof überwacht.

Verortet im Nichts

Klar, es gibt auch etwas zu bekritteln. Allein, dass der Hauptbahnhof zwar mitten drin steht in Berlin, aber eben auch mitten drin im Nichts, erscheint etwas sonderbar. Der Berliner Hauptbahnhof ist eine Lichtkathedrale in der Wüste, weit weg von dem lebendigen, rotlichternden, etwas verruchten Stadtleben, das Bahnhöfe gemeinhin umgibt. Wenn ich den Bahnhof etwa über das Hauptportal verlasse, stehe ich auf dem öden "Europaplatz". An mir rauscht der Verkehr auf der lauten Invalidenstraße vorbei. Von pulsierendem Stadtleben ist hier nichts zu spüren. Es ist eine leere Bühne, die den Reisenden geboten wird.

Das Gleiche gilt für die rückwärtige Seite. Zwar kann ich mich hier auf eine Terrasse setzen, Austern schlürfen und das Kanzleramt beobachten (die Terrassen-Treppe haben sie bezeichnend "Kanzlerinnentreppe" getauft), aber wirklich fußläufig ist das nächste Gebäude nicht. Es verwundert nicht, dass die Bahn für den zweiten "Bügelbau" noch keinen Mieter gefunden hat. Eigentlich sollte da ein Hotel rein, aber noch hat keiner der potenziellen Interessenten angebissen. Vielleicht fürchten auch die Interessenten, dass man zum nächsten schönen Ort von hier aus nicht laufen kann, sondern immer die S-Bahn nehmen muss - zur Friedrichstraße etwa, oder zum Zoo.

Vielleicht ist es aber auch ganz gut, dass der Bahnhof liegt, wie und wo er liegt. So können etwa erzürnte WM-Fans erst einmal auf einen weitgehend belanglosen Platz stürmen, ihre Gemüter abkühlen, sie haben Auslauf. Vielleicht ist es auch gut, dass hier, wie geplant, erst einmal ein neues Viertel entstehen muss. Vielleicht müssen alle Beteiligten - die Berliner, die Reisenden, jene, die sich trennen müssen - sich auch erst einmal ganz langsam an diesen Bahnhof gewöhnen. Vielleicht ist es auch so, dass diese Bühne sich ihr Viertel erst prägen muss. Vielleicht steht es dieser Stadt auch gut zu Gesicht, dass sie allen, die hier ankommen, erst einmal Raum gibt, sie ein wenig sich selbst überlässt. Licht, und das ist schön, gibt es genug.

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