HOME

Deutschland: Berlin 1995-2005

Es war eine spektakuläre Aktion: 1995 zeigte der stern den Deutschen, wie ihre Hauptstadt im Jahr 2005 aussehen sollte - auf fünf großen Panoramabildern, angefertigt nach dem letzten Stand der Architekturpläne. Zehn Jahre später schauen wir nach: Was ist daraus geworden?

Es ist geglückt, das Experiment Metropole: "Die richtigen Entscheidungen sind beherzt getroffen worden. Heute hat die Stadt wahre Anziehungskraft." Sagt Thomas Albrecht, ArchitektenHilmer & Sattler und Albrecht. Es hätte schlimmer kommen können: "Alles in allem hat Berlin die Chance, eine neue Stadtmitte zu entwerfen, anständig genutzt." Wolf Jobst Siedler, Verleger und Publizist.

"Ich kann nur hoffen, dass Berlin in anderen Bereichen toll ist. In Bezug auf Architektur und Stadtraum - da kann man kaum sagen: 'Berlin glänzt'." Axel Schultes, Architekt des Kanzleramtes. Widersprüchlich sind die Kommentare zum neuen Berlin. Das Wunder ist aber, dass es im Jahr 2005, nur 16 Jahre nach dem Fall der Mauer, überhaupt eine wiederhergestellte deutsche Hauptstadt gibt. Dass es ein Berlin gibt, das seine Kriegs- und Teilungswunden weitgehend vernäht und repariert hat. Das mit dem Potsdamer Platz ein riesiges Stadtquartier aus dem Erdboden stampfte. Sich ein ganzes Regierungsviertel neu erfand. Das wiedervereinte Berlin entpuppt sich als Weltstadt: energiegeladen, attraktiv und auf der Beliebtheitsskala gleichauf mit Paris und London. Noch vor zehn Jahren war davon kaum etwas zu ahnen. Im Spreebogen, dem heutigen Regierungsviertel, tummelten sich die Kaninchen. Wie ein übrig gebliebener Zahn stand dort zeitgrau nur noch die Schweizer Botschaft. Am Pariser Platz, einst Berlins "Salon": nichts. Kein Adlon, keine Botschaften. In planierter Asphaltwüste bloß das Brandenburger Tor und Reste der alten Akademie. Und wo heute der Potsdamer Platz brummt, mit Daimler und Sony, Einkaufspassagen, Kinos und 100.000 Besuchern am Tag, da gähnte eine gigantische Brache, das Areal einer mittleren Kleinstadt. Es war die Stille vor dem Sturm: Wenig später sollte Berlin zur größten Baustelle Europas werden. Man sah nichts, aber die Luft sirrte vor Euphorie, vor wilden Erwartungen und kühnen Prognosen. Das Wort von der "Jahrhundertchance" kursierte. Die Goldgräber kamen, es gab Konkurrenz, Futterneid, Rempeleien. Wettbewerbe wurden ausgeschrieben, Jurys besetzt, Sieger gekürt. Als sich herausstellte, dass im Wesentlichen immer dieselben (Konservativen) gewannen - und mehr als alle anderen der Großarchitekt Josef Paul Kleihues -, entbrannte ein wütender Streit: Welche Hauptstadt wollte man bauen? Ein steinernes Neu-Teutonia, wie die Modernisten argwöhnten? Oder, so der Verdacht der Traditionalisten, einen bunten Zirkus von Architekten-Eitelkeiten: Solitäre, die ebenso gut in Washington oder Schanghai stehen könnten? Längst hatte die Debatte Berlin verlassen, ganz Deutschland erregte sich plötzlich über Stadtplanung und Architektur. "Bis 1995 war es ein Abwehr- und Gestaltungskampf", sagt Hans Stimmann, Senatsbaudirektor in der Berliner Bauverwaltung, "Damals konnte es gar nicht hoch und groß genug werden. Man musste sich wehren." Er hat sich kaum verändert, der Mann, der seinerzeit als Buhmann Nummer eins galt, weil er maßgeblich die Weichen stellte für die Zukunft Berlins. Vielleicht ist sein Haar noch eine Spur weißer geworden, nächstes Jahr geht er in den Ruhestand. Kaum einer wurde gehasst wie er. Weil er den hochfliegenden Plänen von Investoren und Architekten einen Riegel vorschob und die so genannte Kritische Rekonstruktion verfügte: Kein Tabula-rasa-Bauen, als gäbe es keine Geschichte der Stadt - das war in der Vergangenheit oft genug zum Schaden der Menschen und Städte geschehen. Sondern ein Respektieren der historischen Straßen- und Blockgrundrisse, Aufnahme der 22 Meter hohen alten Traufhöhe, Anlehnung an traditionelle Architekturmuster. Die Traufhöhe wurde zur Lachnummer. Zum Synonym für kleines Karo und mangelnden Mut. Als die Bauverwaltung obendrein für den Pariser Platz noch eine Gestaltungssatzung erließ, die vom Baumaterial bis zu den Türgriffen alles festlegte, da war der Lärm gewaltig. Damals, erinnert sich Stimmann, "kam die Neu-Teutonia-Debatte auf".

Neu-Teutonia stand für Stein und Speer, Achsen und Angst und die Wiederkehr des Faschismus. Doch schließlich beugten sich selbst Architekten wie der geniale Frank Gehry Stimmanns Satzung. Nur Günther Behnisch, der "Architekt der Bundesrepublik" (unter anderem des Bonner Bundestags), bestand für die Akademie eisern weiter auf Glas statt Stein. Mit Ausnahme der US-Botschaft, deren Neubau sich wegen der Sicherheitsforderungen der Amerikaner mehrfach verzögerte, ist der Pariser Platz heute wieder geschlossen. Und man kann sagen, das Formdiktat führte zu überraschender Vielfalt und überwiegend geglückten Gebäuden. Die Fassade der im Mai eröffneten Akademie stört den Gesamteindruck kaum. "Vielleicht ist die Glasfassade, die so provokant sein wollte, heute das Langweiligste", sagt Stararchitekt Hans Kollhoff. "Im Ganzen darf man die Akademie wohl als architektonisch wenig interessante westdeutsche Vergangenheitsbewältigung abhaken." Im Jahr 2005 ist das Baufieber in Berlin merklich abgeklungen. An die hitzigen alten Zeiten erinnert nur noch die Debatte um die Wiedererrichtung des Stadtschlosses, ein jahrelanges Begleitgeräusch, an das sich die meisten gewöhnt haben. Der Richtungsstreit wich großstädtischer Normalität. Und einiger Ernüchterung. "Heute fragt uns keiner mehr: "Dürfen wir ein Hochhaus bauen?"", sagt Stimmann, "Heute müssen wir werben: "Bitte, bitte, kommt doch hierher!" "Wir waren damals alle zu optimistisch", sagt auch Hans Kollhoff. "Aber ohne diesen Optimismus hätten wir nicht einmal den Potsdamer Platz geschafft." Kaum jemand glaubte damals, dass eine Retortenstadt als Wille und Vorstellung von drei Großinvestoren je funktionieren könnte. Doch die als künstlich und seelenlos beunkte Instant-City sprang auf Anhieb an - und wurde ein Riesenerfolg. Vielleicht gerade wegen ihrer Geschichtslosigkeit: Sie ist weder Ost noch West, sondern Jedermannsland und radikal auf Zukunft gepolt - der Potsdamer Platz ist heute der pulsierende Beweis für das Zusammenwachsen der Stadt. Und die einzige Manifestation der Berlin-Euphorie in den 90er Jahren. "Viele glaubten damals, dass die Deutsche Bank und die Dresdner Bank, die Allianz, dass all die Großen wieder zurückkämen. Das war natürlich Wahnsinn", sagt Stimmann. Von Konzernzentralen ist in Berlin nicht viel zu sehen. Die ungebauten Hochhäuser, vor allem die am Alexanderplatz, zeugen davon. Und weil in Berlin ohnehin 1,7 Millionen Quadratmeter Büroraum leer stehen, wird auch auf längere Sicht nichts aus Spreehattan am Alex.

Das Umdenken begann 1996. Damals wurde klar, dass die Präsenz des Bundes weniger bewirkte, als man erhofft hatte, und dass die Bevölkerung nicht nur nicht wuchs, sondern dass man mittlerweile sogar von einem Schwund von 400.000 bis zum Jahr 2040 ausgehen muss. Es wurde klar, dass die Großbanken und Konzerne lieber in Städten mit funktionierenden Flughäfen blieben, statt nach Berlin zu kommen, wo es bis zum Mai immer noch keinen Direktflug nach New York gab. Gut 550.000 Industriearbeitsplätze sind seit 1989 auf gerade mal 200.000 zusammengeschnurrt, die Arbeitslosenquote liegt bei fast 19 Prozent. Heute kann man froh sein, dass man den Potsdamer Platz hat und das sich nördlich davon anschließende Band des Spektakulären: das bunte Volk der Ländervertretungen, das Holocaust-Mahnmal, das Brandenburger Tor, den Reichstag und das Kanzleramt. Das Kanzleramt, das, anfangs als größenwahnsinnig geschmäht, immer mehr Bewunderer findet wegen seiner freien Formensprache und seiner angenehmen, harmonischen Ausstrahlung. Auch wenn Axel Schultes, der Architekt, gern vom "armen kleinen Haus am Spreebogen" spricht: "In unseren übelsten Albträumen hätten wir nicht gedacht, dass es ein Solitär bleiben würde." Es sollte Teil des kilometerlangen "Bandes des Bundes" sein - doch das Verbindungsstück, Schultes' "Bürgerforum", wurde wegen finanzieller Not nicht gebaut. Möglich, dass das Kanzleramt dennoch bald menschlicheres Maß bekommt: durch den gigantischen Hauptbahnhof jenseits der Spree, ein gründerzeitliches Milliardenprojekt, das zur Fußball-WM 2006 in Betrieb gehen soll. Viel ist getan und viel noch zu tun in Berlin. Das Unfertige, die Brüche, ziehen zwar nicht die Banken, dafür die Kreativen an: Berlin ist eine junge Medien-, Kultur- und Entertainment-Stadt geworden, "vor der alle in Deutschland zu Recht Angst haben" (Stimmann). Und eines ist gewiss: Die deutsche Hauptstadt wurde weder Neu-Teutonia noch globales Nirgendwo. "Das eine oder andere Gebäude könnte zwar auch in Kuala Lumpur stehen", sagt Hans Kollhoff, trotzdem: "Das ist Berlin. Das ist nicht irgendwo - das ist ganz klar Berlin."

Christine Claussen / print

Wissenscommunity