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20.000 Euro Strafe : Easyjet ignoriert das Nachtflugverbot - jetzt muss der Billigflieger dafür zahlen

Am Hamburger Airport gilt eine Nachtflugbeschränkung, doch immer öfter wird die Regel umgangen. Jetzt hat die Umweltbehörde ein Exempel statuiert, weil ein Airbus von Easyjet ohne die erforderliche Ausnahmegenehmigung gestartet ist.

Easyjet am Hamburg Airport

Ein Airbus der britischen Fluggesellschaft Easyjet am Terminal des Flughafens Hamburg

Der Vorfall hatte sich Ende Juli 2017 ereignet und hat jetzt für ein teures Nachspiel gesorgt. Die Maschine der Fluggesellschaft Easyjet, die von Hamburg nach Mailand fliegen wollte, war mehr als nur spät dran. Der Abflug verzögerte sich an jenem Abend dermaßen, dass nicht nur die reguläre Betriebszeit überschritten wurde, sondern der Jet erst nach Mitternacht abhob.

Da der Hamburger Flughafen, dessen Gründung vor mehr als 100 Jahren vor den Toren der Stadt erfolgte und damit eines der ältesten der Welt ist, befindet sich heute mitten in der Stadt. In allen Himmelsrichtungen ist das Areal von Wohngebieten umgeben.

Zum Schutz der Anwohner gibt es eine klare Nachtflugbeschränkung. Bis 23 Uhr darf regulärer Flugbetrieb stattfinden. Laut aktuellem Winterflugplan starten Maschinen bis 22 Uhr und landen bis kurz vor 23 Uhr. Für den Zeitraum bis Mitternacht gibt es eine Verspätungsregelung: Linien- und Chartermaschinen dürfen dennoch landen, wenn sie unvermeidbar spät dran sind.

"Die Unvermeidbarkeit der Verspätungen wird auf Grundlage der Angaben durch die Fluggesellschaft im Nachhinein von der Fluglärmschutzbeauftragten geprüft", heißt es bei der Behörde für Umwelt und Energie.

Von 24 Uhr bis 6 Uhr morgens herrscht Nachtruhe, jedoch sind in Notfällen medizinische Hilfsflüge oder Hoheitsflüge wie zum Beispiel durch die Polizei möglich. Für kommerzielle Flüge ist in den Nachtstunden eine "Einzelausnahmegenehmigung" erforderlich, die bei der Fluglärmschutzbeauftragten beantragt werden muss. "Die Entscheidung über eine Ausnahmegenehmigung nach Mitternacht beruht stets auf einer Abwägung mit dem Schutzbedürfnis der Bevölkerung auf Nachtruhe", sagt die Behörde.

Ab zum 24-Stunden-Airport Hannover

Soweit die Theorie. Doch in der Praxis kommt es jedoch fast täglich zu Verspätungen. Hauptursache ist laut Hamburg Airport in den meisten Fällen das Wetter, gefolgt von technischen Problemen. Sollte eine Maschine in Hamburg nachts in der Hansestadt nicht mehr landen dürfen, wird sie beispielsweise nach Hannover umgeleitet. Der dortige Flughafen verfügt über einen 24-Stunden-Betrieb. Hamburger Fluggäste müssen bei einer Ausweichlandung ihre Reise per Bus fortsetzen, wenn diese überhaupt organisiert sind.

Nächtliche Flüge am Hamburg Airport 2008-2017: Mit Gelb sind die Flüge zwischen 23 und 24 Uhr gekennzeichnet.

Nächtliche Flüge am Hamburg Airport 2008-2017: Mit Gelb sind die Flüge zwischen 23 und 24 Uhr gekennzeichnet.


Eine Grafik zeigt, dass es innerhalb der vergangenen fünf Jahre in Hamburg zu einer kontinuierlichen Zunahme von Flugaktivitäten innerhalb der letzten Stunde vor Mittnacht kam - im Schnitt waren es drei Flüge am Tag. Ein Phänomen, das mit der vermehrten Stationierung von Flugzeugen der Billigflieger Easyjet, Ryanair und Eurowings am Hamburg Airport einhergeht.

Sollte ein Flugzeug den letzten Tagesumlauf nicht am Zielort beenden können, steht es am nächsten Tag nicht mehr pünktlich zur Verfügung. Ein Schneeballeffekt setzt ein, der schon abends beginnt, wenn die Maschine nicht mehr abheben kann: Die Passagiere müssen betreut, in Hotels untergebracht und auf den nächsten Tag umgebucht werden. Zu oft gibt es dafür kein Personal, die Fluggäste bleiben sich selbst überlassen. Nur die wenigsten wissen, dass ihnen wegen der eingetretenen Verspätung auch eine Ausgleichzahlung zusteht.

Das Druckmittel der Gewinnabschöpfung

Mit der seit dem 14. Juni 2017 gültigen Entgeltordnung hat der Flughafen Hamburg die Gebühren für Starts und Landungen zwischen 23 und 24 Uhr in mehreren Stufen zeitlich gestaffelt und um bis zu 700 Prozent angehoben. Damit nicht genug: Falls der Verdacht besteht, dass bestimmte Verspätungen durch eine bessere Planung zu verhindern gewesen wären, sollen die Fluggesellschaften im Rahmen von Ordnungswidrigkeitsverfahren zur Verantwortung gezogen werden.

Diese Woche hat die Hamburger Fluglärmschutzbeauftragte Gudrun Pieroh-Joußen erstmals diesen Schritt unternommen und in einem konkreten Fall nicht nur ein Bußgeld gegen einen Piloten verhängt, sondern auch das Instrument der Gewinnabschöpfung angewendet: Sie fordert auch einen Betrag von 20.000 Euro "von einem Unternehmen aus dem Low-Cost-Segment." Der Airline wird der Betrag für die gesparten Hotelübernachtungskosten und die fällige Entschädigungen nach Fluggastrechteverordnung in Rechnung gestellt.

In einer von der Öffentlichkeit kaum beachteten Pressemitteilung heißt es in der Begründung: "Für einen Start nach Mitternacht hatte die betroffene Airline keine Ausnahmegenehmigung beantragt und ist trotzdem ohne Genehmigung gestartet."

"Easyjet wird die Entscheidung untersuchen"

Bei dem beanstandeten Flug handelt es sich um die Verbindung Hamburg nach Mailand eines britischen Billigfliegers. Auf Anfrage des stern reagierte die Airline: "EeasyJet bedauert die Entscheidung der Hamburger Umweltbehörde, eine Strafe gegen Easyjet aufgrund eines verspäteten Starts zu erheben. Easyjet wird die Entscheidung untersuchen und prüfen, welche Optionen zur Verfügung stehen."

Mit Beginn des Winterflugplans hatte die Airline ihren Flugbetrieb in Hamburg deutlich reduziert und ihr Engagement in Deutschland nach Berlin-Tegel verlagert, um Flüge der Pleite gegangenen Air Berlin zu übernehmen. In Bezug auf Hamburg geben sich die Briten kleinlaut. "Easyjet wird weiterhin eng mit den Flughafenbehörden zusammenarbeiten, um die Auswirkungen von Verspätungen zu minimieren."

Rückendeckung für ihre Entscheidung bekommt Pieroh-Joußen von dem Hamburger Umweltsenator Jens Kerstan (Die Grünen): "Ich unterstütze die Fluglärmschutzbeauftragte deshalb ausdrücklich darin, erstmals Beträge in einer Höhe festzusetzen, die der Fluggesellschaft den gewonnenen Vorteil wieder abnimmt. Im Übrigen prüft die Umweltbehörde, dieses Instrument auch gegen Airlines einzusetzen, die die Verspätungsregelung zwischen 23 Uhr und 24 Uhr im Übermaß missbräuchlich nutzen."

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