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Im Sonderzug nach Wacken: Die lautesten Bahnkilometer der Republik

Das Heavy-Metal-Festival in Wacken in Schleswig-Holstein zieht Fans aus ganz Europa an. Metal-Jünger aus dem Süden werden mit dem Sonderzug quer durch die Republik kutschiert. Manch Musikfan fliegt extra nach Stuttgart, um dann wieder 700 laute Kilometer nach Norden zu fahren.

Von Torben Dietrich

Es ist der Nachtzug, in den der normale Reisende lieber nicht steigen würde. Hunderte seiner Fahrgäste warten schon, auf Gleis eins des Stuttgarter Hauptbahnhofes. Sie tragen schwarze Shirts mit kryptischen Bandnamen, die meisten auch lange Haare. Bierdosen, Rucksäcke und Isomatten liegen rum. Scharfe Gitarrensounds übertönen die Geräusche des Bahnhofs.

Alle warten auf den "Metal-Train", der sie durch die Nacht bis nach Itzehoe bringen wird, einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein, nahe am wirklichen Ziel: dem Wacken Open Air, größtes Heavy-Metal-Festival der Welt.

"Die Idee entstand aus einer Bierlaune", erzählen Tom Hinz (43) und "Jay Jay" (40), Chefs der Metal-Train-Crew. "Anfangs haben wir Fanzüge zu den Auswärtsspielen des VFB Stuttgart organisiert. 2002 dann den ersten Zug nach Wacken." Und die Fahrgäste wurden stetig mehr.Im ersten Jahr waren es noch 350 Metal-Fans, in diesem Jahr sind es fast 800.

Organisator ist Tokio-Hotel-Fan

Im wirklichen Leben arbeitet Tom bei einem Autozulieferer. Er ist CD-Sammler, besitzt alle Tokio Hotel-CDs. Für Fans aus Süddeutschland, Österreich und vor allem der Schweiz ist der Metal-Train eine gute Möglichkeit, nach Wacken zu kommen. "Die Schweizer sind unglaublich", sagt Tom. "Letztes Jahr waren 40 Leute aus einem einzigen Dorf bei uns im Zug. Da ist uns aufgefallen, dass fast alle an einer Straße wohnten. Das Kaff muss total Metal sein".

Aber auch zwei Norweger sind dieses Jahr extra nach Stuttgart geflogen, um mit dem Zug nach Wacken fahren zu können. Für viele jüngere unter 18 sind die Crewmitglieder wie eine Ersatzmama. "Die brauchen dann die schriftliche Erlaubnis von Mami und Papi." Und die Ersatzeltern passen gut auf ihre Kinder auf: "In acht Jahren gab es kaum eine Schlägerei", so Jay Jay.

700 Kilometer und 2000 Liter Bier

Um Punkt 22.01 Uhr setzt sich der rote Zug in Bewegung. An Bord 2000 Liter Bier, dutzende Flaschen Jack Daniels und hunderte Langhaarige. Zwölf Personenwagen und zwei "Tanzwagen", sollen die 700 Bahnkilometer bewältigen. Statt der Tanzbeine werden die Haare geschwungen. Aus den Boxen schießt Heavy Metal. Sepultura, Amon Amarth und Hymnen wie Iron Maidens "Fear of the Dark" werden mit heiseren Stimmen gesungen. Die Haare und geballte Fäuste fliegen durch eine Luft, die man auch trinken könnte, so schweißdurchtränkt wie sie ist.

Jedem Bahnhof wird ein hundertkehliges "Wackööön!" entgegengeschleudert, ob der Zug hält oder nicht. Zweimal wird getrunken, bis der Notarzt kommen muss. In Wagen 6 liegt noch die silber-goldene Rettungsdecke zerknittert auf dem Boden, auf einem Formular steht "C2", was in Sanitätersprache bedeutet: Alkoholvergiftung. "Der hatte eine Körpertemperatur von 34 Grad, eine ausgewachsene Vergiftung", sagt ein Helfer.

"Vergleichbar mit einer Kegeltour"

Während der Zug durch den frühen niedersächsischen Morgen rumpelt, kehrt so etwas wie Ruhe ein. Das Tageslicht scheint auf verwüstete Gänge und einen auf dem Boden liegenden, erschöpften Metaller. Zuviel Bier, zuviel Metal, einfach zuviel von allem. Vor allem fällt es aber in müde, aber glückliche Gesichter.

Als die Zugbegleiter, ausgebildete Bahner, Bilanz ziehen, geben sie sich zunächst betont gelassen. "Das hier ist vergleichbar mit einer Kegeltour. Nur dass die Musik halt anders ist." Dann wird einer aber doch deutlicher: "Fast jedes zweite Abteil ist vollgekotzt." Das sei ärgerlich, wenn etwas davon in die Heizungen geht. Die müssten dann aufgeschraubt und mühsam gesäubert werden. Kein Vergleich zu den früheren Fahrgästen des Zuges: In den Wagen aus den 60er Jahren fuhr schon Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher zu seinen internationalen Terminen.

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