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Innerdeutscher Flugverkehr: Air Berlin will Hamburg-Frankfurt aufgeben

Lufthansa verteidigt ihre Vormachtstellung auf wichtigen Strecken im Heimatmarkt. Dem Rivalen Air Berlin geht bei den heftigen Preiskämpfen langsam die Puste aus.

Von Jennifer Lachman

Ihren Sieg feiern die Lufthanseaten lieber im Stillen. Nein, zu dem Rückzug des Rivalen Air Berlin von der lukrativen Strecke zwischen Hamburg und Frankfurt wolle man sich nicht äußern, heißt es, wenn man dieser Tage bei Deutschlands größter Fluggesellschaft nachfragt. Was für ein Wechsel in der Tonalität!

Vor gut zwei Jahren, als der kleinere Wettbewerber ankündigte, der Lufthansa auf ihrer prestigeträchtigen Monopolstrecke Konkurrenz machen zu wollen, schlug diese noch öffentlich und laut Alarm. Von einem "Frontalangriff" war die Rede: Air Berlin eröffne "einen Kampf, (...) der die Lufthansa-Ergebnisse auf dieser Hub-Zubringerstrecke massiv unter Druck setzen wird", hieß es warnend in der Konzernzeitung. Hamburg-Frankfurt ist nach München-Berlin und München-Hamburg die innerdeutsche Strecke mit den meisten Passagieren - und ist auch deswegen besonders wichtig, weil sie über das größte Lufthansa-Drehkreuz führt.

Air Berlin will eine Million Sitze streichen

Der martialische Marschaufruf hat gewirkt: Im Oktober räumt Air Berlin das Feld. Bestätigen will das ein Sprecher zwar nicht, aber online werden in den kommenden Wochen nur wenige Verbindungen angeboten, ab November keine mehr. Die Strecke ist dem Sparkurs zum Opfer gefallen: Eine Million Sitze will die schwächelnde Fluglinie streichen, die im vergangenen Quartal bei 1,1 Mrd. Euro Umsatz unter dem Strich knapp 44 Mio. Euro verlor. Welche Strecken noch betroffen sind, wird Air-Berlin-Chef Joachim Hunold am Donnerstag präsentieren.

Der Rückzug der Berliner ist ein Exempel dafür, wie mächtig die Lufthansa auf ihrem Heimatmarkt noch immer ist - und dass es ihr selbst in Zeiten des freien Wettbewerbs gelingt, auf bestimmten Strecken Rivalen wegzubeißen und sich so Monopole zu sichern. Nur einmal zuvor, und das auch schon Ende der 90er-Jahre, traute sich die deutsche Tochter von British Airways, DBA - die inzwischen Air Berlin gehört -, auf eine der "Trunk Routes", die der Lufthansa besonders viel Umsatz und Umsteigerpassagiere bringen. Bald aber gaben die Briten entnervt auf und überließen dem Marktführer die Strecke Frankfurt-München: Die Lufthansa senkte die Preise derart, dass es sich für den Rivalen, der mitziehen musste, nicht rechnete. Auch bei Air Berlin heißt es: Die Auslastung zwischen Hamburg und Frankfurt war okay. Der durchschnittliche Erlös: ein Albtraum.

Für Reisende ein herber Nachteil

"Dass Air Berlin die Strecke streicht, ist kein gutes Zeichen für die Verbraucher - gerade jetzt, wo wieder mehr geschäftlich gereist wird. Die Erfahrung zeigt, dass Flugpreise auf Monopolstrecken im Verhältnis zu Routen, wo Wettbewerb herrscht, höher sind", sagte Hans-Ingo Biehl, Hauptgeschäftsführer des Geschäftsreiseverbands VDR. Zwar interessiert sich auch Easyjet für die Strecke - und die Briten, die schon in Hamburg präsent sind, haben sich nach FTD-Informationen jetzt erstmals darum beworben, ab dem Herbst auch in Frankfurt starten und landen zu dürfen. Doch selbst wenn Easyjet sich trauen sollte, die Air-Berlin-Lücke zu füllen: Große Chancen werden auch den flinken Briten nicht eingeräumt.

Die Lufthansa profitiert von zwei Dingen: Die ehemals staatliche Fluglinie war schlicht schon immer da. Eine Fluggesellschaft darf Start- und Landerechte auf unbefristete Zeit behalten, wenn sie sie zu mindestens 80 Prozent nutzt. Bis zu 16-mal am Tag fliegt die Lufthansa von Frankfurt nach Hamburg, Air Berlin konnte nur fünf Verbindungen dagegen setzen. Vor allem für die zahlungskräftigen Geschäftsreisenden ist das größere Angebot der Lufthanseaten attraktiver - etwa, wenn sie spontan umbuchen wollen.

Preiskampf brachte Passagierzuwachs

Hinzu kommt in Frankfurt, München und Hamburg eine Besonderheit: In diesen Städten wohnen bundesweit die meisten Vielflieger mit Senatoren-Status. Vielen von ihnen ist das Meilensammeln wichtiger als der Preisvergleich - selbst bei privaten Reisen. 20 Millionen Teilnehmer zählt das Lufthansa-Programm Miles & More, 2,6 Millionen das Topbonusprogramm des Rivalen. Entsprechend konnte Air Berlin der Lufthansa offenbar nur wenige Stammkunden abnehmen. Vielmehr wurde für viele das Fliegen durch den Preiskampf erst erschwinglich: 1,5 Millionen Passagiere flogen 2010 zwischen Elbe und Main. Ein Jahr zuvor, als nur die Lufthansa die Route anbot, waren es gut ein Viertel, 300.000, weniger. Zum Vergleich: Die Strecke Hamburg-München verzeichnete nur ein Plus von 1,5 Prozent, nach Stuttgart flogen sogar weniger Gäste.

Entsprechend alarmiert sind denn auch die Chefs an anderen deutschen Flughäfen angesichts der Streichliste, die Air Berlin morgen präsentieren wird: Anders als einst die Lufthansa müssen sie sich jetzt tatsächlich um ihre Ergebnisse sorgen.

FTD

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