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Mittelgebirge: Hochgefühl auf halber Höhe

Es müssen nicht immer ferne Gipfel sein, auch in den deutschen Mittelgebirgen kommen Wintersportler zu ihrem Vergnügen, fast vor der Haustür.

SauerlandInge und Linda finden es selbst verrückt: "Eben haben wir noch in Soest im Büro gesessen, jetzt sausen wir hier die Pisten runter, und um Mitternacht sind wir wieder zu Hause." Quietschvergnügt stehen die beiden am Bistrotisch vor der Flutlichthang-Hütte in Winterberg, genießen ihren Kurzurlaub mit Currywurst und Krombacher. Skispaß statt Fernsehsofa. Das werden sie jetzt öfter machen. Nach Feierabend auf die Bretter - im Sauerland ein Wintersportvergnügen, das boomt. Mittwochs, freitags und samstags, in manchen Skigebieten sogar täglich, gehen um 18.30 Uhr die Spots an, tauchen insgesamt 26 frisch präparierte Pisten in gleißendes Licht. Und wie die Motten zieht es die Schneehungrigen herbei - aus dem Ruhrgebiet, dem Münsterland, aus Ostwestfalen. Das beliebteste Ziel der Flutlichtfahrer: der Winterberger Poppenberg. Leichte Abfahrten, doch gerade steil genug, dass auch mittelmäßige Läufer mal Gas geben und ein wenig glänzen können. Ein bequemer Sessellift, in dem eine Clique quatschen kann oder zwei Pärchen knutschen können. Und eine Hütte, die jeder kennt und jeder irgendwann am Abend ansteuert: "Möppis Hütte". Möppi, das ist Klaus Wahle. Seit 30 Jahren steht er hinter der Theke. "Mei geht's uns guat, mir san guat drauf", dröhnt es im Halbstundenrhythmus aus den Lautsprechern. Gut drauf sind sie hier wirklich. Die Truppe von der Allianz-Versicherung aus Köln genauso wie die Snowboarderin am Nebentisch, die mit Freunden in ihren 18. Geburtstag reinfeiert. Möppi stellt sich überall mal dazu, fragt, ob die hausgemachte Gulaschsuppe geschmeckt hat (und wie!), spendiert eine Runde. "Man muss was tun", sagt er, "wir können unsere Berge schließlich nicht höher machen."

Den Holländern sind sie offenbar hoch genug. Wo man hinschaut, gelbe Nummernschilder. "Für die sind das hier die Alpen", sagt Franz-Josef Tielke. Der 49-Jährige wacht als Geschäftsführer über die Snow World Züschen. Das auf 620 bis 815 Metern gelegene Skigebiet ist die familienfreundliche Alternative zu Winterberg. Kinderleichte, extrabreite Hänge, Gratisparkplätze, nicht überfüllt. Außer im Februar. Da haben die Niederländer die so genannten Krokusferien. Dann stehen bei Tielke schon mal Campingstühle auf der Piste. Stolz ist man in Züschen auf den neuen Rodellift. Eine "Weltneuheit", wie Tielke betont. Weil er die Gäste nicht einzeln am Schlitten hochzieht, sondern auf Schienen in Viererwaggons befördert. "So kann die ganze Familie zusammen rauffahren." Außerdem passen in die offenen Waggons auch dicke Autoreifen für einen Schneespaß, der immer beliebter wird: Snowtubing. Einen Parcour hinabschlittern und dabei wie eine Billardkugel immer wieder gegen die Schneewände ditschen - die Kinder können nicht genug kriegen, und auch Erwachsenen gefällt es, mal die Kontrolle zu verlieren. Es hat sich was getan im Sauerland, seit 2002, als man anfing, groß zu investieren. Damals wurden an der traditionsreichen Postwiese in Neuastenberg die ersten Schneekanonen aufgestellt. Inzwischen sind es mehr als 100 in der "Wintersport-Arena", dem Verbund aller 57 sauerländischen Skigebiete. "In vielen Köpfen sind wir leider noch als unsicheres Skigebiet präsent", sagt Meinolf Pape, Sprecher der Postwiesen-Liftgesellschaft. "Dabei hat hier längst eine neue Ära begonnen - mit Schneegarantie von Mitte Dezember bis Mitte März."

Erbsensuppe bei "Möppi"

Skigebiet

Das Sauerland hat insgesamt 57 Skigebiete. Das größte ist das Skiliftkarussell Winterberg mit 23 Pisten. Beliebt sind auch Postwiese/Neuastenberg, Altastenberg und der Sahnehang an der Nordseite des Kahlen Astens. Ideal für Familien: die Snow-World in Züschen mit Rodel-Lift und Snowtubing-Bahn. Langläufern stehen insgesamt 1400 km Loipen zur Verfügung.

Preisbeispiel

Skiliftkarussell Winterberg: Tageskarte Erwachsene 20 Euro, Kinder (bis 14 Jahre) 13 Euro.

Hotel

Dorint, Postwiese, Tel.: 02981/89 70, www.dorint.com/winterberg. Großes Sporthotel direkt am Skigebiet Postwiese. DZ/F ab 78 Euro. Hütten, Einkehr Skihütte Poppenberg (bei "Möppi"), In der Büre in Winterberg, Tel.: 02981/10 73, www.bei-moeppi.de. Schunkelmusik, hausgemachte Erbsensuppe. Wirt Klaus Wahle nimmt sich gern Zeit für einen Schwatz mit den Gästen.

Ausgehen, Après-Ski

Tenne, Marktstraße 13 in Winterberg, Tel.: 02981/65 84, www.tenne-winterberg.de. Gemütlicher Pub und Tanzlokal. Alpenrausch, Remmeswiese 34 in Winterberg, Tel.: 02981/80 27 25. Großraumdisco mit Hüttendeko. Zur Abkühlung lässt der DJ Kunstschnee auf die Tanzfläche rieseln.

Information

Wintersport-Arena Sauerland, Tel.: 02981/92 50 10, Schneetel.: 01805/48 33 33, www.wintersport-arena.de

Schwarzwald

Samstagvormittag. Volle Pisten. Schlechte Sicht. Petra und Axel schleudern sofort ihre Ski herum - Vollbremsung. Ein kleiner Junge liegt im Schnee, ein Mann hat sich über ihn gebeugt. Nichts Dramatisches, wie sich schnell herausstellt. Privater Ski-Unterricht bei Papa, ein Sturz, doch der Junge lächelt schon wieder. Trotzdem sehr beruhigend, sagt der Vater, dass es Pisten-Pfadfinder wie Petra und Axel gibt. Wenn's schlimmer gekommen wäre, hätten die beiden sofort die Bergwacht rufen können. Pfadfinder? Info-Scouts heißen sie offiziell. 36 ehrenamtliche Helfer, die seit zwei Jahren am Feldberg im Einsatz sind. In Zweierteams, mit leuchtend gelben Jacken, Rucksack und Funkgerät, durchstreifen sie das größte Skigebiet des Schwarzwaldes, in dem sich am Wochenende bis zu 10 000 Menschen tummeln. Zeigen den Leuten, wo es zu den nächsten Toiletten geht. Verteilen Pistenpläne. Passen auf, dass am Ankerlift nichts passiert. "Von Uhrzeit-Geben bis erste Hilfe ist alles dabei", sagt Petra. Einzigartig sei das Info-Scout-Projekt in Europa, fügt Axel hinzu. Doch nicht mehr lange: "Im Zillertal wollen sie was Ähnliches aufziehen." Man zeigt sich selbstbewusst am Feldberg. 1493 Meter, das ist schließlich kein kleiner Hügel. Bei klarer Sicht sieht man rüber zur großen Konkurrenz: Eiger, Mönch, Jungfrau. Respekt ja, aber kein Grund, sich zu verstecken. Denn so ein Skitag auf dem Dach des Schwarzwalds macht schon Spaß. 50 Kilometer Pisten, von der leichten Familienabfahrt über idyllische Ziehwege an Gebirgsbächen vorbei bis zur Weltcup-Rennstrecke. Snowboarder haben ihren Fun-Park, die Älteren leihen sich einen Hornschlitten. Und wem es auf dem beliebten Seebuck-Hügel zu voll wird, der wechselt auf die andere Seite zum Grafenmatt-Gebiet, wo sich alles mehr verteilt.

Am Grafenmatt hat neuerdings auch Gundolf Thoma eine Zweigstelle seiner Skischule. Der Exprofi ist Erfinder von "Ski in a day". Die laut Prospekt "revolutionierende Lernmethode" hat dem Wintersport im Schwarzwald kräftig Publicity gebracht. Der Anfänger beginnt auf extrem kurzen Skiern, weil er erst mal Sicherheit gewinnen soll statt dauernd umzufallen. Und er lernt den Schneepflug erst gar nicht, weil er ihn sich später ohnehin wieder abgewöhnt. 190 Euro kostet der vierstündige Einzelunterricht. Das Gegenprogramm zu Geschwindigkeit und Pistenrummel findet am Haus der Natur statt. Hier ist Treffpunkt für die Schneeschuhwanderungen. Schon nach wenigen Minuten hat Förster Martin Lipphardt seine Gruppe in eine andere Welt geführt. Pulverschnee, so weit man sehen kann. Stille. Ab und zu bleibt der 38-Jährige stehen, doziert kenntnisreich und mit kauzigem Humor über das größte Naturschutzgebiet Baden-Württembergs und dessen Bewohner: Auerhähne, Rehe, Füchse und Dachse. Eine Teilnehmerin ist extra aus Niedersachsen gekommen, weil sie in der Zeitung von den spannenden Exkursionen gelesen hat. "Am Anfang habe ich noch unsere Sekretärin zum Mitkommen überredet, um nicht alleine gehen zu müssen", sagt Lipphardt. "Inzwischen ist die Nachfrage phänomenal."

Einkehr zu Sekt und Kirschtorte

Skigebiet

Der Feldberg hat 50 km Piste, die längste Abfahrt ist 3 km lang. Fun-Park für Snow- boarder und ausgeschilderte Schneeschuhtrails.

Preisbeispiel

Wintersportzentrum Feldberg: Tageskarte Erwachsene 23 Euro, Kinder (bis 15 Jahre) 12 Euro

Hotel


Feldberger Hof, Tel.: 07676/180, www.feldberger-hof.de. Familienhotel auf 1300 Meter Höhe, direkt am Skigebiet. Großer Spiel- und Wellness-Bereich. DZ/F ab 80 Euro.

Hütten, Einkehr

Schirmbar, bei der Sechser-Sesselbahn, Tel.: 07676/93 99 69. Panoramablick auf Pisten und die Schlangen am Lift; Wirt Thomas Wasmer, ehemals Ski-Profi, serviert nun seine Hausspezialität: "Schirm zu", Sekt mit Rumtopf.
Café zum gscheiten Beck, Bahnhofstraße 3 in Feldberg-Bärental, Tel.: 07655/341, www.gscheiterbeck.de.
Café am Fuße des Feldbergs, bekannt für seine köstliche Schwarzwälder Kirschtorte. Nebenan, in Erich's Schnapshäusle, findet samstags Schaubrennen statt.

Ausgehen, Après-Ski

Dingo-Bar, im Keller des Hotels Feldberger Hof. Wenn die Schirmbar schließt, trifft sich alles hier im Disco-Pub.

Information

Liftverbund Feldberg, 07655/801-9, Schneetelefon: 07676/12 14, Anmeldung Schneeschuhwanderung: Tel.: 07676/93 36 30, www.liftverbund-feldberg.de

Bayerischer Wald

So was hat Thomas Liebl noch nicht erlebt. Da hat der Betriebsleiter der Arber-Bergbahn gerade seinen ganzen Stolz gezeigt: die 1999 gebaute Gondelbahn, "eine der modernsten Deutschlands"; den 2002 in Betrieb genommenen Sechser-Sessel-Lift, der stündlich 1700 Skifahrer auf die Pisten am Nordhang befördert. Und dann sitzt man mittags bei Käsespätzle auf der Terrasse vom Berghaus Sonnenfels - und am Nachbartisch diese Berlinerin. Nach zehn Jahren ist sie zum ersten Mal wieder hier und von Nostalgie-Anfällen geschüttelt. Charme habe das Skigebiet durch die neue Technik verloren. Alles nicht mehr so gemütlich wie früher, als man noch flirten konnte beim Anstehen an den alten Ankerliften. Liebl möchte verzweifeln. Muss er nicht. Die Leute würden kaum aus Nürnberg, München, Linz und Prag anreisen, wüssten sie den Komfort am höchsten Berg des Bayerischen Waldes nicht zu schätzen. Den schnellen Transport auf den 1456 Meter hohen Gipfel. Die perfekt präparierten Pisten. Die Schneekanonen, falls der Winter mal schwächeln sollte. Und das mit dem Flirten? Läuft jetzt halt anders. Zum Beispiel in den Kuschelgondeln. Einst für ein Gewinnerpaar der Kuppelshow "Herzblatt" entworfen, schieben zwei mit Amor-Figuren und Herzchen verzierte Kabinen nun Dienst wie alle anderen 42 Gondeln auch. Verliebte warten, bis sie vorbeikommen, oder gönnen sich eine Exklusivbuchung. Dann gibt's Vorhänge, Tischdecke, Rosen und eine Flasche Sekt. Für echtere und zudem kostenlose Romantik am Arber sorgt die Natur. Eiskalter Wind aus Böhmen verwandelt Fichten und knorrige Latschen in Schneegeister. So nennen die Einheimischen die märchenhaften, wegen der weißen Last oft tief gebückten Gestalten, die zu Tausenden die Winterlandschaft bevölkern. "Etwas Vergleichbares gibt es nur noch in den Rocky Mountains", sagt Liebl.

Eine Idylle findet man auch im Langlaufgebiet Bretterschachten am Südwesthang des Arbers. Auf über 1100 Meter Höhe gelegen, ist es extrem schneesicher. Und ideal für Menschen, die das Weite suchen. "Ich muss jeden Morgen um drei Uhr aufstehen", sagt Franz Weinberger, der für das Spuren der insgesamt 65 Kilometer Loipen zuständig ist. "Aber die Fahrt durch den einsamen Wald ist immer wieder herrlich." Der Bretterschachten gehört zu Bodenmais, der wohl schönsten Basisstation für einen Winterurlaub am Arber. Mit urigen Restaurants wie dem "Kimbacher", wo es Flammkuchen gibt und der Elektriker von nebenan am Piano sitzt. Und einmal im Jahr findet hier die Race-Night statt. Ein Skirennen auf Kunstschnee, mitten durch den Ort. Dann sind 20 000 Menschen auf den Beinen. Ruhiger geht es in Sankt Englmar zu, eine halbe Autostunde entfernt. Nach Besucherzahlen ist man hinter Bodenmais die Nummer zwei im Bayerischen Wald. "Aber wir sind ein Dorf", sagt Bürgermeister Hans Fuchs, "und wir wollen ein Dorf bleiben." Immerhin: Vier nette Skigebiete liegen auf dem Gebiet der Gemeinde - und ein überregional bekannter Wellness-Tempel, der Angerhof. Genauso entspannend wie Schwitzkuren und Massagen sind die vom Hotel angebotenen Fackelwanderungen durch den Winterwald. Bei der Rückkehr erwarten die Teilnehmer vor dem Eingang hausgemachter Glühwein und Akkordeonspieler. Spontan wird getanzt. Schneewalzer.

Après-Ski mit Tanz und Schmankerln

Skigebiet

Am 1456 Meter hohen Großen Arber (Nähe Bodenmais) kommt schon fast Alpen-Feeling auf. 15 km Piste, Gondel und Sechser-Sesselbahn, Beschneiungsanlage. Im idyllischen Sankt Englmar (ca. 40 Autominuten entfernt) liegen vier kleine Skigebiete mit Pisten von 300 bis 1300 Meter Länge.

Preisbeispiel

Arber: Tageskarte Erwachsene 24 Euro, Kinder (6 bis 16 Jahre) 18 Euro Hotel Angerhof, Am Anger 38 in Sankt Englmar, Tel.: 09965/18 60,www.angerhof.de, DZ/HP ab 200 Euro. Nach der Piste entspannen im riesigen, mehrfach ausgezeichneten Wellness-Bereich.

Hütten, Einkehr

Berghaus Sonnenfels, Sonnenfels 1 in Bayerisch-Eisenstein, Tel.: 09925/13 79. Hüttenrestaurant an der Familienabfahrt. Schöne Sonnenterrasse.

Ausgehen, Après-Ski

Zum Kimbacher, Hadergasse 1 in Bodenmais, Tel.: 09924/770 01 40, www.zumkimbacher.de. Urgemütliches, sehr schön restauriertes Bürgerhaus. Flammkuchen und leckere Salate.
Dorfstadl, Bahnhofstraße 57 in Bodenmais, Tel.: 09924/74 03. Live-musik, Tanz und bayerische Schmankerln.
Wirtshaus Mühlstube, Im Kurpark, in Sankt Englmar, Tel.: 09965/ 91 13. Deftig, einfach, gut. Zum Beispiel die Bratwurst mit Kraut und selbst gebackenem Bauernbrot. Wirt Herberger verwendet ausschließlich heimische Produkte.

Information

St. Englmar, Tourist-Information, Tel.: 09965/84 03 20, www.sankt-englmar.de
Bodenmais, Kurverwaltung, Tel.: 09924/77 81 35 Skigebiet Arber, Tel.: 09925/941 40, www.arber.de
Bayerischer Wald allgemein, Tourismusverband Ostbayern, Tel.: 0941/585 39-0, www.ostbayern-tourismus.de

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