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Volkskrankheit Aviophobie: Die Angst des Passagiers vorm Fliegen

Es gibt Typen, für die sind Turbulenzen der reinste Genuss. Sie kosten jedes Luftloch aus, als wäre der Linienflug eine Reiterpartie. Respekt vor solch souveränen Vielfliegern, zu denen ich wohl gehören werde. Denn ich leide unter Flugangst. Mit meinem Meilenkonto steigt stets auch meine Angst vorm nächsten Check-in.

Von Roland Brockmann

Und ich bin nicht allein: Auch Mette-Marit von Norwegen oder der Berliner Rapper Bushido schrecken vorm Fliegen zurück. Keiner, egal ob Politiker wie Kim Jong II oder Schauspieler wie Til Schweiger, scheint gefeit. Selbst seine Heiligkeit der Dalai Lama, der als Halbgott nun wirklich erhaben sein sollte, bekennt sich zur Aviophobie.

Doch das auch andere leiden, kann mich selbst nicht befreien. Warum nur schwindet mein Vertrauen? Fliegen gehört zu den sichersten Fortbewegungsmitteln schlechthin. Wahrscheinlich geht man eher im Paddelboot auf dem Wannsee unter als mit einem Airbus über dem Roten Meer. OK, manche Airlines sollte man eher meiden. Aber was nützen mir Absturzstatistiken? Mir bricht inzwischen selbst bei deutschen Fluggesellschaften der Angstschweiß aus.

Neuste Untersuchungen

Laut Deutschem Flugangst-Zentrum (DFAZ) fürchten sich die meisten vor dem Ausgeliefertsein 68,3 Prozent). Andere konkret vor einem Absturz 54.6 Prozent). Und dann natürlich vor den Turbulenzen (44,1 Prozent). Kein Wunder, man hockt festgeschnallt im Sitz, während das Kabinenpersonal Kissen austeilt und bemüht ist, eine entspannte Atmosphäre zu erzeugen. Selbst kleine Turbulenzen erinnern mich daran, dass man tatsächlich 11.000 Meter fern von festem Grund mit rund 750 Stundenkilometer gerade durch ein kasachisches Wolkengebiet donnert. Dabei hat man keine Ahnung, was gerade wirklich im Cockpit vor sich geht.

Und wenig beruhigend war da die Meldung vom Januar, als der Kopilot einer kanadischen Airline auf dem Weg von Toronto nach London selbst einen Anfall akuter Flugangst bekam. Der Mann soll geweint, geschrien und zu Gott gebetet haben. Deshalb musste die Maschine mit 146 Passagieren eine ungeplante Zwischenlandung einlegen.

Weit verbreitetes Phänomen

Über die Hälfte aller Fluggäste leidet unter Aviophobie, wie eine Leidensgenossin von mir inzwischen weiß: Caroline Graf* muss beruflich häufig ins Flugzeug steigen. Deshalb hat sie an einem zweitägigen Flugangstseminar der Lufthansa teilgenommen. Ihr verständnisvoller Chef hat die Kosten getragen.

Angst vorm Fliegen sei ganz normal, denn Fliegen sei an sich ganz unnatürlich, beruhigte dort ein fescher Pilot in Uniform, der eigens beim Seminar erschien und - so die Teilnehmerin - allein durch Anwesenheit Vertrauen weckte. Der Pilot erklärte, warum der Flieger überhaupt abhebt - und vor allem: warum er nicht einfach wieder abstürzt, auch ärgsten Turbulenzen trotzt. Überhaupt, was so eine Maschine alles aushält. Alles solide.

Ein Blick ins Cockpit

„Bei dem wäre man gerne ins Flugzeug gestiegen“, so Caroline Graf. „Aber leider hält der Pilot einem im Flugzeug ja nicht das Händchen.“ In ihrem Anti-Flugangst-Seminar klagte jeder erstmal sein Leid. Schweißnasse Hände beim Abheben waren da noch das Geringste. Herzrasen, Magenkrämpfe bis hin zu heftigem Schwindelgefühl: Flugangst ist keine Kinderkrankheit. Helfen sollen Entspannungsübungen: „Progressive Muskelanspannung ist Entspannung durch Anspannung“. Danach durfte die Gruppe ein Cockpit von innen betreten und über die vielen Hebel und Knöpfe staunen. „Wie kann jemand die nur alle beherrschen“, fragte sich Caroline Graf. Anschließend schlossen alle die Augen und lauschten einer Geräusch-CD.

Nur Horror-News machen Schlagzeilen

Gleich nach Ende des Trainings musste Caroline Graf wieder einsteigen, in den Flieger nach Hause. Die erste Probe. Und, ja, sie fühlte sich besser. Doch dann tauchte Anfang März das Video von der heftigen Landung einer Lufthansa-Maschine in Hamburg auf. Und schon war die Angst wieder da.

„Man sollte sich vor allem nicht durch die Chaosmeldungen der Medien irre machen lassen“, rät Caroline. Doch davon gibt es immer mehr: über Beinaheabstürze, rauchende und randalierende Fluggäste, ausfallende Bordcomputer und flugangstkranke Kopiloten. Andererseits wird natürlich nicht über die alltäglichen Flüge berichtet.

„Flugangst haben Sie erlernt. Was man gelernt hat, kann man auch wieder verlernen“, sagt Viktor W. Ziegler, Autor von „Das Erfolgsprogramm für entspanntes Fliegen. So besiegen Sie ihre Flugangst.“ Man muss es sich also einfach nur abgewöhnen. Oft herrscht ohnehin nur Angst vor der Angst. Natürlich sterben Menschen beim Fliegen, etwa tausend weltweit pro Jahr. Wirkt viel, ist aber eigentlich nichts: Ein Vielflieger, der rund 100.000 Flugkilometer pro Jahr zurücklegt, würde theoretisch alle 25.000 Jahre abstürzen. Das klingt doch schon viel besser.

* Name von der Redaktion geändert

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