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EM-Gastgeber: Anpfiff für die Schweiz

Röschti und Rütli, Fähnli und Fondue. Das bizarre Volk der Eidgenossen kann fast alles außer Fußball spielen. Und liebt fast alle, wenn sie denn Geld haben - außer die Deutschen.

Von Stefanie Rosenkranz

Südlich von uns liegt ein kleines, bergiges und schwer bewaffnetes Land, darin noch nicht einmal 7,6 Millionen Menschen leben, die in vier Sprachen lesen (eine davon ist Deutsch) und ebenso viele Sprachen sprechen (Deutsch gehört nicht wirklich dazu). Infolgedessen wird das Gebilde mal Schweiz - oder Schwiiz -, mal Suisse, mal Svizzera, mal Svizra genannt. Damit keiner beleidigt ist und um das Ganze noch ein bisschen komplizierter zu machen, hat man ihm seinen amtlichen Namen in einer fünften Sprache gegeben. "Confoederatio Helvetica" heißt das Dings ganz offiziell und auf Lateinisch, zu Deutsch: schweizerische Eidgenossenschaft.

Es ist an der Zeit, einen völlig vorurteilsfreien sowie tiefernsten Blick auf die hohen Gipfel und in die tiefen Täler dieses Gebildes zu werfen, schon allein deswegen, weil sich demnächst Tausende von Fußballfans ebendort tummeln werden.

Von Milchschokolade bis Taschenmesser

Viel hat die Schweiz der Welt gegeben. Max Frisch und den Maggi-Suppenwürfel, Jean-Luc Godard und Jean-Jacques Rousseau, die Milchschokolade und Martin Suter, Friedrich Dürrenmatt und den Schmelzkäse, das Minigolfspiel und Josef Ackermann, des Weiteren Heidi, Alm-Öhi und Lieselotte Pulver, Roger Federer und das Rote Kreuz, vortreffliche Taschenmesser, die Toblerone, die Swatch-Uhr, Käse nebst Käselöchern und natürlich ihre vielen Bankkonten, auf das Beste geschützt durch das Bankgeheimnis.

Wenig gibt es, was der Schweizer nicht kann. Was er kann, gereicht dem Nichtschweizer zumeist zur Freude, es sei denn, der Schweizer jodelt, bläst ins Alphorn oder überreicht dem Nichtschweizer eine Hotelrechnung.

Der Schweizer kann dichten und denken, tüfteln und grübeln, auf Berge steigen und anschließend auf Skiern äußerst elegant wieder heruntergleiten. Der Schweizer kann so disparate Menschen wie Albert Einstein, Gunter Sachs, Yul Brynner und Yeslam bin Laden in aufrechte Schweizerbürger transformieren. Der Schweizer gewinnt trotz kompletten Meermangels den "America's Cup", beherbergt den größten Lebensmittelkonzern auf Erden - Nestlé -, bildet an der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH Superwissenschaftler aus, und an der École Hotelière de Lausanne Spitzenhoteliers. Der Schweizer verwandelt an seinen sogenannten "Finishing Schools" saudische Prinzessinnentrampel, unbeholfene südkoreanische Trilliardärinnen und verzogene Adelige aus ganz Europa - unter ihnen weiland die selige Prinzessin Diana und ihre Nachfolgerin Camilla Parker Bowles - in perfekte Gastgeberinnen, fit in Tischordnung wie Dekoration, vager Konversation und dem Essen einer Pampelmuse mit Messer nebst Gabel.

Viel wird exportiert, der Rest von Touristen aufgekauft

Der Schweizer fabriziert in Firmen wie Rolex, Jaeger-LeCoultre, Patek Philippe oder IWC die teuersten Uhren des Planeten und verkauft sie auch noch. Des Weiteren bombardiert er den Globus rastlos mit seinen kalorienschweren Schokoladentafeln. Die Sünden, die er nicht exportiert - zum Beispiel die "Truffes du Jour" sowie die "Luxemburgerli" aus der Confiserie Sprüngli in Zürich -, werden ihm vor Ort von Touristenbataillonen aus Bangalore oder Bielefeld abgekauft. Selbst scheint er von seinen eigenen Produkten nur maßvoll zu kosten. Ergebnis: Die Welt wird dick und dicker, der Schweizer dagegen bleibt dünn.

Indes gibt es eine Sache, die der Schweizer nicht besonders gut kann, und das ist Fußball spielen. Selbstverständlich wird er die Freunde dieses Ballsports routiniert in Empfang nehmen, denn seit Jahrhunderten hat er darin Übung, sonderbare Menschen aus dem Rest der Welt nebst deren Geld willkommen zu heißen, seien es depressive Schwindsüchtige, durchgeknallte Bergsteiger, russische Revolutionäre oder reiche Exzentriker.

So kann auch der Fußballfan den Schweizer nicht erschüttern; ohnehin ist der Schweizer nur schwer erschütterbar, wenn überhaupt. Er wird dem Fan Berge von seinem häufig leider gallertartigen Rösti sowie ganze Seen von Käsefondue zum Höchstpreis überlassen, das gelegentlich ledern aussieht wie die sonnengegerbte Haut von Skilehrern und manchmal ebenso schmeckt. Er wird ihn mit Schokolade, Schweizerweinen sowie sogenannten Stangen dopen, ihm Kuckucksuhren und Plüschbernhardiner verkaufen und allerlei Zimmer, Garagen, Stockbetten oder Heuböden teuer als Bleibe vermieten. Ansonsten wird er so freundlich wie befremdet an ihm vorbeischauen, wenn der Fußballfreund kreischend seine Fahnen entrollt, sich bizarre Mützen auf den Kopf setzt und brüllt: "Allez, les Bleus", oder gar: "Deutschland vor! Noch ein Tor!"

Neutrales Verhältnis auch zum Fußball

Denn die Schweiz ist zwar Heimat der Uefa sowie der Fifa und Geburtsland des Fifa-Präsidenten Joseph Blatter, doch ist das Verhältnis des Schweizers zum Fußball ähnlich leidenschaftlich wie zum Rest der Welt, nämlich neutral.

Die jähe Passion des Fans ist dem Eidgenossen insgesamt eher unheimlich. "Es ist bei uns gute Tradition, dass man unter keinen Umständen versucht, großer Begeisterung Ausdruck zu geben. Das geschieht einerseits aus einem schönen Schamgefühl, andrerseits aus dem Bedürfnis nach Ausgleich heraus", steht in einem Buch aus den 1950er Jahren mit dem Titel "Betrachtungen zur Schweizer Gegenwart".

Diese Gegenwart währt bis heute. "Die Schweizer können nicht so recht mit Dramen umgehen, sie sind tragödienunfähig. Nebenbei bemerkt: Komödienunfähig sind sie auch", findet der gebürtige Deutsche Wolfgang Bortlik in seinem Buch "Hopp Schwiiz!" Die Eidgenossen verstünden sich nicht "auf die große Geste um ein Nichts".

Die Schweizer bereiten sich aufs Verlieren vor

Zum Nichts gehört auch die Nationalmannschaft, die ziemlich unglücklich "Natzi" gerufen wird (geschrieben: "Nati"), zumindest von den Deutschschweizern, die fast 64 Prozent der Eidgenossen ausmachen. Die "Natzi" weilt derzeit im Tessin und bereitet sich mit äußerster Sorgfalt aufs Verlieren vor, denn "Fußball in der Schweiz", so Bortlik, "ist die Kunst der ehrenvollen Niederlage".

Doch zurück zum Thema. Was ist die Schweiz bloß für ein Land? Und wie funktioniert der Schweizer?

Die Schweiz ist geradezu irrwitzig bergig. 44 grandiose Viertausender ragen hier in den zumeist blitzblauen Himmel, bedeckt mit so strahlend weißem wie ewigem Schnee. Zwar liegt die höchste Erhebung der Alpen, der Mont Blanc, in Frankreich. Aber dafür haben die Schweizer den schönsten aller Berge abbekommen, nämlich das Matterhorn. Wo keine Berge sind, sind Seen, kleine, große und riesige, mal azurblau, mal smaragdgrün und stets so sauber, dass man sie getrost austrinken kann. Zwischen den Seen sprudeln und murmeln kristallklare Bäche und Flüsse, die manchmal auch auf das Dramatischste die Berge hinunterfallen. Wo weder Berge noch Seen noch Flüsse sind, sind Wiesen, sattgrün oder kunterbunt, weil dort die allerschönsten Blumen gedeihen. Auf diesen Wiesen stehen Kühe von samtenem und sauberem Braun, behangen mit bimmelnden Kuhglocken.

Teure Boutiquen und saubere Kühe

Nicht selten stößt der Reisende auch auf Städte, zumeist an Seen gelegen, eine schöner als die andere, versehen mit so herrlichen wie historischen Fassaden, blitzblanken Fensterscheiben, geschmackvollen Blumenarrangements, verkehrsberuhigten Straßen, entsetzlich teuren Boutiquen und kühnen Bauten der heimatlichen Architekten Mario Botta oder Jacques Herzog sowie Pierre de Meuron. Selbstverständlich sind die Städte so sauber wie die Kühe und die Seen und trotz der Präsenz zahlreicher Bernhardiner und Berner Sennhunde gänzlich frei von Hundehaufen. Die entsorgt der Schweizer fachmännisch mittels des Robidogs. Hierbei handelt es sich um eine geniale Kreuzung aus Plastiktütenspender und Klo. "Greifen Sie mit einer Hand in den Sack, dann damit den Kot, stülpen Sie den Sack über den Kot in Ihrer Hand und verknoten Sie den Sack", heißt es in der Anleitung, wie im wunderbaren Werk "Gebrauchsanweisung für die Schweiz" von Thomas Küng nachzulesen ist. Anschließend landet das Päckchen in der dafür vorgesehenen Öffnung des Robidogs.

Sicher, entlang der Autobahn A1 von West nach Ost liegt auch das eine oder andere Erotik-Center von der Anmutung eines Parkhauses oder Orte wie Rothrist, die ein wenig an Iserlohn erinnern. Doch insgesamt ist die Schweiz nicht nur schön, sie ist schöner. Sie ist so wunderschön, dass alle Welt die Schweizer um die Schweiz beneidet, weswegen überall Fälschungen im Umlauf sind. Kaum ortet der Nichtschweizer bei sich auch nur den allerkleinsten Hügel, klebt er das Etikett "Schweiz" darauf, um Touristen anzulocken. So gibt es etwa die sächsische, die schleswig-holsteinische oder gar die transnistrische Schweiz sowie ein "Sveitsi" in Finnland; auch galt ausgerechnet der Libanon über Jahrzehnte hinweg als "Schweiz des Nahen Ostens".

Indes fehlt es diesen plumpen Kopien an fast allem - an Alpen, an Müsli (sprich: Muesli, fast wie in Muezzin, aber nicht ganz), an Raclette und an einer der stärksten Währungen der Welt. Insbesondere aber fehlt es ihnen am Schweizer an sich.

Das Schwyzerdütsch bringt alle zur Strecke

Dessen Geheimnis besteht darin, dass es ihn eigentlich nicht gibt. Oder vielmehr gibt es ihn gleich dreimal, in Gestalt des italienischen, des französischen, des deutschen Schweizers. Den Rätoromanen, dessen rätselhaftes Idiom gerade noch von 50.000 Graubündern gesprochen und mit viel Geld nicht wirklich vor dem Aussterben gerettet wird, zählen wir jetzt mal einfach nicht mit. Die Schweizer haben sich wenig zu sagen. Das mag auch am Schwyzerdütsch liegen, mit dem der Deutschschweizer nicht nur uns, sondern auch seine französischen und italienischen Landsleute zur Strecke bringt. Hierbei handelt es sich um eine Sprache, in der nur der Deutschschweizer kommunizieren kann, obwohl er es besser bleiben ließe, beeinträchtigt sie doch die putzige Niedlichkeit der Wiesen und Täler sowie die monumentale Erhabenheit der Alpen auf geradezu dramatische Weise durch ihre gutturalen Grunz- , Prust- und Zischlaute, was auch die vielen -lis am Ende unverständlicher Wörter nicht wettzumachen vermögen.

Dass in den vergangenen 700 Jahren kein lebhafter Dialog zwischen den Schweizern zustande gekommen ist, stört so recht keinen. "Was die Schweizer zusammenhält, ist eher das, was sie von ihren großen Verwandten trennt, als die Liebe zueinander", sagt der Schriftsteller Martin Suter. "Die Tessiner wollen keine Italiener sein, die Romands keine Franzosen und die Deutschschweizer keine Deutschen." Und offenbar genügt ihnen das, denn friedfertig leben all diese Schweizer nebeneinander her. Selbst der notorische Schweiz-Kritiker Jean Ziegler, ehemals Mitglied des Nationalrats, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und Autor des Buches "Das Imperium der Schande" - womit nicht die Schweiz gemeint ist -, hält seine Heimat insgesamt für nicht völlig missraten, obwohl er es nie zugeben würde, denn wie alle Schweizer ist er stolz darauf, nicht stolz zu sein. "Die Schweiz ist ein faszinierendes soziales und kulturelles Experiment, total unverständlich für rationale Menschen, aber doch ziemlich effizient. Stets haben die Eidgenossen immer genau das Gegenteil von allen umliegenden Völkern gemacht. Zu Zeiten des Feudalismus waren sie republikanisch, zu Zeiten des Nationalstaats blieben sie eine Eidgenossenschaft, und heute, mitten im sich vereinigenden Europa, bleiben sie der isolierte, starrköpfige Igel."

Den Prototyp des Schweizers erfand Schiller

Wie konnte es zur Schweiz kommen? Der mythologische Protoschweizer ist ein Mann namens Wilhelm Tell, vom Maler Ferdinand Hodler als ein etwa acht Meter hohes Ungetüm in Sandalen und kurzen Hosen über muskelbepackten Schenkeln verewigt, rot der Bart und finster die Miene. Doch ist der eigentlich ein Import aus Deutschland, erdacht von Friedrich Schiller im Jahre 1804. Tell soll sich vor langer Zeit geweigert haben, den Hut eines fiesen Landvogts namens Gessler im Dienste des österreichischen Herrscherhauses Habsburg zu grüßen, worauf der ihn zwang, seinem Sohn einen Apfel vom Kopf herunterzuschießen. Im Gegenzug durchbohrte ihn der erboste Erst-Eidgenosse in einer hohlen Gasse hinterrücks mit einem Pfeil aus seiner Armbrust.

Dass der Terrorist Tell, für den russischen Anarchisten Michail Bakunin "der Held des politischen Mordes" schlechthin, zum Schweizer Nationalhelden avancierte, ist einerseits bizarr - lieben die Schweizer nicht den Frieden? - und andrerseits völlig schlüssig: Gessler erhob Steuern auf den lukrativen Handel über den Gotthardpass, die wichtigste Verbindung zwischen Deutschland und Italien, und Steuern zahlten die Schweizer damals wie heute höchst ungern. Indes, kein Mensch weiß, ob Tell je gelebt hat.

Fest steht, dass sich die Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden 1291 auf ein Schutz- und Trutzbündnis gegen die Habsburger einigten und der Legende nach auf der Rütli-Wiese am Vierwaldstättersee einander Treue schworen. Zunächst führten auch die Schweizer unentwegt Kriege, "es galt, sich durchzuprügeln", so Dürrenmatt, "und man prügelte sich durch, knackte Ritter, Klöster und Burgen wie Panzerschränke, gewaltige Plünderungen, Beute, Gefangene wurden keine gemacht, vor den Schlachten Gebet und nach dem Gemetzel Orgien, der Krieg rentierte". Als das Land durch die Eroberung des Tessins sowie des heutigen Kantons Vaud bereits dreisprachig geworden war, verlor es in der Schlacht bei Marignano 1515 gegen Frankreich und entsagte anschließend klugerweise für immer dem organisierten Abschlachten. Die Phase des "Stillsitzens" wurde irgendwann in "bewaffnete waffnete Neutralität" umbenannt und dauert bis heute an.

Die Nichtschweizer sind neidisch

Seither lebt die Schweiz bestens von den Fehlern der anderen, ohne selbst welche zu machen. Sie liefert Waffen an jeden, heißt Steuerflüchtlinge aus der ganzen Welt willkommen und beherbergt in ihren Banken die Gelder verschiedenster Diktatoren, ohne sie aufgrund ihrer Hautfarbe, Religion oder politischen Meinung zu diskriminieren. Die Nichtschweizer sind deswegen ziemlich neidisch auf die Schweiz, weswegen die Schweizer in ständiger Angst leben, dass ihnen jemand die Schweiz wegnehmen könnte.

Darum wird jeder Schweizer Mann mit etwa 20 in die Rekrutenschule geschickt und muss in den folgenden acht Jahren jeweils drei Wochen lang zum Wiederholungskurs. Die Dienstwaffe beherbergt er daheim in seinem Kleiderschrank, die Munition bleibt seit Neuestem im Zeughaus. Zwar lästern die Schweizer nicht selten über ihre Armee - "Sie wurde schon in der Bibel erwähnt: ‚Sie hüllten sich in Lumpen und irrten ziellos umher‘" -, doch möchten sie das Militär nicht missen; es gehört ebenso zum Brauchtum wie das Schwingen, die Kuhkämpfe, das Jodeln oder das Herumwerfen von schweren Steinen. Sollten die Soldaten im Falle eines Angriffs versagen, wird der Feind mittels eines perfekten Selbstzerstörungskonzepts ausgetrickst. "Binnen zweier Tage können alle bereits beim Bau verminten Autobahnbrücken, Tunnels und Eisenbahntrassen in die Luft gejagt werden, was das Land für einen Invasor absolut wertlos, weil unpassierbar machen soll", schreibt Küng. Indes, der Invasor lässt auf sich warten. Schon deswegen, weil er die Schweiz dringend braucht.

Inzwischen besteht das Land aus 26 Kantonen, darin "große Teile der Bevölkerung beinahe sorglos dahin leben, gesichert und versichert", wie Dürrenmatt einst fand. "Kirche, Bildung und Spitäler stehen zu gemäßigten Preisen zur Verfügung, die Kremierung erfolgt im Notfall kostenlos." Es sei schön, als Schweizer geboren zu werden, es sei schön als Schweizer zu sterben. "Doch was macht man in der Zwischenzeit? Meine Antwort lautet gut schweizerisch: Ich vertue diese Zwischenzeit mit Arbeiten."

So ist es bis heute geblieben. Wenn der Schweizer nicht arbeitet, läuft er Ski oder geht in einem "Bädli" baden; ansonsten stimmt er ab, fast jedes Wochenende, mal kantonal, mal landesweit, mal über den Bau eines Schwimmbads, mal über den Beitritt in die EU. Daher dauert hier alles länger als anderswo - dass das Stimmrecht für Frauen bereits 1971 im dritten Anlauf eingeführt wurde, gilt als geradezu rasant. Weshalb Albert Einstein auf die Frage, wo er sich beim Weltuntergang am liebsten aufhalten würde, antwortete: "In der Schweiz. Dort geschieht alles etwas später." Der Herrscher über das Schweizer Volk ist der Schweizer an sich, der in seinen Kantonen machen kann, was er will, und nicht wirklich regiert wird vom Bundesrat, einer großen Koalition, dessen sieben Mitglieder in Bern sitzen und das Volk mit dem "Kollegialitätsprinzip" ins Wachkoma versetzen.

Das hübsche Land ist gerade von Wahlplakaten verunstaltet

Dieses Prinzip besagt, dass Bundesräte ihre Meinungsverschiedenheiten nicht öffentlich austragen dürfen, was Schweizer Politik etwa so prickelnd macht wie die Lektüre des Telefonbuchs von Zürich. Darum verwundert es nicht wirklich, dass der polternde Populist und Multimillionär Christoph Blocher und seine Schweizerische Volkspartei SVP sich so großen Zulaufs erfreuen, rennen sie doch mit politisch komplett unkorrekten Parolen gegen die wahnsinnig vernünftige, aber irre langweilige Konsenspolitik an. Zuletzt wollte die SVP per Volksentscheid am 1. Juni dafür sorgen, dass die Kommunen wieder darüber abstimmen dürfen, wer Schweizerbürger werden darf, weswegen die hübsche Schweiz im Moment verunstaltet ist von hässlichen Plakaten, auf denen braune sowie gelbe Hände nach dem Schweizerpass grabschen. Schön ist das nicht, doch deswegen in der Eidgenossenschaft "das Herz der Finsternis" zu orten, wie es der britische "Independent" tat, scheint irgendwie vermessen.

Denn so wie der Schweizer insgesamt immer ein bisschen anders ist als die anderen, so ist auch sein Rassismus anders. Sein liebster Ausländer ist ein Millionär, egal, woher er kommt. Des Weiteren schätzt er über alle Maßen den Tamilen aus Sri Lanka, den er auch gern zum Schweizerbürger macht, weil er ihm etwa die gleichen Eigenschaften wie dem Bernhardiner zuschreibt - fleißig, treu und willig. Weniger gern hat er Menschen aus dem Balkan, da favorisiert er eindeutig den Kongolesen. Und von allen seinen Nachbarvölkern ist ihm laut Umfrage das deutsche am unsympathischsten. Neben des Kults der Vielfalt in der Einheit und der Einheit in der Vielfalt scheint die Abneigung uns gegenüber ein Kitt zu sein, der die Schweiz von Ost nach West und Nord nach Süd zusammenhält. So wird jeder noch so schüchterne Versuch der Bundesrepublik, von der Schweiz die eine oder andere Auskunft über einen Steuerflüchtling zu erhalten, mit Getöse abgeschmettert. "Deutschland ist ein Unrechtsstaat", findet etwa der Privatbankier Konrad Hummler, sowie: "Politökonomisch betrachtet, gibt es viel Ähnlichkeit zwischen der Mafia in Palermo, die Schutzgelder einsammelt, und einem Staat, der unter Gewaltandrohung Steuern einzieht." Und Pierre Mirabeau, Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung, setzte jüngst noch einen drauf: "Die deutsche Steuerfahndung arbeitet mit Gestapo-würdigen Methoden."

Wie konnte das passieren? Wo die Schweiz uns doch Wilhelm Tell verdankt? Und außerdem das einzige Land weit und breit ist, das wir noch nie in Schutt und Asche gelegt haben? Und wir sie so mögen?

Die Deutschen kellnern in den Restaurants

Vielleicht liegt es daran, dass inzwischen weit über 200.000 Deutsche in der Schweiz leben, auf der Flucht vor hohen Steuern und Massenarbeitslosigkeit. Sie kellnern in Restaurants, sie stehen hinter den Rezeptionen der Grandhotels, sie stellen das Personal in den Zürcher Spitälern. Und dort benehmen sie sich kaum je so, wie der Einheimische es gern hätte. Allerdings ist unklar, wie er es gern hätte. Dem Teutonen wird zum Beispiel vorgeworfen, er spreche kein Schweizerdeutsch, doch falls er es mühsam in einem Sprachkurs erlernt, findet der Schweizer das total albern und fragt bohrend wie das Boulevardblatt "Blick": "Wie viele Deutsche verträgt die Schweiz?"

In seinem nicht ganz todernsten Buch "Grüezi Gummihälse - Warum uns die Deutschen manchmal auf die Nerven gehen" zitiert der Schweizer Bruno Ziauddin erschütternde Beispiele deutscher Scheußlichkeit. Von "lächerlichem Gorilla-Gehabe" weiß ein Schweizer Arzt zu berichten; ein anderer Eidgenosse fragte einst an einer Trambahn-Haltestelle eine deutsche Mutter mit Kinderwagen, ob er ihr helfen könne, worauf sie gebellt habe: "Sehen Sie hier sonst noch jemanden?"; dem nächsten haben zwei deutsche Mädels den Platz im Lokal geklaut, mit den Worten "Ladies first - kennt man das bei euch in der Schweiz nicht?"

Die Schweizer, so Ziauddin, seien schon "sehr anders. Zum Beispiel haben wir eine wahre Meisterschaft darin entwickelt, im Ausland nicht aufzufallen und uns bis zur Unkenntlichkeit anzupassen. Doch wovon wir zu viel haben, davon haben die Deutschen zu wenig. Dabei muss es sich noch nicht einmal um bösen Willen handeln. Nein, manche können es nicht besser. Sie bewegen sich mit einer gewissen Tapsigkeit, Ahnungslosigkeit, manchmal auch Trampelhaftigkeit durch fremdes Gehege, ohne überhaupt zu merken, dass sich alle nach ihnen umdrehen". Immerhin tröstet er uns mit der Feststellung: "Soo schlimm ist es auch wieder nicht. Ich würde mal behaupten: Zwischen Russen und Tschetschenen, Alice Schwarzer und Eva Herman, Hutu und Tutsi, Papst Benedikt XVI. und der Arbeitsgemeinschaft Schwule Theologie e.V. ist die Chemie auch nicht besser."

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