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Island: Heißes Pflaster Reykjavík

Die Banken haben sich verzockt, nun ist die Insel in schwerer See: Island, einst das teuerste Reiseziel der Welt, ist so gut wie pleite - und für Besucher jetzt ein Schnäppchenparadies.

Von Steffen Gassel

"Má ég komast aðnuddtækinu?" - "Sorry, ich verstehe kein Isländisch." - "Ah. Sind Sie einer von den Gläubigern?" Wer dieser Tage als Tourist in Reykjavík unterwegs ist, muss sich schon in aller Frühe auf überraschende Fragen gefasst machen. Mag die arktische Nacht auch bis zum späten Vormittag über der Stadt liegen, mögen die Winterstürme vom Nordatlantik die Wolkenfetzen noch so schnell am bleichen Mond vorüberpeitschen: Im Hot Pot, einem kreisrunden Thermalpool des Vesturbæjarlaug-Schwimmbads im Westen der isländischen Hauptstadt, sind schon morgens um halb acht alle Plätze belegt. "Haben Sie gehört, was gestern in der Zeitung stand?", fragt die Dame, die eben um den Platz an der Massagedüse gebeten hat. "Ein Deutscher ist extra nach Reykjavík geflogen, um in der Kaupthing- Zentrale sein eingefrorenes Sparguthaben zurückzufordern. Uns Isländern ist das alles sehr peinlich."

Doch die meisten, die in diesem Winter zu einem Kurztrip auf die Vulkaninsel im Nordatlantik aufbrechen, tun das nicht, um ihr Geld heimzuholen, im Gegenteil: Sie kommen, um es loszuwerden. "Nutzen Sie die einzigartig günstigen Preise, der Wechselkurs ist ideal. Vor Ort ist alles so günstig wie noch nie." Mit solchen Ausverkauf- Slogans warb zu Weihnachten 2008 ausgerechnet Icelandair, die Fluglinie eines Landes, das bisher als sündteures Reiseziel berüchtigt war. Vorbei die Zeiten, als Islandreisende für eine zugige Schlafstelle auf dem Campingplatz so viel berappen mussten wie Mallorca-Urlauber für ein flauschiges Hotelbett samt Halbpension. Und Shopping-Touristen lieber vier Flugstunden weiterflogen, um sich zwischen Fifth Avenue und Broadway die Koffer mit Designerklamotten, Digitalkameras und iPhones zu füllen. Seit die weltweite Finanzkrise Anfang Oktober die drei größten Banken Islands in die Knie zwang und die isländische Krone auf Talfahrt schickte, ist das 300.000-Einwohner-Land zum Budget-Ziel mutiert und die Schnäppchenjagd am Polarkreis eröffnet. Im Moment bekommt man für einen Euro um die 160 Kronen. Vor der Krise waren es nur 90. Und als wäre der Wechselkurs allein nicht Grund genug für einen Kurztrip in den hohen Norden, unterbieten sich die isländischen Fluggesellschaften seit Wochen mit "Superdeals" für Flug und Übernachtung. Das hoch verschuldete Land braucht dringend harte Währung.

Hippe Discokids shoppen durch die Großstadt

Und so sieht man entlang des Laugavegur, der Einkaufs- und Partymeile von Reykjavík, dieser Tage Tüten schleppende Pärchen aus Rotterdam und Hamburg genauso wie hippe Discokids aus New York City und Kopenhagen. Die isländische Hauptstadt hat trotz der Krise noch nichts vom Nimbus der Design- und Nightlife-Metropole des Nordens eingebüßt. Schicke Einrichtungsgeschäfte wie das Epal und das Kúnígúnd sind weiter gut gefüllt mit den Must-Haves des stilbewussten Großstädters - nur dass etwa ein Klassiker wie die Stelton-Isolierkanne mit umgerechnet etwa 40 Euro hier jetzt deutlich günstiger zu haben ist als in Deutschland. Ähnliches gilt für Markenkleidung, Schuhe, Schmuck - und sogar für Autos. Weil viele Isländer ihren Traum vom großen, schnellen Wagen bis vor Kurzem gern mithilfe günstiger Kredite in Euro oder Dollar wahr werden ließen, deren Raten sie seit der Abwertung der Krone kaum noch bedienen können, ist Island seit Neuestem ein attraktiver Markt für Gebrauchtwagen der Luxusklasse. Tausende Land Rover und Porsche Cayenne sind günstig zu haben. Viele Händler unterbieten sogar den offiziellen Wechselkurs und bezahlen die Verschiffung nach Europa, wenn der Käufer nur den laufenden Kredit des Vorbesitzers übernimmt.

Angesichts dieser Krisenstimmung ist die Mischung aus Trotz und Gleichmut schon erstaunlich, mit der die meisten Isländer der misslichen Lage begegnen. Mag das Bier, das für Touristen mit um die drei Euro ungeahnt billig ist, für die Einheimischen auch entsprechend teuer geworden sein - die Feiergemeinde in den Cafés und Bars von Reykjavík ist nach wie vor extrem gut gelaunt. "Ökonomische Krisen sollten keinen negativen Einfluss auf gesundes Genießen haben", so bringt Ivan, der Chefkoch des Lystin, die Stimmung auf den Punkt. Sein Restaurant wirbt gerade mit einem fünfgängigen Gourmet-Menü für zwei Personen, Kostenpunkt inklusive Wein: ca. 90 Euro.

Die Isländer bleiben gelassen

Dass auf einmal Jetladungen von Shopping-Touristen durch ihre Läden laufen, während sie selbst die Kronen-Kröten zusammenhalten müssen, ertragen die meisten Isländer mit Fassung. "Manche Leute im Ausland, die die Werbung für Billigtrips nach Island lesen, haben den Eindruck, wir würden Tickets zu unserer eigenen Beerdigung verkaufen. Aber so schlimm ist es nicht", sagt der Schriftsteller Andri Snær Magnason, der zum Frühstück gern im Kaffivagninn sitzt, einer urigen Mischung aus Fischerstube und amerikanischem Diner am Hafen. Dort wird zu starkem Kaffee weiches Toastbrot mit Lachs und Ei auf dicker Mayonnaiseschicht serviert, und man kann den Blick über die Grüppchen schweigsamer Männer an Resopaltischen hinweg durch die Fensterscheiben zu den vertäuten Booten wandern lassen. "99 Prozent der Leute, mit denen ich spreche, sagen, dass wir am Ende stärker aus der Krise herauskommen werden. So nach dem Motto: Die, die sie als Erste trifft, haben sie auch als Erste hinter sich", sagt Magnason. Viele habe der märchenhafte Wohlstand, den diese Nation von Fischern und Schäfern binnen weniger Jahre mit virtuellen Finanzgeschäften erreichte, ohnehin schwindelig gemacht. "Menschen wie mein Großvater, der seine Jugend noch in einer Torfhütte verbrachte, mit Socken an den Füßen, die er selbst gestopft hat, sehen sich jetzt in ihrer Überzeugung bestätigt, dass irgendetwas an diesem Aufstieg von Anfang an nicht gestimmt hat."

Wer ein Gefühl bekommen will für die raue Unerbittlichkeit, die das Leben der Menschen auf dieser Insel aus Eis und schwarzem Basalt bestimmte, lange bevor Investmentbanker aus Reykjavík zu gefeierten Stars ihrer Branche wurden, der ist bei Jungs wie Raggi und Gummi richtig. Weit vor Morgengrauen laden sie ihre Gäste in Jeeps und fahren mit ihnen Richtung Südosten. Zu einer Wanderung im wilden Reykjadalur, dem Rauchtal, wo aus Bergspalten schwefeliger Qualm hervorzischt, Schlammtöpfe an den Hängen kochen und unter schneebedeckten Gipfeln ein Bächlein mit Quellwasser in Badewannentemperatur durch grüne Wiesen fließt - gerade im tiefsten Winter eine unwiderstehliche Badestelle.

Ab übers Eis

Oder weiter die malerische Südküste entlang, wo Wasserfälle tosen, zottelige Islandpferde sich unter riesige Bergstürze ducken und Schwärme von Wildgänsen in lang gestreckter Formation durchs bleiche Morgenlicht ziehen, bis zur zerklüfteten Gletscherzunge des Sólheimajökull. Dort angekommen, schnallt man sich Steigeisen unter die Wanderstiefel und bricht auf zu einem Spaziergang über das Eis. Eine halbe Stunde später hat Raggi fünf Kletterschrauben in die blau und türkis schimmernde Wand einer tiefen Eiswanne getrieben und einen überredet, die Pickel beiseite zu lassen und nur mit Steigeisen und dem eigenen Gleichgewichtssinn bewehrt in die glatte, kalte Wand zu steigen - natürlich fachmännisch mit einem Seil gesichert.

Und sogar denen, die von solch schweißtreibenden Abenteuern nichts halten, winkt im isländischen Winter ein ganz besonderes Abenteuer. Auf einer geschlossenen Schneedecke darf sich hier jeder mit jedem Transportmittel fortbewegen. Dies einzigartige Gesetz muss die Isländer zur Erfindung des Superjeeps inspiriert haben, eines Riesen von Geländewagen, aufgebockt mit Traktorenreifen, Spezialunterbau und Extremübersetzung. Mit diesen tiefschneetauglichen Offroad-Monstern lassen sich auch im tiefsten Winter Touren durch die spektakuläre Wildnis des Hochlands voller heißer Quellen und aktiver Vulkane unternehmen.

Milchig-blaues Wasser für die Seele

Über die katastrophale CO₂-Bilanz, die solche PS-Expeditionen mit sich bringen, tröstet am besten ein weiteres Bad hinweg: im Riesenbecken der legendären Blauen Lagune, gelegen kurz vor dem Flughafen, das sich aus dem Brauchwasser eines nahen Geothermalkraftwerks speist. Aus Kilometertiefe wird hier Hunderte Grad heißes Wasser nach oben gefördert, um daraus Strom und Fernwärme zu gewinnen. Die milchig-blaue Brühe, die am Ende übrig bleibt, ist reich an Mineralsalzen, Kieselerde und gesunden Algen und glättet zerknitterte Haut und Seelen gleichermaßen.

Wer sich hier einmal ein paar Stunden hat treiben lassen, womöglich noch beim grünen Schein des Nordlichts am winterlichen Himmel, kommt fast zwangsläufig zu dem Schluss: Krise hin oder her - ich komme wieder.

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