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Air-France-Absturz: Spekulationen über eine Katastrophe

Blitzschlag, Bomben oder Turbulenzen - was brachte die Air-France-Maschine zum Absturz? Eine Woche nach dem Drama über dem Atlantik kursieren die verschiedensten Gerüchte. Von Verschwörungstheorien bis zu technischem Versagen reichen die Vermutungen. stern.de fasst die wahrscheinlichsten Ursachen zusammen.

Noch immer wird gerätselt, wieso der Air-France-Airbus von den Radarschirmen in der Gewitternacht zu Pfingstmontag verschwand. Wie immer melden sich bei Flugzeugkatastrophen selbsternannte Luftfahrtexperten mit Spekulationen zu Wort, die keiner Überprüfung durch Experten stand halten. Über die möglichen Unglücksursachen wird in Internetforen wild spekuliert.

Auch Fluggesellschaften drängen zur Aufklärung. Die Vorstandschefs von Gulf Air und Qatar Airways warten als Betreiber des Airbus A330 auf Vorschläge zu möglichen technischen Änderungen.

Allerdings trug Air France zu Spekulationen bei. Bereits einen Tag nach dem Verschwinden des Airbus nannte Pierre-Henri Gourgeon einen möglichen Grund: "Das Flugzeug könnte von einem Blitz getroffen worden sein", erklärte der Chef der Fluggesellschaft. Möglicherweise sei mitten in einem Unwetter die Stromversorgung ausgefallen. Fachleute waren über seine vorschnelle Äußerung, als noch nicht einmal der Absturzort bekannt war, verwundert. Auch konnten zu diesem Zeitpunkt die während des Fluges automatisch übermittelten Daten noch nicht ausgewertet sein.

Ohne Flugschreiberdaten bleiben nur Hypothesen

Die gesamten Fakten, wann welche Systeme im Air-France-Airbus ausfielen, kennt nur die Black Box. Der Flugschreiber und der Stimmen-Recorder bergen die zur Unfallanalyse wichtigen Informationen. Mit Hochdruck wird deshalb nach der Box der verunglückten Maschine gesucht. Zum Aufspüren des Gerätes das in einer Tiefe von 5000 Metern Tiefe liegen kann, ist auch ein französisches Atom-U-Boot zur Unfallstelle unterwegs. Noch 23 Tage lang sendet die Block Box ein Peilsignal. Dann sind die Akkus leer.

Spekulation über Messgeräte

Das Einkreisen möglicher Fehler konzentriert sich auf die Geschwindigkeitsmesser. Air France verwendet Pitot-Rohre, das sind L-förmige Röhrchen am Flugzeugrumpf, um den veränderlichen Gesamtluftdruck festzustellen und die Geschwindigkeit zu bestimmen. Auch die Steig- oder Sinkrate werden mit Hilfe des Datenmessers berechnet. Nach Angaben von Air France hatte der Flugzeugbauer Airbus bereits 2007 empfohlen, die Sonden an Maschinen des Typs A320 auszutauschen, weil es zu Funktionsstörungen kommen könnte.

Für Maschinen des Typs A330 und A340 gab es allerdings bislang keine entsprechende Empfehlung, obwohl auch dort seit Mai 2008 Probleme wegen Vereisung beobachtet worden sind. Air France beschloss daraufhin am 27. April 2009, die Messgeräte auszutauschen, dieses Vorhaben werde nun beschleunigt. Bei dem verunglückten Airbus A330-200 waren diese Pitot-Rohe allerdings noch nicht gewechselt worden.

Geschwindigkeit

Ermittler untersuchen derzeit, ob eine falsche Fluggeschwindigkeit zu der Katastrophe führte. Nach Angaben der französischen Untersuchungsbehörde für Luftfahrtunglücke meldete die A330-200 am Pfingstmontag kurz vor ihrem Absturz widersprüchliche Geschwindigkeitsmessungen. Die Daten von drei Sonden wichen um 50 Stundenkilometer voneinander ab. Der Bordcomputer schaltete den Autopiloten ab. Die Behörde forderte Airbus-Kunden auf, einige der dafür zuständigen Sensoren auszutauschen. Air France selbst hatte die Maßnahme schon vor fünf Wochen eingeleitet, nachdem es an ihren Airbus-Flugzeugen unterschiedlicher Typen zu Vereisungsproblemen mit den Sensoren kam.

Auf Anfrage von stern.de erklärten Lufthansa und Air Berlin, zu deren Flotte mehrere Exemplare der A330 gehören, dass sie von Airbus keine Aufforderung zum Tausch der Geschwindigkeitsmessegeräte erhalten haben. Denn die beiden deutschen Fluggesellschaften verwenden kein Staudruckrohr des französischen Herstellers Thales, wie es bei Air France zum Einsatz kommt, sondern Rosemount-Systeme. "Wir waren daher von einer Modifikation für die Thales-Systeme nie betroffen", so ein Lufthansa-Sprecher. Ähnlich wie bei den Triebwerken haben Airlines bei technischen Ausrüstungskomponenten die Wahl zwischen Systemen verschiedener Hersteller.

Unwetter

Auf dem Flug zwischen Südamerika und Europa durchqueren Flugzeuge die "innertropische Konvergenz-Zone", ein fast rund um die Erde gehende Band kollidierender Wettersysteme am Äquator. Hier prallen die Stürme der nördlichen und südlichen Hemisphäre zusammen und lassen Gewitterfronten entstehen. Wetterberichten zufolge bildeten sich am Sonntagabend in der Region schwere Gewitter auf einer Länge von 650 Kilometern.

Das Wetterradar im Cockpit signalisiert anhand von grünen, gelben und roten Bereichen nicht direkt die Heftigkeit eines Gewitters, sondern nur die Wassertropfen in der Luft, deren Dichte in einem Gewitter besonders hoch ist. Allerdings bleibt die Interpretation, wie ein Unwetter einzustufen ist, der Crew überlassen.

"Durch die grüne Zone kann man durchaus fliegen, aber das hängt von der Gesamtbeurteilung des Gewitters ab", so Jörg Handwerg, Flugkapitän bei der Lufthansa und Pressesprecher der Vereinigung Cockpit. Gefürchtet sind Gewitter wegen der Turbulenzen und Vereisungsgefahr. Am Simulator werden tropische Gewitter nicht durchgespielt. Für die Notsituation ist noch keine Software geschrieben worden.

Blitzschlag

Nach US-Studien wird jedes Flugzeug im Durchschnitt mindestens einmal im Jahr von einem Blitz getroffen. Allerdings ohne gravierende Folgen, denn Flugzeuge sind gegen Blitzschlag abgeschirmt wie ein Faradayscher Käfig. Ein möglicher Hinweis auf den Hergang der Katastrophe kam von einem Piloten eines spanischen Linienflugzeugs: Er will beim Absturz der Air-France-Maschine über dem Atlantik einen Lichtblitz in der Nähe der Unglücksstelle gesehen haben. "Wir sahen plötzlich in der Ferne einen starken und intensiven Strahl von weißem Licht, der sich vertikal nach unten bewegte und sich dann in sechs Einzelteile auflöste", berichtete der Air-Comet-Pilot nach Angaben der Zeitung "El Mundo" .

Nach sechs Sekunden sei der Lichtschein verschwunden. Damit wurden Spekulationen über eine Explosion durch Blitzschlag angeheizt. Das Flugzeug befand sich zum Zeitpunkt des Absturzes der Air-France-Maschine im Gebiet der Unglücksstelle. Experten gehen aber davon aus, dass Blitzschlag kein alleiniger Auslöser eines Absturzes sein kann.

Turbulenzen

Turbulenzen sind bei Gewitter eine große Gefahr. Flugkapitäne beobachteten in der Nacht routinemäßig ihr Radar, um sich durch Gewitter zu fädeln. Fachleute vermuten, dass die Air-France-Crew versucht hat, sich durch die Gewitter zu navigieren, einen Weg durch "Löcher" in den Unwetterwolken zu finden - und dabei in eine Falle geriet, aus der es keinen Ausweg mehr gab.

Nordöstlich der Inseln Fernando de Noronha im Atlantik können Stürme so plötzlich auftauchen, dass dem Piloten kein Ausweg mehr bleibe, als hindurch zu steuern. Auch bei einer Kursänderung von 180 Grad gibt es kein Entkommen, weil eine Wende das Flugzeug in dieselben Wetterbedingungen bringt. Eine Langstreckenmaschine der Lufthansa, die eine halbe Stunde vor dem Flug AF 447 aus Südamerika über den Atlantik flog, hatte keine besonderen Wetterauffälligkeiten vermeldet.

Hagel

Es ist auch denkbar, dass der Airbus in heftigen Hagelschlag geriet. In Gewittern können Hagelkörner die Größe von Hühnereiern erreichen und die Verdichterschaufeln der Turbinen beschädigen oder lahmlegen - ähnlich wie bei einem Vogelschlag. Im schlimmsten Fall können alle Triebwerke ausfallen und das Flugzeug manövrierunfähig machen.

In Äquatornähe reichen Gewitter über die reguläre Flughöhe zwischen 11.000 und 13.000 Metern hinaus. Sie können sich bis zu einer Höhe von 18 Kilometern aufbauen. Durch die extremen Minusgrade kommt es auch über tropischen Breitengraden zu Hagelbildung und Vereisung.

Terroranschlag

Eine Explosion durch eine Bombe ist so gut wie ausgeschlossen. Auch nach einer Woche liegt kein Bekennerschreiben vor. Über Spuren an Trümmern, die Verformung von Aluminiumteilen des Rumpfes, ließe sich eine möglich Detonation eines Sprengsatzes nachweisen. Luftfahrtexperten dürften mit den in den letzten Tagen aus den Wellen des Atlantiks geborgen Wrackteilen zu einem Urteil gelangen.

tib

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