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Citytrip nach Vancouver: Kanadas grüner Senkrechtsarter

Die Westküstenstadt baut sich vor der Wildnis auf: Besucher pirschen durch Regenwald, segeln auf dem Pazifik, fahren Ski in den Bergen. Die Bewohner wissen die Schönheit zu schätzen und zu schützen.

Von Bert Gamerschlag

Natürlich regnet es. Und ebenso natürlich war meine Befürchtung überflüssig, die Stadt könnte durchgehend schick geworden sein, entlaust und glattgebügelt. Kaum gehe ich vor die Tür und biege um zwei Ecken, zeigt sie mir, dass sie die alte ist, mit ihren Pennern und Lungerern. Mitten in Vancouver trifft man nämlich auf überraschend viele Unglücksraben.

Die Granville Street, immer schon eine Feiermeile, pulsiert wie eh und je. Es ist die Einfallstraße in die Stadt, wenn man von Süden kommt, vom Flughafen. Sie führt zur Granville Bridge über den False Creek, ein Meeresärmchen. Rechts und links säumen Leuchtschriften die Straße, Kinos, Bars, Discos, alte Vaudeville- Tempel und Sexshops. An jedem beliebigen Abend in der Woche dröhnen in den Schuppen die Bässe, und Mädchen kreischen zu Icona Pop: "I crashed my car into the bridge, I watched, I let it burn - I don't care, I love it …!"

Wiedersehen nach 32 Jahren

Ich habe die Stadt und diese Straße nie vergessen seit einem Morgen im Jahr 1982. Es war nach meiner letzten Nachtschicht als Putzmann im Polizeipräsidium an der Kreuzung Main Street und Hastings. Sechs Wochen lagen damals hinter mir, für elf Dollar die Stunde, gutes Geld in jener Zeit. An meinem letzten Morgen ließen sie mich schon um vier Uhr gehen.

So früh fuhr noch kein Bus. Also ging ich zu Fuß und war auf der Granville Bridge, als Jugendliche von hinten mit dem Auto heranrauschten. Sie drosselten das Tempo, drehten die Scheiben runter, schrien aggressives Zeug, grölten, stießen die Tür auf. Wenn sie jetzt aussteigen und dich übers Geländer werfen, gibt's keine Zeugen. Dachte ich und rannte.

30 Jahre habe ich die Stadt nicht gesehen. Ich habe sie geliebt damals, auch wenn sie heruntergekommen war, Ringe unter den Augen trug, ihre Klamotten alt und durch waren. Aber was für herrliche Anlagen sie hatte: den Pazifik vor der einen Tür, das Kaskadengebirge der Kordilleren vor der anderen, den lachsreichen Fraser River im Süden. Was für eine Stadt!

Vancouverites und ihr Körperkult

Dieselbe Brücke, 30 Jahre später, diesmal im Abendrot. Ich habe mich an ihrem Ende absetzen lassen und laufe nun zurück, in Richtung Stadt. Diesmal bin ich es, der gealtert ist, mit Ringen unter den Augen. Dafür liegt vor mir eine Märchenfee von einer Stadt - verjüngt, gleißend im Paillettenkleid, strahlend vor lauter Hochhäusern aus Stahl und Glas, die von innen schon erleuchtet sind und von außen von der sinkenden Sonne beschienen, golden, gelb und rosarot.

Wo in der Zahnreihe der Lagerhäuser am Hafen einst böse Lücken klafften, prunkt jetzt eine neue zweite Skyline. Auf den Fußwegen joggen Jogger, gehen Geher, rasen Radler. Die Stadt erscheint wie ein großes Open-Air-Fitnessstudio. Unter mir auf dem False Creek gleiten Segelyachten, Motor- und Drachenboote, von 20 Stechpaddlern verfolgt, die nach der Arbeit noch schnell eine Runde Sport einlegen. Einzelne Steh-Paddler hacken sich auf Surfbrettern durch das Hafenwasser. Sie tragen Neopren, dies ist ja Kanada, nicht Florida. Nur der Körperkult ist ähnlich. Sobald es nicht regnet, setzen die Vancouverites die Sonnenbrille auf, und kaum dass die Sonne scheint, zeigen sie ihre Beine, die Kerle in kurzen Hosen, die Frauen in Miniröcken.

Die Berge leuchten

Böge ich jetzt, statt über die Brücke zu gehen, nach links, ich wäre bald am Strand von Kitsilano, dem alten Hippieviertel, das einst so viele der Ideen ausgebrütet hat, für die dann später Kalifornien berühmt geworden ist. Greenpeace zum Beispiel. Ich würde an der English Bay entlanglaufen, wo am Strand Treibholzstämme liegen, gegen die man sich lehnen kann. Stunden später wäre ich am Spanish Banks Beach Park gelandet, wo das Freiluftleben weitergeht, und irgend-, irgend-, irgendwann, unterhalb der Uni von BC - British Columbia -, da stünde ich dann am Wreck Beach, wo selbst die prüden Nordamerikaner die Hüllen fallen lassen, und zwar ganz.

Doch ich gehe Richtung Stadt, und am Horizont, hinter der Skyline des Hochhausviertels im West End aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren, blicke ich auf die Baumwipfel des Stanley- Parks mit seinen tausenden turmhohen und uralten Redcedars.

Dahinter leuchten die weiß bezipfelten Gipfel der Berge, die bis an die Stadt heranreichen. Von den Bäumen müssen manche schon gestanden haben, als Kapitän George Vancouver vor 222 Jahren hier langsegelte, sich nordwärts tastend auf englischen Schiffsplanken, ausschauend nach natürlichen Häfen und unbekannten Kulturen, die Wasserstraßen kartographierend auf der Suche nach einer Nordwestpassage.

Verabredung im ehemaligen Kohlehafen

Keiner hat diese Riesen je gefällt, damals nicht und später auch nicht. Bis ins frühe 20. Jahrhundert waren die meisten Schiffe aus Holz, sie segelten und brauchten Masten für den Fall übermächtiger Stürme, nach denen die Rümpfe aussehen konnten wie gerupfte Hühner. Im Grunde war auch dieser Wald ein ganz unsentimentales grünes Schiffsmasten-Depot - doch bis er zum geschützten Stanley Park wurde, Vancouvers grüner Seele, wurden die Riesen nicht angetastet.

Zum Stanley Park könnten wir nun fahren, Fotograf Brown Cannon und ich (Brown ist sein Vorname, und Cannon sein Nachname, nicht seine Kamera). Doch wir haben eine Verabredung am schnieken Coal Harbour, dem ehemaligen Kohlehafen, gleich am Wasser. In einem Restaurant namens "Cardero's" mit Blick auf Yachten und Glitzerwasser treffen wir Michael Green, Stadtplaner und Architekt, einen der Köpfe hinter der urbanen Hochglanzentwicklung Vancouvers.

Das Lokal ist groß, hell und verglast, hauteng gekleidete Kellnerinnen platzieren den Gast. Nach einem Blick auf das Gewirr der Takelagen, Wimpel und Flaggen, auf dröhnend startende und schnurrend landende Wasserflugzeuge greife ich zur Karte.

Die Wasserflugzeuge

Säßen wir in ihnen, wir könnten die fjordigen Einbuchtungen des Pazifiks sehen, die fischreich und tief ins Land reichen. Wir sähen auf das Gewimmel der vorgelagerten Inseln in der Salish Sea, von denen die nördlichen zu Kanada und die südlichen – Richtung Puget Sound und Seattle – schon zu den USA gehören. Weiter nördlich könnten wir in die Georgia Strait blicken, durch die Schleppkähne gigantische Holzflöße Richtung Vancouver ziehen.

Von der Speisekarte des Restaurants kann ich ablesen, wie sich Vancouver verändert hat. Früher tranken die Vancouverites Dosenbier und fetten Weißwein aus dem Okanagan Valley, einem bewässerten Wüstental ein paar Bergketten gen Osten. Zu essen gab es Sandwiches, Burger und Steaks. Das einzige Fischlokal der Stadt hieß "The Only" (längst geschlossen) und hatte außer Scallops - kleinen pazifischen Jakobsmuscheln - nichts, was nicht gründlich totgebraten gewesen wäre. Für Gerichte mit Pep ging man in die Chinatown, alle anderen Lokale kochten britisch fad.

Heute bieten Vancouvers Lokale eine Menge Vegetarisches und Fischgerichte, von denen viele das Attribut "Ocean Wise" tragen, ein Öko-Siegel für saisonalen und lokalen Fang; es gibt diverse Biere vom Fass und feine Weine aus Kalifornien, Oregon und Washington State; die kanadischen Weine, die sich rasant gebessert haben, kommen dazu. Und fries, Fritten, sind inzwischen fast verpönt, Fisch und Rindfleischgerichte sind stark asiatisiert, fettfrei und kalorienarm.

Hongkong hat Vancouver rundum erneuert

Michael Green kommt, ist in Plauderstimmung und erklärt uns das neue Vancouver - ökologisch ausgerichtet, CO2-minimiert und neuerdings selbst bautechnisch quasi vegan denkend: Holz, lernen wir, ist der neue Stahl.

Hongkong, sagt Michael, hat Vancouver rundum erneuert und reich gemacht oder besser, Hongkongs Krise. Natürlich haben wir damals gelesen, wie die Rückgabe der Kronkolonie an Beijing (vollzogen 1997) die Hongkong-Chinesen verunsichert hat. Viele der unter britischer Hoheit herangewachsenen Milliardäre trauten Chinas Kommunisten nicht und transferierten ihre Gelder vorsichtshalber nach Nordamerika.

Jetzt sehen wir den Effekt. Die einst verkommenen Backstein-Lofts vom Anfang des 20. Jahrhunderts - Yaletown, Gastown, Coal Harbour - sind saniert und vermieten an Boutiquen, Beauty-Salons, Juweliere und feine Restaurants, darüber liegen Wohnungen. Neben den denkmalgepflegten Backsteinschätzen stehen funkelnagelneue Ensembles von Apartmentbauten, kristallin und clean.

Das Geld floss damals nach Vancouver, weil hier seit der Zeit des Eisenbahnbaus bereits viele Chinesen lebten. Und als Vancouver nach der Weltausstellung 1986 auch noch die Olympischen Winterspiele 2010 zugesprochen bekam, war das ein Fest für chinesische Investoren und kanadische Bauunternehmer.

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