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Insel Lamu: Kenias einsame Spitze

Als ob vor der Küste des afrikanischen Kontinents ein Stück vom Glück dümpeln würde: Auf der kleinen Insel Lamu mischt sich Afrika mit Arabien, Vergangenheit mit Zukunft und Luxus mit der Kunst der Einfachheit. Vom Strand ganz zu schweigen.

Wenn man von der Dachterrasse aus über die weißen Häuser hin zum blauen Ozean blickt und die Sonne blinzelt, fühlt man irgendwie: Sidiki Abdulrehman hat seine Nerven nicht umsonst strapaziert. Mit dem aufreibenden Bau seines Hotels hat er die Insel Lamu noch ein wenig schöner gemacht. Was nicht gerade einfach ist.

Lamu ist nur durch einen schmalen Meeresarm vom Festland Kenias entfernt, mit Afrika aber hat das Eiland nur wenig gemein. Jahrhundertelang Außenposten islamischer Händler, ist Lamu noch heute so arabisch, wie Afrika nur eben sein kann. Die Gassen sind klein und verwinkelt, aus den Häusern riecht es nach Myrrhe und Muskatnuss, und als ob das nicht genug der Idylle wäre, haben Einheimische und Europäer begonnen, die langsam verfallenden Stadthäuser zu Hotels umzubauen. Lamu ist eine Art neues Marrakesch. Nur nicht so voll. Und vor allem: mit Meer.

Bewegte Geschichte

Neun Jahre ist es her, dass Sidiki Abdulrehman mit dem Umbau seines Hauses begann. Fertig wurde er allerdings erst vor zwei Jahren. Der 43-Jährige ist ein ruhiger Mann. Er trägt den lokalen Männerrock, den Kikoi, beim Reden fährt er gern mit der Hand durch den Bart. Schon nach wenigen Minuten ist klar: Sein Projekt hat ihn einige schlaflose Nächte gekostet.

Sein Hotel, das Baitil Aman, steht mitten in Shela, einem Dorf 20 Bootsminuten von der Inselhauptstadt Lamu-Stadt entfernt. So schön das Haus ist, so traurig die Geschichte dahinter. Im 18. Jahrhundert hatte es ein Lokalfürst für seine Frau erbaut. Doch der Kindersegen blieb aus, dann starb auch noch der Gatte. Das ganze Drama - kein Nachwuchs, früher Mannestod - durchlebte die Unglückliche noch zweimal, bis sie verbittert Shela hinter sich ließ.

Das Stadthaus gelangte in den Besitz der Familie von Abdulrehman. Von einer Reise nach Österreich inspiriert, entschloss er sich, aus der Ruine ein Hotel zu machen. "In Europa hab ich gesehen, wie sehr sich die Leute darum bemühen, ihre alten Gebäude zu erhalten. Irgendwann dachte ich dann: Warum soll man das nicht auch bei uns machen?"

Vier Autos

Handwerker durchbrachen die alten Mauern, schufen klar gegliederte Räume und Terrassen, eine südafrikanische Designerin paarte für die Inneneinrichtung die traditionelle Suaheli-Schnitztechnik der Region mit modernem Minimalismus, und nach Jahren voller Sorgen um Wände, Leitungen, Genehmigungen ist das Baitil Aman geworden, was sein Name auf Arabisch verspricht: ein Haus der Ruhe.

Auch weil auf der Insel kaum etwas den Frieden stören könnte. Lamu ist praktisch autofrei. Ganze vier Exemplare gibt es für die 25.000 Einwohner. Eines hat der Gouverneur, zwei das Krankenhaus und das vierte gehört, tatsächlich, dem Altersheim für Esel.

Noch immer besorgen rund 3000 Esel den Großteil des Warentransports auf der Insel. Für Autos sind die Straßen zu schmal. Werden die Esel nicht gebraucht, "parkt" man sie einfach in den Gassen. Vor einigen Jahren begann sich eine englische Organisation um die Lastenpacker zu sorgen. Um ihnen zumindest ein Gnadenbrot zu bescheren, gibt es in Lamu-Stadt nun einen Alterssitz für Esel. Ein Dutzend Tiere steht in einem Gatter an der Uferpromenade und kaut gemächlich das Kraftfutter. Zwischen ihnen tapsen ein paar junge Waisen, deren große Ohren freudig in alle Richtungen wedeln. Sie werden von den Mitarbeitern des "Donkey Sanctuary" per Flasche aufgezogen.

Die Idylle bleibt

In Lamu-Stadt wie in Shela haben in den vergangenen Jahren mehrere Hotels aufgemacht - viel geändert hat das am Inselleben nicht. Wie eh und je werden die meisten Häuser aus dem hellen Korallenstein gemauert, hämmern Schreiner mit Stechbeiteln aus Mahagoni-Bohlen die reich verzierten Türen. Fünfmal pro Tag schallt der Ruf des Muezzins über die Palmwedel-Dächer, und Jungs und Mädchen murmeln in Koranschulen die heiligen Suren nach. Restaurants mit Alkohollizenz sind eher die Ausnahme. Denn zeigt sich der Islam auf der Insel auch von seiner toleranten Seite - es sind eben doch die Gebote Mohammeds, die seit dem 16. Jahrhundert das Leben hier bestimmen.

Damals entdeckten arabische Händler Lamu als perfekten Außenposten, um das Innere Afrikas gewinnbringend zu erschließen. Das bedeutete neben dem Export von Holz oder Elfenbein vor allem den Handel mit Sklaven. Über mehr als tausend Kilometer wurden diese an die Küste getrieben. Von Lamu, genauso wie vom weiter südlich gelegenen Sansibar, verschifften Händler sie dann gen Arabien. Jahrzehntelang versuchten die Briten den Sultan von Sansibar - dem auch Lamu untertan war -, vom Menschenhandel abzubringen, doch erst 1907 wurde die Sklaverei endgültig verboten.

So oszillierte Lamu wieder zwischen Ost und West, zwischen Arabien, Afrika und Europa. Sogar zwei deutsche Episoden sind in den Chroniken vermerkt. Die erste aus dem Jahre 1888, als Berlin sich anschickte, seinem Kolonialreich durch eine Allianz mit einem Lokalfürsten Lamu hinzuzufügen. Der Versuch kam allerdings nicht über die Errichtung einer "Kaiserlich-deutschen Postagentur" hinaus, und auch diese Filiale hielt sich nur drei Jahre. Die zweite deutsche Einmischung kann zwar nicht mit kaiserlichem Pomp, aber immerhin mit Beteiligung blauen Blutes aufwarten: jenes des Prinzen Ernst August von Hannover.

Neben Rucksacktouristen war es in den Sechzigern der Jetset, der Lamu entdeckte. Ob Prinzessin Soraya von Persien, Omar Sharif oder Mick Jagger, sie alle bezogen Quartier im Peponi in Shela. Das Hotel war zwar nicht so luxuriös wie heute, versprach aber Exklusivität und Ruhe vor Paparazzi. Auch Ernst August zog es schon vor 20 Jahren zum ersten Mal an die kenianischen Gestade. Mit Entourage mietete er meist mehrere Stadthäuser ein paar Schritte vom Peponi entfernt.

Dann, im Winter 1999/2000, beschloss ein anderer Deutscher, Josef Brunlehner, nicht weit entfernt seine Sicht von Tourismus zu verwirklichen. Allnächtlich beschallte er des Prinzen Schlafgemach mit Disco-Bässen. Vermittlungsversuche brachten nichts. Als dann eines Abends Ernst August sah, dass Brunlehner am Strand vor dem Peponi anlandete, ergriff er, gestärkt von ein paar Drinks, die Gelegenheit, ihn mit seinen Argumenten zu überzeugen. Was in dieser Nacht des 14. Januar 2000 genau geschah, ist umstritten. Nach Ansicht des Landgerichts Hannover hat Ernst August Brunlehner mit einem Schlagring niedergestreckt. Das brachte dem Prinzen eine Strafe von 445.000 Euro, einen Eintrag ins Vorstrafenregister und von der "Bild"-Zeitung die Erhebung zur "Faust Gottes".

Der deutsche "Prince"

Bis heute bestreitet Ernst August den Schlagring. Gerade erst hat er eine Wiederaufnahme des Verfahrens erwirkt. Tatsächlich ist der "Prince", wie ihn alle hier nennen, auf Lamu äußerst beliebt. Man trifft nicht nur ständig Leute, die sein Engagement etwa für die lokale Schule loben. Man findet auch niemanden, der dem Gerichtsurteil folgen mag. "Der Joe ist doch noch selbst im Boot zurückgefahren", sagt etwa Midnight, einer der Jungs vom Strand, die an jenem Abend mit dabei waren und der später als Zeuge in Deutschland ausgesagt hat. "Da war von den schweren Verletzungen überhaupt nichts zu sehen."

Wie es auch gewesen sein mag - mittlerweile hat Brunlehner seine Disco aufgegeben. Nichts stört mehr die nächtliche Ruhe als ein paar Eselschreie und der Ruf des Muezzins um fünf Uhr früh. Ohnehin ist Lamu - und besonders das verträumte Shela - kein Ort für Disco-Jünger. Wer hierherkommt, sucht Ruhe. Fast alle Hotels haben Dachterrassen mit Lümmelecken. Wer die Gegend erkunden will, fährt mit Kleinseglern durch die Meeresarme oder bestaunt das Ruinenfeld von Takwa, einer im 17. Jahrhundert aufgegebenen Siedlung mit exakter Ausrichtung gen Norden - dort liegt Mekka von Lamu aus betrachtet.

Im Grunde genügt Shela sich selbst. Man frühstückt herrliche Mangos, wandert den zwölf Kilometer langen Strand entlang, verdöst die Mittagshitze unterm Deckenventilator (keines der Häuser hat Aircondition; die Meeresbrise kühlt ohnehin). Irgendwann trifft man sich zum Sundowner auf der Terrasse des Peponi, genießt ein Dinner unterm Sternenhimmel, und schon ist der Tag verflogen, kaum dass man glaubt, den ersten Schritt in den Sand gesetzt zu haben. Nach spätestens drei solcher Tage gilt man als halber Einheimischer, den die Jungs vom Strand per Handschlag begrüßen.

Wie lange das so weitergeht? Solange es geschichtsbewusste Einheimische wie Sidiki Abdulrehman gibt, die die alten Häuser mit viel Liebe wieder zum Leben erwecken, solange die Ausländer die Fischer auch mal auf ein Bier einladen, solange also Lamu sich treu bleibt, braucht dieses Idyll die Fremden nicht zu fürchten. Für Ruhe ist ja erst mal gesorgt.

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