HOME

Reisen nach Myanmar: Politisches Tauwetter beflügelt den Tourismus

Aufbruchstimmung in Asiens Armenhaus: Bereits vor dem Besuch von Außenminister Westerwelle und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon haben Urlauber Myanmar als Reiseziel entdeckt. Rangun steht bereits im Flugplan der Ferienflieger.

Nichts bringt die fette Schlange aus der Ruhe. Nicht der monotone Singsang ihrer Hüterin, die das Tier mit Gebeten beschwört. Nicht das Gemurmel der vier Birmaninnen, die sich von der Python Glück, Wohlstand, Gesundheit und einen Volltreffer in der Lotterie wünschen. Dafür haben sie der Schlange, die als ein wiedergeborener Geist aus dem Himmel verehrt wird, einige Kyat geopfert. Die Geldscheine liegen verstreut auf der schuppigen, glänzenden Haut des bewegungslosen Tiers. Das der Legende nach 123 alte Jahre Reptil, das seine fast sechs Meter Länge zu einer ordentlichen Spiralform zusammengerollt hat, lässt sich auch nicht durch eifrig knipsende Touristen aus der Ruhe bringen.

Ein Besuch des Schlangentempels von Bago gehört bei einer Rundreise durch Myanmar zum touristischen Pflichtprogramm wie der Goldene Fels oder die Shwedagon-Pagode. Seit der Öffnung des Landes durch die reformorientierte Regierung von Präsident Thein Sein strömen Touristen aus der ganzen Welt nach Birma, wie das Land früher hieß. "Myanmar wird der neue Hotspot in Südostasien", prophezeit die Reisebibel "Lonely Planet". In der CNN-Hitliste der Topdestinationen 2012 rangiert Myanmar ganz weit vorne. "Es ist so authentisch und unverdorben", sagt Martin Rapp, Vizepräsident des großen amerikanischen Reiseveranstalters Altour.

Westliche Politker besuchen das bitterarme Land

Derzeit weilen UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und der deutsche Außenminister Guido Westerwelle in Myanmar. Bereits im Dezember hatte US-Außenministerin Hillary Clinton dem Präsidenten Thein Sein ihre Aufwartung in der neuen Hauptstadt Naypyidaw gemacht. Doch noch bevor westliche Politiker Birma bereisten, haben Urlauber das Land für sich entdeckt: Im vergangenen Jahr fanden 400.000 ausländische Besucher den Weg in das Goldene Land, mehr als je zuvor, wie die Pacific Asia Travel Association (PATA) berichtet.

Sowohl Clinton als auch Westerwelle trafen sich in der alten Hauptstadt Rangun auch mit der Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi. Die Friedensnobelpreisträgerin stand mehr als 15 Jahre unter Hausarrest. In dieser Woche wird Suu Kyi gemeinsam mit anderen Vertretern der Opposition voraussichtlich ihren Parlamentssitz einnehmen - auch das ein Zeichen für den Wandel im Land, das von 1962 bis 2011 eine Militärdiktatur war. Nach umstrittenen Wahlen im Februar 2011 kam eine militärnahe Regierung an die Macht, die auch die Mehrheit des Parlaments kontrolliert.

Noch immer sitzen in dem südostasiatischen Staat mehrere hundert politische Gefangene in Haft. Ban Ki Moon und Westerwelle forderten deshalb Präsident Thein Sein nach dem Ende der Militärdiktatur zu weiteren Reformen auf. Westerwelle sagte nach einem Treffen mit dem früheren General: "Mein Eindruck ist, dass es der Präsident ernst meint mit den Reformen. Die große Frage ist, ob er von der bisherigen Politik gelassen wird."

Von der Öffnung des Landes profitiert Myanmar schon heute: Urlauber, Investoren, Politiker und Vertreter internationaler Hilfsorganisationen geben sich in Rangun die Klinke in die Hand. In den ersten Monaten dieses Jahres waren die Hotels von der einfachen Kategorie bis zu den Luxusherbergen ausgebucht. Das ist gut für Hotellerie, Gastronomie und das Bruttosozialprodukt des bitterarmen Landes. "In dieser Branche wird die Entwicklung am schnellsten gehen und am dramatischsten sichtbar sein", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Sean Turnell von der australischen Macquarie Universität. Der Tourismus werde als Jobmaschine wirken.

Nur keinen Knick im Geldschein

Bis aber der gesetzliche Rahmen für Investitionen geschaffen ist und mit dem Ausbau der bescheidenen und maroden Infrastruktur begonnen werden kann, müssen Besucher tief in die Tasche greifen. Für Zimmer in Drei-Sterne-Hotels, die vor wenigen Monaten noch für 30 US-Dollar zu haben waren, muss man jetzt bis zu 80 US-Dollar bezahlen. Damit sind wir beim derzeit größten Problem für Reisende in Myanmar: Es gibt (noch) keine Geldautomaten, Kreditkarten und Reiseschecks werden nicht akzeptiert.

Hotelrechnungen, Inlandsflüge, Ausflugstouren - alles muss bar in US-Dollar bezahlt werden. Bei der Versorgung mit Bargeld sind zudem streng die Eigenwilligkeiten der Birmanen zu berücksichtigen: Geldwechsler und Hotels nehmen nur einwandfreie Scheine an - ohne Flecken, Knicke, Risse. Schon eine Banknote, auf der der Abdruck einer Büroklammer zu erahnen ist, wird nicht geduldet, ebenso Dollarscheine, deren Seriennummer mit CB beginnt - angeblich aus abergläubischen Gründen. Bei solchen Pingeligkeiten kann auch eine prall gefüllte Urlaubskasse nutzlos werden, wie der Berliner Alex König Anfang Februar erlebte. "Ich musste die Reise nach Bagan streichen, weil die Fluggesellschaft meine Dollar nicht akzeptiert hat."

Neuerdings gibt es am Scotts Markt in Rangun richtige Wechselbüros. Die sind zwar auch pingelig, aber man muss sich nicht mehr dubiosen Geldwechslern auf der Straße anvertrauen, die mit sehr guten Kursen locken, aber oft betrügen. Ein beliebter Trick besteht darin, das Geld solange hin und her zu zählen, bis die Hälfte fehlt. Am 1. April 2012 hat Myanmars Regierung die schrittweise Freigabe des Wechselkurses eingeführt, um mittelfristig mit der Landeswährung Kyat auch international zu handeln. Es ist daher nur eine Frage der Zeit, bis Geldautomaten und Kreditkarten auch in Myanmar zum Standard gehören.

Das Reiseziel für Natur- und Kulturtourismus

Heide Weishaar hat nicht zuletzt des Geldwechselproblems wegen eine Pauschalreise nach Myanmar gebucht. In Rangun war die Wissenschaftlerin, in Bagan, in Mandalay, am Inle See und in den Hügeln des Shan-Staats. Nur für den täglichen Bedarf musste Weishaar sich mit Kleingeld eindecken. Die vom Reisebüro empfohlenen 20 US-Dollar pro Tag haben sich allerdings als zu knapp herausgestellt. "Die Preise in Restaurants und für Souvenirs steigen rasant", erzählt Weishaar. Nach Myanmar will sie aber auf jeden Fall wieder reisen. "Das Land ist wunderschön. Was mich aber am meisten beeindruckt hat, ist die Freundlichkeit der Menschen", sagt sie.

Es ist auch die landschaftliche und kulturelle Vielfalt, die Birma - immerhin das größte Land auf dem südostasiatischen Festland - auf lange Sicht zu einem ernsthaften Konkurrenten zu den Klassikern im Asientourismus wie Thailand oder Bali machen wird. Im Süden locken an der 1930 Kilometer langen Küste am Golf von Bengalen und der Andamanensee die tropischen Traumstrände. Hoch im Norden, in den kühlen Bergregionen an der Grenze zu Nordindien, Tibet und Yunnan, sind Trekkingtouren angesagt. Schiffstouren auf Myanmars heiligen Fluss Irawadi sind ein weiterer Höhepunkt.

Per Charterflug nach Rangun

Im Westen, Norden und Osten entlang der Grenzen zu China und Thailand leben 130 verschiedene ethnische Gruppen. Tempel, Pagoden, Seen und Flüsse dominieren das Innere des Landes, Heimat der größten ethnischen Gruppe der Birmanen. Rangun als ein Handels- und Verwaltungszentrum in British India verfügt über eine noch weitgehend intakte Kolonialarchitektur, auch wenn die Bauten durch die jahrelange Misswirtschaft des alten Militärregimes gelitten haben.

Fast alle großen Hotelketten, Fluglinien und Reiseveranstalter stehen in den Startlöchern, um vom großen Kuchen ein dickes Stück abzubekommen. Der Hotelkonzern Accor will in Myanmar investieren, Asiens größter Billigflieger Air Asia drängt Myanmars Luftfahrtbehörde, den Flughafen von Mandalay für den internationalen Verkehr freizugeben. Auch deutsche Reiseveranstalter setzen auf Myanmar. Das Land sei neuerdings so gefragt, dass das Angebot kaum noch ausreiche, meldet die Tui. Man arbeite bereits mit Hochdruck an dem "Produktausbau" für die Wintersaison 2012/13. Sogar der Freienflieger Condor fliegt im kommenden Winter einmal pro Woche nonstop in gut zehn Stunden von Frankfurt nach Rangun.

Von Robert Spring, Rangun

Wissenscommunity