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Saint Lucia: Sleeping Beauty

Sie ist die schlafende Schönheit der Karibik, mit Kegelbergen, Dschungel und Buchten. Und der Tourismus auf Saint Lucia wird - ein Glück für die Insel und ihre Besucher - bisher umweltfreundlich in Schwung gebracht.

Von Jan-Christoph Wiechmann

Manchmal fragt sich Sophia Gilbert, was das für merkwürdige Wesen sind, die seit einiger Zeit nach Saint Lucia kommen. Sie haben genug Geld, um in Palästen zu wohnen, schlafen aber lieber unterm Sternenhimmel. Sie könnten sich jeden Abend Hummer leisten, bevorzugen aber örtliche Yamwurzeln und Süßkartoffeln. Sie schwärmen von Sophias spartanischem Leben, welches sie eigentlich ganz gern mal hinter sich ließe. Sie sind wirklich eigenartig, diese Touristen.

Es ist ein tropisch warmer Morgen an der Südwestküste von Saint Lucia. Sophia trägt kurze schwarze Hosen und die grüne Uniform eines Park-Rangers. Sie führt eine Gruppe Touristen hinauf zu den Pitons, zwei steil aus dem Meer aufsteigenden Vulkankegel, die die Unesco vor zwei Jahren zum Weltnaturerbe erklärte. Unten in der Bucht paddeln Fischer in Kanus und wecken den Tag mit den Rufen einer Concha. Kolibris tauchen in große rote Blüten ein, die aussehen wie Hummerscheren und auch so heißen und den Fremden jauchzende Laute entlocken.

Sie sind wirklich eigenartig

Auf ihrer Wanderung führt Sophia sie durch drei Vegetationszonen, in denen wilde Orchideen wachsen und exotische Pflanzen mit Namen Elefantenohren, manche Farne sind größer als Häuser. Sie zeigt ihnen, wo die letzten Rastafaris leben und Boa constrictor. Sie zeigt ihnen auch die Steinhöhle, wo sich die Sklaven jahrelang versteckten auf der Flucht vor weißen Plantagenbesitzern. Selbst das interessiert die Weißen - ihre eigene schlimme Vergangenheit. Sie können gar nicht genug davon kriegen. Eigenartig.

Sophia ist 28 und seit einigen Monaten Bergführerin. Sie wohnt mit ihren zwei Söhnen in einer Hütte in dem Dorf Fond Gens Libre, wo Ziegen unter Kakaobäumen grasen. Bis vor kurzem lebte auch Sophia noch vom Kakao. Sie pflückte die Früchte für eine amerikanische Schokoladenfirma, sie reinigte und trocknete die Bohnen, so wie ihre Großeltern dies schon taten und deren Großeltern, für zwölf Euro Lohn am Tag.

Sophia war stolz: Sie pflückte für Amerika

Irgendwann jedoch stellte sie fest, dass das Einkommen nicht reichte und der Rücken sich krümmte und die Rohstoffpreise sanken und eine Revolution um die Ecke bog, von der die Menschen sprachen wie von einer Jahrhunderternte: dem Tourismus.

Sophia sah im Tourismus zunächst keine Chance. Sie konnte weder lesen noch schreiben. Sie sprach nur Patois, eine kreolische Variante des Französischen, und wusste nicht, wie man mit fremden Weißen umgehen sollte. Sie kannte Weiße nur als Plantagenbesitzer. Irgendwann kam der Tourveranstalter Jimmy Haynes auf sie zu. Jimmy hatte lange unter den Fremden in Deutschland gelebt und sah in Wandertouren auf die Pitons einen Markt. Da änderte sich Sophias Leben schlagartig. Sie lernte Englisch. Sie lernte, mit Fremden umzugehen. Sie bekam eine Uniform und 28 Euro pro Tag. Sie sagt heute, dass der Tourismus ihr Leben bereichert. Die Fremden mögen in der Tat eigenartige Wesen sein, die von Orchideen schwärmen, als wären sie Weltwunder, die an Zimtstangen schnüffeln, als wären sie Kokain, die diese saftige, bergige Küste für die schönste der Welt halten.

Aber ihr soll's recht sein

Saint Lucia gehörte schon immer zu den schönsten Inseln der Karibik, aber das sprach sich nur schleppend herum. 60 Kilometer weiter nördlich liegt Martinique, das die Franzosen lieben, und 150 Kilometer südöstlich Barbados, das die Briten lieben. Saint Lucia fiel in der Kolonialzeit siebenmal an die Franzosen und siebenmal an die Briten, und auch als die Insel im Jahr 1979 unabhängig wurde, konnten sich die Besucher nicht so recht für sie entscheiden. Saint Lucia hatte ihnen zu viele Berge und zu schlechte Straßen. Die Insel mag Vulkane haben wie Grenada und Dschungel wie Costa Rica und mit Marigot Bay die schönste Bucht der ganzen Karibik besitzen. Aber sie verfügt nicht über die Endlosstrände, auf denen sich 10000 Briten ins Koma trinken können und die Pariserinnen sich ihren Winterteint holen.

Wann der Run auf Saint Lucia einsetzte, lässt sich nur noch schwer datieren, doch heute erzählen Planierraupen von der neuen Zeit. Reisemagazine wählen die Resorts der Insel zu den besten der Welt und verleihen Saint Lucia Titel wie Hochzeitsinsel und Wellness-Paradies. Sie schreiben, dass sich die Fremden hier neu finden können, und wenn sie sich selbst nicht finden, dann wenigstens Zengärten und Bars wie in New York. Sie schreiben, dass die Stars kommen, Nicolas Cage und Whitney Houston und Paul Simon, um sich ihren Platz im Paradies zu sichern. Als Oprah Winfrey in ihrer Talkshow sagte, man dürfe nicht sterben, ohne Saint Lucia besucht zu haben, ahnten sie im Tourismusministerium: Das ist der Ritterschlag. Jetzt kommen die Massen.

Die Massen tummeln sich im flachen Norden der Insel, wo sich All-Inclusive-Resorts um die wenigen Strände angesiedelt haben. Wenn man den Betreibern glaubt, kann man hier den Tourismus der Zukunft erleben. Man kann im importierten schneeweißen Sand liegen und Diskjockeys aus New York hören und unter den Werbebanden von Sponsoren plantschen und in original kreolischen Zimmern übernachten, die original an Disneykitsch erinnern.

Man kann es aber auch lassen und gleich in die DomRep fahren.

Gen Westen wird es bergiger, einsamer und abenteuerlicher. Die Straßen führen hinunter in dunkle Höhlen des Regenwalds und wieder hinauf auf üppig bewachsene Berghänge. Hinter jeder Kurve lauern neue Blicke auf das karibische Meer und einsame Hügel, auf denen die Fremden sich ihre Villen und Resorts bauen.

Im Westen der Insel liegt auch die sagenumwobene Marigot Bay, umgeben von steil aufragenden Regenwäldern, als blaue Lagune am weißen Strand. Sie dient Yachteignern als Schutz vor Hurrikanen und als Quelle guter Geschichten. An den Bars von Marigot Bay strandeten einst Sophia Loren und der britische Hochadel und amerikanische Generäle. Nun bauen britische Investoren ein Marina-Dorf in die Bucht. Sie nennen es Discovery. Sie feiern es als Entdeckung, als Meilenstein des gesunden Luxustourismus. Sie haben ihre Villen um die Bäume herum errichtet und die Mangroven wieder verstärkt. Als Baumaterial haben sie das Holz aufforstbarer Wälder aus Guyana genommen und Dachziegel, die farblich mit der Umgebung verschmelzen. Sie haben einen wilden Zengarten kreiert und Kurse zur Wiederbelebung der Seele. Sie bauen hier so umweltfreundlich, weil die Reichen heutzutage beim Reisen ein reines Gewissen haben wollten, sagt Projektmanagerin Molly McDaniel. Die Reichen wollten als Gute reisen. Als Retter.

Auch für Bauern und Fischer ein kostbares Paradies

Eco-Tourism ist ein Zauberwort auf der Insel. Auch die Deutschen sagen Eco-Tourism. Öko-Tourismus klingt zu sehr nach Batikkursen und ausgetretenen Sandalen. Eco-Tourism bedeutet, dass die Buchten geschützt werden, die Riffe bewacht, die Einheimischen fair bezahlt. Es bedeutet auch, dass man den Bauern und Fischern beibringen muss, wie kostbar das Paradies ist, in dem sie wildern und die Seelen zart besaiteter Touristen verletzen.

Der Strukturwandel fällt den Einheimischen nicht leicht, hört man überall. Sie seien ja sehr freundliche Menschen. Sie seien eine exotische Mischung aus Caribs und Amerindianern. Viele sind Nachfahren der Sklaven. Heute arbeiten sie als Bauarbeiter und Kellner für die Weißen und sind nette Folkloreelemente, wenn sie beim Fischfest auf den Straßen des Fischerorts Anse La Raye Hummer und Barrakudas grillen. "Aber sie haben den Unterschied zwischen Service und Unterwerfung noch nicht begriffen", sagt Molly McDaniel. Sie seien manchmal noch zu widerwillig und manchmal zu aufdringlich.

Sie sind noch nicht so, wie die Weißen sie gern hätten

Die Bewohner sind sich nicht sicher, ob der Tourismus nur ein Segen ist oder auch ein Fluch. Er bringt viel Geld, eine Milliarde Dollar im Jahr, aber auch neue Strukturen. Er schafft mehr Bewusstsein, aber auch Zonen der Exklusivität für die Fremden. Er bringt jede Menge Jobs, doch auch neue Abhängigkeiten. Sollte noch mal so ein Hurrikan wüten wie "Allen" im Jahr 1980, wären all diese Jobs auf einen Schlag vernichtet.

Je weiter die Fahrt gen Süden geht, desto reizvoller werden die Panoramen und exklusiver die Unterkünfte. Man kann auf Plantagen übernachten und durch Vulkane fahren, man kann nach Schildkröten tauchen und mit dem Mountainbike durch den Dschungel fahren wie in Anse Chastanet. Man wird dort keine Klimaanlage finden und keinen Swimming-Pool, dafür aber Bäume, die durch Badezimmer wachsen, und Zimmer, deren Wände dem freien Blick aufs Meer geopfert wurden. Manchmal erscheint die Fahrt über Saint Lucia wie ein Wettbewerb um das natürlichste Konzept, um das modernste Resort, um die originellste Form der Entspannung. Weil Sonne und Meer und Ausblicke dafür nicht mehr reichen, kommen noch Feng Shui hinzu und Tantra und Zen, bis die Gäste fast so entspannt sind wie die Einheimischen.

Zu haben ab 250 Dollar pro Nacht. Und bis 5000

Je wohlhabender die Touristen sind, desto besser, dachte Jimmy Haynes bis vor kurzem. Jimmy hat zehn Jahre als Ingenieur bei BMW in München und der Pfalz gearbeitet, bevor er zurückkam auf die Insel seiner Mutter. Die Reichen lassen viel Geld hier und bringen ein Bewusstsein mit für die Bewahrung der Natur, dachte er. Doch es kommen ihm auch Zweifel an dem Boom. "Ich habe Angst vor dem Ausverkauf unserer Insel. Wir dürfen nicht Fehler wie auf den Kanaren machen."

Nach einer kurzen Pause schiebt er dann hinterher: "Ihr würdet doch auch nicht Berlin verkaufen, oder?"

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