Santa Fe Ein Hauch von wildem Westen


Früher war Santa Fe hauptsächlich Bahnhof, eine Station im Wilden Westen auf dem Weg an die Pazifikküste. Heute zieht es die Schönen und Reichen aus Los Angeles und San Francisco wieder zurück in die Künstlerkolonie im amerikanischen Südwesten. Das hat viele gute Gründe.
Von Helmut Werb, Santa Fe

Es ist noch gar nicht so lange her, da bestand das samstägliche Unterhaltungsprogramm der rechtschaffenen Bürger von Santa Fe im allwöchentlichen "hanging" auf dem Marktplatz. Heute residiert der lokale Sheriff zwar immer noch auf der Plaza, aber jetzt chauffiert Troy Baker einen Ford anstelle eines Gauls und ist auch sonst ein ganz umgänglicher Zeitgenosse. Tja, die Zeit vergeht – und das ist, speziell im Fall von Santa Fe, gut so. War Santa Fe früher die letzte Außenstation dessen, was der Weiße Mann unter Zivilisation verstand, treffen sich heute in der Wüstenstadt 2500 Meter über dem Meeresspiegel hippe Hollywoodstars mit gelifteten Gattinnen finanzstarker Ehemänner und Reise-Trendies, die Santa Fe als den neuen In-Spot im amerikanischen Südwesten entdecken.

Das mag an vielem liegen: die Stadt, eine starke Autostunde nördlich vom Internationalen Flughafen von Albuqerque, hat feinste Hotels, prächtige Spas, leckere Restaurants und wer will, kann tonnenweise Geld in hiesigen Shops lassen und alles kaufen, was das wohlhabende Herz begehrt – vom indianischen Teppich bis zu den neuesten Pradas. Nun gibt’s das alles auch im mittleren Florida, so dass sich die Frage stellt, warum denn nun die Schönen und die Reichen ausgerechnet Santa Fe als zweite Heimat entdeckt haben. "Big Sky!", meint schlicht Robert Naranjo, ein Indianer, der auf dem Marktplatz von Santa Fe echt indianische Töpferwaren an Touristen verscherbelt, die keine Ahnung haben, dass Robert zwar tatsächlich dem Stamm der Zunis angehört, aber ursprünglich aus New Jersey stammt und sein Geld als Trucker verdiente, bevor ihm seine Frau abhanden kam, was ihn - warum auch immer - nach Santa Fe führte, wo er prompt sein künstlerisches Talent entdeckte.

Recht hat der Indianer

Die fast unfassbare Weite des Landes inspirierte schon Künstler wie Georgia O’Keefe und Ansel Adams, die die Stadt und die Landschaft berühmt gemacht haben. Der Horizont scheint unendlich weit entfernt, was in der Vergangenheit sowohl ganze Indianerstämme als auch mexikanische Kolonialisten und ur-kapitalistische Eisenbahn-Barone - in dieser Reihenfolge - dazu brachten, sich in SFNM (Santa Fe, New Mexiko) anzusiedeln. Und dann das Klima! Santa Fe liegt in einer Hochwüste: im Sommer ist die Höhenluft durchweg heiß und trocken, im Winter kann man in der Nachbarschaft schön Skifahren.

In den letzten Jahren kamen noch Hunderte von Galerien, vor allem auf dem Canyon Drive, hinzu: Der Katalog mit allen Kunstgallerien Santa Fe’s umfasst 200 dicke Seiten. Meist verkaufen die Emporen mehr oder weniger ansehnliche Kunst, oft von lokalen Künstlern und Künstlerinnen, die sich bis vor kurzem das Zeug gegenseitig selber abkauften. Genügend verfügbares Einkommen war ja da. Gesteuert wurde der Kunstsinn von angesehenen Museen wie dem Georgia O’Keefe Museum, dem Palace of the Governors und dem Museum Hill, einer Ansammlung sehenswerter indianischer Kunst über den Dächern von Santa Fe.

Die Bürgersteige werden früh hochgeklappt

Da darf die entsprechende Hotellerie und Gastronomie natürlich nicht fehlen. Zwei der schönsten Hotels des amerikanischen Südwesten liegen in Sante Fe zwei Steinwürfe voneinander entfernt – das Inn of the Anasazi und das La Posada Resort & Spa sind wunderbare Beispiele dafür, wie man Gäste verwöhnen kann. Das La Posada eröffnete vor einigen Wochen ein bezauberndes Wellness-Zentrum, das es mit den besseren der Welt aufnehmen kann. Und die hervorragenden und erstaunlich bezahlbaren Restaurants wie The Compound oder Santa Café zählten plötzlich coole Metropolisten zu ihren Gästen, die anstatt Hermes lieber Ed Hardy trugen, und chromblitzende Cadillacs machten etwas Platz auf den Kies-bestreuten Parkplätzen für aufgedonnerte 79er Broncos. Das Restaurant Fuego im La Posada kann es mit den besten Häusern in New York und San Francisco aufnehmen.

Auch für Abendstimmung ist gesorgt. Neben heiteren "Hick Bars" wie dem Cowgirl Pickup gibt es edle Late-Night-Hangouts wie dem Dragon Room, der Bar im Bullring oder dem Swig Club. Wiewohl man sagen muss, dass Santa Fe’s Bürgersteige generell recht früh hochgeklappt werden: die Sperrstunde um 2 Uhr morgens wird trotz des umtriebigen hiesigen Uni-Völkchens selten überschritten. Und das, obwohl die lokalen Sheriffs mehr damit zu tun haben, die Touristenströme auf dem Marktplatz zu regeln, als Nachtschwärmer auf Drogenverstöße zu überprüfen.

Frühmorgentliches Glück

Aber es wäre auch schade, die Nacht zum Tag zu machen in Santa Fe, denn die Umgebung ist am besten frühmorgens zu genießen. Sehr früh morgens. Einen Sonnenaufgang in Tent Rock, einer magischen Felsformation südwestlich der Stadt, vergisst man nie wieder. Die uralten Indianer-Pueblos von Bandelier und den Puye Cliffs muss man erwandern, um ihre atemberaubende Schönheit zu genießen. Dann beginnt man langsam zu verstehen, warum Robert Naranjo sein Glück in Santa Fe wieder gefunden hat. Er und Hunderttausend glückliche Bewohner.


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