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Sea Cloud II: Große Freiheit unter Segeln

Ein Segeltörn ist keine Tour auf dem Rhein. Aber auch kein Trip auf einem der seelenlosen Ozeanriesen. stern.de-Autor Oliver Jacobi erlebte auf der Sea Cloud II einen höllischen Ritt auf dem Atlantik.

Die Sea Cloud II ist ein wahrlich stolzer Segler. Als Dreimaster ist er dem Schwesterschiff Sea Cloud nachempfunden - der in den 30er Jahren größten privaten Segelyacht der Welt. Und exklusiv geht es auch auf dem Pendant zu. Höchstens 94 Gäste können sich auf knapp über 100 Meter Planken ein ungestörtes Plätzchen suchen.

Ruhig und beschaulich ist es an Bord trotzdem nicht immer. So wie an diesem Tag in schwerer See. Plötzlich scheppert es. Die Aufbauten des üppigen Büffets brechen wie bei einem Dominospiel nacheinander in sich zusammen. Die letzte lange Welle hat das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen gebracht. Ein Tag auf See - der Atlantik zwischen Madeira und den Kanarischen Inseln. Lange Wellen mit drei bis sieben Metern Höhe lassen das Schiff kräftig rollen. Die Sea Cloud II hat auf allen drei Masten volle Segel gesetzt und liegt optimal im Wind. Das sagt aber noch nichts über die Zustände an Bord aus. Oder die Gefühlslage der Passagiere. Wer denkt, dass eine Kreuzfahrt zwangsläufig ein langweiliger Spaziergang ist, der irrt. Nachdem sich die Aufbauten für das Büffet verabschiedet haben, senkt sich der über 100 Meter lange Rahsegler in das nächste Wellental. Die Liegestühle samt Gästen nehmen den gleichen Kurs und stoppen erst dort, wo Ihnen etwas im Weg steht. Im Zweifel die Brüstung. Wie von Geisterhand bewegt rutscht alles wieder an den ursprünglichen Platz zurück als sich das Schiff über den Wellenkamm auf die andere Seite neigt. Nur die zerbrochenen Gläser und Tassen bleiben unwiederbringlich verloren auf den Planken zurück. Erstaunlich mit welcher Gelassenheit die meisten Passagiere das Geschaukel hinnehmen. Manch einer schaut noch nicht einmal von seinem Buch auf. Routiniers, die die Weite des Meeres und seine Urgewalt lieben.

Kreuzfahrt unter Segeln verheißt Abenteuer und Freiheit

Und es stimmt. Erst wenn die See sich hebt, fängt das Schiff an zu leben. Nur dann können Segel gesetzt werden, mit Glück ohne die Unterstützung der Maschinen. Dann hört man nur noch den Wind und das Meer. Trotz der Dünung auf See: Heute ist ein herrlicher Sonnentag mit sommerlichen Temperaturen - und das im November! Trotzdem reicht das Geschaukel aus, um weniger Passionierte ordentlich aus der Ruhe zu bringen. Vor allem die Damen mittleren Alters und jüngere Herren scheinen empfänglich für Seekrankheit zu sein. Ein sportlicher Schweizer hat sich schon bei der Ausfahrt aus dem Hafen von Cadiz unter Deck verzogen und seitdem ein grünliches Gesicht. Einen Tag später hat es einen Junggesellen aus Österreich erwischt, dessen Kreislauf mit dem auf und ab nicht mehr klar gekommen ist. Im Gegensatz zu den Damen und Herren um die 50: Eine illustre Schar von Individualisten aus Schweden, der Schweiz, Deutschland, Finnland und den USA wussten, was sie erwartet. Ein Törn auf dem Atlantik im Herbst ist keine Tour auf dem Rhein. Aber auch kein Trip auf einem dieser seelenlosen Ozeanriesen, die wie ein Hochhaus bewegungslos die Meere durchpflügen und ab und an 2000 Touristen auf verängstigte Inselbewohner loslassen. Die Gäste der Sea Cloud II sind angenehm. Das sagt auch das Personal. Wer sollte es besser wissen?Hier muss niemand etwas beweisen oder erarbeitete Statussymbole einer erfolgreichen Karriere als Trophäe vorzeigen. Also keine Parade von allseits bekannten und zur Schau getragenen Luxuslabels, deren Preis jeder kennt. Das würde auch nicht beeindrucken, sondern nur peinlich berühren. Wer hier an Bord geht, liebt das Meer, die Einfachheit eines Sonnenuntergangs und den Komfort von endloser Zeit. Es sind meist Menschen, die viel gesehen haben und keinen Drang verspüren, Neid schürende Postkarten zu verschicken. Menschen, die ausgeglichen sind und genießen können. Sie suchen das Besondere, deshalb sind sie auf diesem Schiff. Dies entspricht so gar nicht den gängigen Klischees von Kreuzfahrten im Allgemeinen. Zugegeben, viele Vorurteile treffen zu. Aber eben nicht für alle Schiffe. Und schon gar nicht für solche unter Segeln. Eine auf den großen Kreuzfahrern übliche Massenabfertigung ist völlig unvorstellbar. Wer ein wenig von der Mentalität eines Seglers versteht, wird wissen, dass große Roben am Abend genauso verpönt sind, wie die allabendliche Vorführung randvoll gefüllter Schmuckschatullen. Hier geht es um ganz andere Werte. Viel Ruhe, persönlichen Freiraum, eine leichte Brise, ein gutes Buch, sowie einen noch besseren Tropfen. Und natürlich gesetzte Segel, wenn es der Wind hergibt. Denn wir sprechen hier nicht von einer kleinen Nussschale sondern von einem ausgewachsenen Rahsegler mit den Ausmaßen einer Gorch Fock.

Mit dem Unterschied, dass die Kabinen alles andere als spartanisch sind und an Deck alles aus edlem Teakholz gearbeitet ist. Das Essen hat eindeutig Sterne-Niveau. Wer ein Schwimmbad oder ähnlichen Firlefanz braucht, sucht hier vergeblich. Wozu gibt es den Ozean? Mitten im Atlantik zu schwimmen ist ein Gefühl, dass jenseits aller Pool-Romantik pure Glückshormone freisetzt. Das Ganze hat eben einen Hauch Abenteuer. Vor allen Dingen spürt man ständig das Meer.Die zu Wasser gelassenen Bettenburgen töten auf Grund der schieren Größe jedes maritime Gefühl schon im Keim ab. Dies wird oft noch unterstützt von wenig erbaulicher Animation, die selbst stolze Charaktere wie lächerliche Dumpfbacken erscheinen lassen. Die Sea Cloud II hingegen ist eine große Yacht im Stile der 30er Jahre - eine Reminiszenz an das Schwesterschiff Sea Cloud, die im nächsten Jahr 75 Jahre alt wird und einst als Privatyacht gebaut wurde.

Die Matrosen lieben sie mehr als die Seemannsbräute im Hafen

Noch etwas macht die Schiffe der Sea Cloud Cruises so einzigartig: das Personal. Nicht nur, weil sich die Angestellten an Bord aus ca. 20 Nationen zusammensetzen und außergewöhnlich aufmerksam und aufrichtig freundlich sind. Sie lieben das Schiff. In jeder freien Minute wird irgendwo gepinselt, lackiert, geflickt und poliert. Dieser Haltung verdankt das Schiff seinen Zustand. Der Reeder und Eigner, Hermann Ebel, weiß, dass eine solch liebevolle Fürsorge weder mit Autorität noch mit Geld erzwungen werden kann. Dieser Geist schafft eine ganz besondere Atmosphäre, der sich niemand entziehen kann.

Wenn es heißt "Segel setzen" fühlt sich ein jeder an die Tage der großen Abenteurer zurückversetzt. An große Namen erinnert wie Columbus, Magellan oder Marc O'Polo. Heute wissen wir zwar, wohin uns die Reise führen wird, aber der Weg auf einem Segler ist immer ein anderer. Der Wind und die Gezeiten sind launische Gefährten und lassen sich nicht immer vorhersagen noch determinieren. Ob Flaute oder Sturm, auf See und vor Gericht ist man in Gottes Hand. So sagt der Volksmund. Ein erfahrener Kapitän und eine gewachsenen Mannschaft sind sicher eine reelle Größe, auf die man bauen kann. Das ist bei der Sea Cloud II so sicher wie das Amen in der Kirche.Es ist schon ein Schaustück, wenn das Kommando zum Segelsetzen gegeben wird. Gekonnt entert die 20 Mann starke Deckbesatzung die Takelage, balanciert auf den Fußpferden und den Lauftauen bis an die äußersten Rahspitzen. Geschickt lösen sie die Segel, während ihre Kameraden unten auf dem Hauptdeck das Tauwerk von den Nagelbänken abheben. Mit großem Getöse öffnen sich die 3.300qm weißgebleichte Makko-Segel, flattern unschlüssig in der Brise, bis sie dem Wind nachgeben und majestätisch aufblähen. Kein Motorgeräusch stört den Einklang mit der wogenden See, das Geräusch brechender Wellen und das Kreischen der Möwen. Dann braucht es nur einen Platz im Liegestuhl auf dem Lido-Deck, den Blick auf geblähte Segel, blauen Himmel und den Rhythmus der nicht enden wollenden Wellen. Selbst wenig empfindsamen Seelen geht das Herz auf, wenn sich die Sonne blutrot verfärbt und in allen Facetten im Meer versinkt. Diese Augenblicke haben etwas Elementares und Versöhnliches. Ein Moment des völligen Einklangs mit sich selbst und der Natur. Erst wenn wieder fester Boden unter den Füßen spürbar ist, realisiert man, was der Ausflug auf See neben der gewünschten Erholung bewirkt hat: die notwendige Distanz zum täglichen Einerlei, die Sicht für das Wesentliche und ein tiefes Wissen um den Begriff von Freiheit - bis zum nächsten Auftanken in einer Welt unter Segeln.

Oliver Jacobi

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