Tag 8 - Von den Viertausend Inseln nach Pakxe Marihuana und Frangipani


Zwei vom Aussterben bedrohte Arten leben im Gebiet der "Viertausend Inseln" - Delphine und Hippies. Beide lieben es ruhig. Auch wir sind ganz entspannt - selbst beim Schmuggeln.
Von Helge Bendl

Den Fluss als erkennbaren Fluss gibt es hier nicht mehr. Er hat sich in ein einziges großes Feuchtgebiet voller Leben verwandelt, in dem es an jeder Ecke quakt und zirpt, zwitschert und röhrt. Ein Wasserbüffel-Pärchen suhlt sich im schlammigen Wasser, Eisvögel schwirren durch die Luft. Sonst passiert nicht viel. Die französische Mekong-Expedition traf hier vor eineinhalb Jahrhunderten noch auf gefährliche Tiger und Alligatoren. Die haben sich nun verzogen, aber immerhin gibt es noch 200 Arten an Fisch, haben jüngst Biologen herausgefunden. Oberhalb der Klippen der Khon-Wasserfälle haben sie ein einzigartiges Gebiet fast für sich allein, weil hier nur 70.000 Menschen leben. Der Mekong ist auf einer Fläche von gut 50 Kilometern Länge und 15 Kilometern Breite ein Archipel von kleinen Inselchen und Kanälen, Seen und Bächen, Flüssen und Sandbänken. "Si Phan Don" nennen die Laoten diese Region, "Viertausend Inseln".

Dieses Feuchtgebiet im Mekong ist bis heute Lebensraum für zwei vom Aussterben bedrohte Arten - die Süßwasser-Delphine und die Hippies des 20. Jahrhunderts. Die Delphine, die sich schon in Kambodscha in der Nähe des Städtchens Kratie vor uns versteckt haben und sich auch jetzt nicht blicken lassen, leben unterhalb der brausenden Khon-Wasserfälle. Von ihnen soll es hier nur noch etwa zehn Tiere geben und bald vielleicht auch gar keine mehr, aber das wäre geschäftsschädigend für die Bootsbesitzer und so endet vielleicht einmal die Praxis, mit Dynamit zu fischen.

Die Hippies aus Europa und Amerika, die andere vom Aussterben bedrohte Art am Mekong, haben hier noch ein winziges Refugium. Sie leben auf den Inseln oberhalb der Fälle und sind noch etwas zahlreicher vorhanden als die Delphine, auch wenn ihr Lebensraum immer mehr von den Rucksackreisenden okkupiert wird, die Laos als neues Billigreiseziel in Südostasien entdecken. Die Hippies sitzen meist auf den Terrassen ihrer spartanischen Bambushütten, die Nacht für einen Dollar ohne Strom und Wasser, und genießen stumm den Blick auf den Fluss. Beliebtes Gesprächsthema ist die Frage, wie man möglichst preiswert zu einer Verlängerung des Visums kommt. Wenn es dann nach Marihuana riecht, ist das sicher nur purer Zufall.

Ersatzteillager hunderte Kilometer entfernt

Es geht weiter den Mekong hinauf. Zum ersten Mal mit nur einem Boot - das zweite RIB mit dem defekten Getriebe ist auf dem Laster unterwegs in die Provinzhauptstadt Pakxe. Hier gibt es eine der wenigen Brücken über den Mekong und einen Grenzübergang nach Thailand. In Thailand lagert für Notfälle wie diese ein Ersatzmotor, und so sind in der Nacht einige Techniker von Pattaya im Süden des Landes bis an die laotische Grenze gefahren. Sie schmuggeln das Getriebe über die Grenze. Eine legale Alternative bleibt ihnen nicht, wenn die Expedition am nächsten Tag weiterkommen will: Zum Ausfüllen und Bearbeiten der Papiere und Zollformulare lassen sich die Beamten nämlich normalerweise eine Woche Zeit. Als Andy Leemann seine Mechaniker über die Grenze gehen sieht, das Motorteil in der Hand, fällt die Coolness von ihm ab und er zeigt sich erleichtert. "Wir hätten unseren Zeitplan sonst nicht einhalten können. Und damit wäre die ganze Mekong-Expedition in Schwierigkeiten geraten, weil wir nur für ein sehr enges Zeitfenster die Genehmigungen der Regierungen für unsere Fahrt auf dem Mekong bekommen haben." Das Einbauen klappt am Abend nach ein paar falsch angeschlossenen Kabeln innerhalb einer halben Stunde. Und so sind die Boote nur knapp 48 Stunden nach dem Ausfall des einen Getriebes beide wieder einsatzfähig.

Abstecher nach Vat Phou

Während Andy Leemann am Getriebe schraubt, genießt der Rest der Crew eine Touristenfahrt den Mekong hinauf. Hier gibt es noch keine Stromschnellen und bis auf die gelegentliche Sandbank kaum Untiefen, auf die man Acht geben muss - auf dem RIB bleibt Zeit zum Lesen und Entspannen. Nach einem frühen Start, bei dem uns die Schulkinder in ihren Uniformen bestaunt haben, liegen wir im Plan, es sind nur noch zwei Stunden bis nach Pakxe. Deswegen gönnen wir uns einen Abstecher zum Vat Phou, dem wohl berühmtesten Khmer-Tempel außerhalb von Kambodscha. Schon aus der Ferne sieht man den spektakulär über dem Fluss aufragenden Berg, zu dessen Füßen das Heiligtum liegt. Erst seit zweieinhalb Jahren steht die Anlage auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes. Ursprünglich war der Tempel aus dem sechsten Jahrhundert hinduistischen Göttern geweiht, bis im 14. Jahrhundert der Buddhismus Einzug hielt - deswegen sieht man nun nicht mehr die Furcht erregenden Shiva-Figuren, sondern nur noch Buddhastatuen mit ihrem eigentümlich wissenden Lächeln. In der Mittagshitze schleppen wir uns den Prozessionsweg entlang zu den ersten Ruinen, doch die Herausforderung kommt noch: Über unzählige Treppenstufen geht es nach oben, auf der höchsten von drei Terrassen liegt der zentrale Raum. Eine Allee von Frangipani-Bäumen spendet sanften Duft, der sich mit dem Dunst von Räucherstäbchen mischt. Tausende von Gläubigen kommen im Frühling hierher, um ein viertägiges Fest zu feiern, zu dem früher auch die Prinzenfamilie anreiste, bis die Kommunisten sie ins Exil schickten. Heute ist man fast allein bei der heiligen Quelle, dessen Wasser einem Glück bringen soll, auf jeden Fall aber Erfrischung nach dem Aufstieg. Überall liegen hier von den Frauen kunstvoll zusammen gesteckte Opfergaben auf den Steinen, gefertigt aus gefalteten Bananenblättern und einem halben Dutzend weißer, blauer und orangefarbiger Blüten.Höhepunkt aber ist der Blick zurück. An eine Kokospalme gelehnt blickt man nach unten auf die schwarz verwitterten Ruinen, auf das weite Tal des Mekong mit seinen Reisfeldern und in vielleicht fünf Kilometern Entfernung auf das Wasserband, auf dem wir per Schlauchboot gekommen sind und das jetzt wie ein Diamantencollier in der Sonne glitzert.


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