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Follow me: Wenn die Rückenlehne zum Hassobjekt wird

Entspannter fliegen per Knopfdruck: Mit einer zurückgeklappten Rückenlehne kann man im Flugzeug besser dösen. Doch wehe, wenn es der Vordermann macht. Ein Plädoyer gegen die Unsitte des Zurückklappens.

Bei einem Langstreckenflug ist es nicht nur wichtig, neben wem man Platz genommen hat, sondern auch, wer vor einem sitzt. Diese Erfahrung habe ich letzte Nacht mal wieder gemacht. Die verbrachte ich sitzend an Bord eines Airbus A380 auf dem Weg von Singapur nach Frankfurt, ein 13-stündiger Ritt in der Holzklasse.

In den letzten Jahren sind die Sitze von Singapore Airlines selbst in der Economy Class an Bord regelrechte Hightech-Sessel geworden. Neben dem Display für die Bordunterhaltung, der Ladestation für den iPod und USB-Zugang zum Beispiel für die Bearbeitung von Texten mit der Tastatur der Fernbedienung gibt es Fußstützen, einen praktischen Kleiderhaken und eine Aufhängung für ein Wasserglas. Wir haben ja gelernt: Immer viel trinken während des Fluges.

Nur haben die Fluggesellschaften aber die Rechnung ohne den Vordermann gemacht. Die scheren sich kaum darum, was hinter ihrem Rücken passiert. In meinem Fall war es eine Australierin, mit der ich unfreiwillig ins Gespräch kam. Nach dem Dinner stellte sie mit einem spontanen Ruck ihre Rückenlehne auf maximale Neigung. Mir schwappte der halbe Inhalt meines Plastikbechers auf die Hose. Zum Glück war es kein klebriger Singapore Sling.

Ich tippte ihr auf die Schulter und missionierte, dass sich der Knopfdruck für die Lehne auch sanfter bedienen lässt. Sie zeigte Verständnis. Während der restlichen elf Stunden verstanden wir uns. Sie kündigte weitere Lehnenmanöver sogar mit einem kurzen Umdrehen und Blickkontakt an.

Was auf meinem Nachtflug nur ein kleines Malheur war, kann bei anderen Airlines mit engeren Sitzabständen zu Kämpfen unter den Passagieren ausarten. Eine plötzlich zurückgekippte Rückenlehne engt den gefühlten Raum gerade auf Augenhöhe spürbar ein. An das Lesen einer Zeitung ist nicht mehr zu denken - und noch weniger an das Arbeiten mit einem Laptop bei heruntergeklapptem Tischchen.

Für den Amerikaner und Vielflieger Richard A. Moran grenzt das Thema Rückenlehne längst an Freiheitsberaubung. In einem Beitrag auf linkedin.com berichtet er, wie er einmal auf einem Flug von New York nach San Francisco einen Vordermann mit 20 US-Dollar bestochen hat, damit er seine Lehne nicht zurückfährt. Zu seiner Verblüffung reagierte der vor ihm Sitzende nicht mit einer Entschuldigung wie "Keine Ursache, behalten sie den Zwanziger", sondern steckte das Geld ein und drückte nicht auf das Knöpfchen für die Rückenlehne. Aber der Trick funktioniert nicht immer. Auch beklagt sich Moran, dass ihm die Airline die entstandenen Zusatzkosten nicht erstattet. Deshalb hat er seinem Ärger in einem offenen Brief Luft gemacht:

"Sehr geehrte Person vor mir,

ich kenne Sie nicht, aber Ihr Hinterkopf ist im Moment nur zwölf Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Ich kann Ihr Shampoo riechen (es wirkt nicht). Das ist eventuell ein bisschen zu intim für Fremde. Wenn dieses Flugzeug landet, muss ich eine Power-Point-Präsentation halten, die ich noch nicht fertiggestellt habe. Ich wollte das während dieses Fluges erledigen, aber da Sie jetzt beinahe auf meinem Schoß liegen, kann ich meinen Laptop nicht öffnen und nicht arbeiten. Das wird meiner Karriere Probleme bereiten. Würde es Ihnen also etwas ausmachen, sich nach vorne zu bewegen. Vielen Dank!

Hochachtungsvoll, der panische Geschäftsreisende hinter Ihnen."

Moran macht deshalb den Vorschlag, dass in Zeiten, in denen Airlines für jeden Service kassieren, auch Passagiere, die ihre Rückenlehne zurückstellen möchten, extra zahlen sollen - möglichst zugunsten der leidtragenden Fluggäste hinter ihnen. Am liebsten wäre es ihm, wenn ein generelles Verbot des Zurückklappens von Rückenlehnen erlassen wird. Er erinnert daran, dass auch das Rauchen an Bord erfolgreich abgeschafft wurde. So wie die Aschenbecher in der Armlehne erst zugeklebt wurden und später verschwanden, sollte auch der Knopf für die Rückenlehne funktionslos werden.

Wird Moran mit seinem Vorschlag auch bei Flugbegleitern auf offene Ohren stoßen? Ich glaube schon, denn vor jeder Landung gehen die Stewards und Stewardessen durch die Kabine und kontrollieren sämtliche Sitze, dass gefälligst alle Rückenlehnen senkrecht stehen - "die müssen davon so genervt sein", sagt Moran. Die Gewerkschaft der Flugbegleiter würde seiner Idee sicherlich zustimmen.

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