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Follow Me: Bordunterhaltung der Airlines: Das digitale Wettrüsten über den Wolken

Die einen lieben Filme, die anderen sind genervt, auch weil es selten reibungslos funktioniert: Das Inflight Entertainment in Flugzeugen. Doch jetzt steht an Bord ein grundlegender Programmwechsel an.

Inflight Entertainment ANA

Viel schwarze Screens: Nur wenige nutzen das Inflight Entertainment an Bord eines Dreamliners von All Nippon Airways.

Kaum eine Airline kann sich heute noch erlauben, in ihren Langstreckenflugzeugen auf das Display in der Rückenlehne des Vordersitzes zu verzichten. Airlines wie Emirates mit ihrem Bordunterhaltungsprogramm "Ice" mit 2500 Kanälen und Singapore Airlines mit "KrisWorld" und einer Auswahl von 1000 Filmen, TV-Programmen, Musik und Spielen haben Maßstäbe gesetzt. Sie treiben die Branche vor sich her und zwingen Fluggesellschaften zum permanenten Nachrüsten. Doch mit der neusten Generation von Unterhaltungssystemen geht es jetzt weniger um noch mehr Vielfalt und größere Bildschirme, sondern um die höchste Stufe der Individualisierung der Bordunterhaltung.

Wer viel fliegt, ist technikaffin

Fluggesellschaften haben festgestellt, dass heute fast jeder Passagier mit einem Smartphone oder Tablet im Handgepäck reist. "Über 90 Prozent unserer Passagiere bringen schon jetzt ihre eigenen Geräte mit an Bord", heißt es bei American Airlines. Auf ihren Mobilgeräten haben die Kunden Filme, Apps und eBooks gespeichert, die ganz auf die persönliche Bedürfnisse abgestimmt sind - besser als jedes Mainstream-Angebot einer Airline, das es allen Kunden recht machen will.

Damit setzt sich das Phänomen des Second Screen, wie es sich beim Fernsehkonsum vom Sofa aus durchgesetzt hat, auch auf Flügen durch. Doch mit dem Unterschied, dass viele Flugpassagiere den Second Screen zu ihrem ersten machen, um sich auf den Flügen die Zeit zu vertreiben. Die eingebaute Hardware im Flugzeug verkommt dagegen zur Nebensache und zeigt höchstens noch das Kartenbild mit dem Verlauf der Flugroute: "Time to Destintion: 5:15 hours"- noch über fünf Stunden bis zur Landung.

Display IFE  Singapore Airlines

Moderne Displays wie hier im Airbus A380 von Singapore Airlines zeigen den Routenverlauf und die verbleibende Flugzeit an. Gleich daneben ein USB-Anschluss.


American Airlines hat die Konsequenz gezogen und dieser Tage verkündet, dass sie bei ihren 100 bestellen Boeing 737Max, die ab Ende des Jahres zur Flotte stoßen, auf Displays in den Rücklehnen verzichten wird. Stattdessen werden die Maschinen mit Wlan-Servern ausgerüstet, über die gestreamte Unterhaltungsprogramme wie Shows kostenlos auf den eigenen Endgeräten empfangen werden können. Der Zugang zum Internet über den Wolken wird dagegen berechnet: Der Tagespass kostet 16 US-Dollar.

Wie der "Economist" schreibt, spart die Airline mit der neusten Generation des Inflight-Systems nicht nur erhebliche Investitionen von drei Millionen US-Dollar pro Flugzeug für die herkömmlichen Inseat-Screens, sondern langfristig auch Kerosinkosten. Denn ohne Displays und der dafür erforderlichen Verkabelung fallen die Flugzeuge leichter aus - macht in einem Jahr bis zu 90.000 US-Dollar weniger Treibstoffausgaben pro Flugzeug .

Der Trend geht zum Streamen

Die Entscheidung von American Airlines ist für einen Teil der Kurz- und Mittelstreckenflotte gefallen. In den Langstreckenmaschinen möchte die US-Fluggesellschaft - wie auch viele Mitbewerber - am fest eingebauten Display festhalten. Denn die kleinen Klapptischchen bieten nicht genügend Platz für beides: für ein 10-Zoll-Tablet und ein Tablett mit der Hauptmahlzeit. Konflikte mit umkippenden Flüssigkeiten und dem teuren iPad wären sonst vorprogrammiert.

Doch die Hersteller von Flugzeugsitzen sind schon einen Schritt weiter: Recaro bietet einen Sitz mit integrierter Halterung für Tablets an. Die Leichtbausitze werden zum Beispiel seit vergangenem Herbst im Rahmen der Kabinenmodernisierung der portugiesischen Fluglinie Tap sukzessive in die A319-, A320- und A321-Flugzeuge eingebaut.

Recaro BL3710

Diese neue Generation von Recaro-Sitzen bieten auch eine Abstellmöglichkeit für den eigenen Tablet-Computer


Auch schreitet bei Lufthansa, bei der das Internet bereits im Jahre 2003 als erste Airline weltweit das Fliegen lernte, seit diesem Januar die Digitalisierung der Europa-Flotte voran. Hier lautet das Motto ebenfalls: "Bring-your-own-device" (BYOD). Mit der vor Reiseantritt heruntergeladenen "Lufthansa Entertainment App" lassen sich Filme, TV-Programme und Musik nutzen. Hinzu kommt die Ausstattung mit Internetzugängen, die zur Einführung in drei gestaffelten Datenpaketen je nach Bandbreite für drei, sieben und zwölf Euro angeboten werden.

Mit der Indienststellung des neuen Langstrecken-Airbus A350 ab 10. Februar kommt gleichzeitig die "Lufhansa Companion App", mit der man sich bereits zu Hause eine Playlist für den Flug zusammenstellen kann und an Bord den Bildschirm steuern kann. Im Zuge der Digitalisierung hat die Kranich-Airline zu Jahresbeginn auch das Lektüreangebot umgestellt: Statt Gedrucktes gibt es auch in der Economy Class eine Auswahl von 250 Zeitungen und Zeitschriften - als PDF-Datei für Tablet-PCs.

Auch die Tochter Eurowings setzt bei Kurzstrecken auf gestreamtes Entertainment und bei Langstrecken auf ein Parallelsystem mit Inseat-Bildschirm und wireless Video-Inhalten für das eigene Endgerät - je nach Buchungsklasse und Datenvolumen werden zwischen 3,90 und 18,90 Euro fällig.

Display Economy Class

Familien schätzen umfangreiche Unterhaltungsprogramme: So sind Kinder auf einem Langstreckenflug stundenlang beschäftigt

Zwei Trends sind festzustellen

Zum einen dreht sich das digitale Wettrüsten um einen schnellen und bezahlbaren Internetzugang in Flugzeugen - ähnlich wie auf Kreuzfahrtschiffen. Der Billigflieger Norwegian macht es mit kostenlosem Wlan auf seinen Europa-Flügen vor. Zum anderen setzen die Airlines auf preiswerte Streaming-Systeme und eine Stromversorgung über eine USB-Buchse an jedem Sitzplatz. Das entspricht eher einem Abrüsten, denn die Erneuerungszyklen der Hardware werden so auf den Kunden verlagert.

Fluglinien, die ganz auf Displays verzichten, können allerdings vor dem Start die Sicherheitsanweisungen nicht per Video ihren Passagieren vorspielen. So kommen die Fluggäste auch zukünftig in den Genuss des "Sicherheitsballetts" der Flugbegleiter im Gang. Die Demonstrationen mit dem Anlegen der Schwimmwesten müssen nicht staubtrocken sein, sondern können auch witzig sein, wie viele Youtube-Videos belegen - das ist Bordunterhaltung live vor dem Start.

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