Flugreisen Wasser ist bis London auszutrinken


Was darf ich noch mit an Bord nehmen und was nicht? Viele Flugreisende sind verunsichert. Dabei hat sich grundsätzlich gar nichts geändert. Noch nicht.
Von Jens Maier

Die gute Nachricht vorweg: Für alle Passagiere, die von deutschen Flughäfen aus in die Luft gehen und kein Ziel in den USA haben, hat sich nach den vereitelten Anschlägen von London nichts geändert. "Sie dürfen nach wie vor Ihre Flasche Wasser oder Ihr Shampoo mit an Bord nehmen", bestätigte Carola Wunderlich von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) gegenüber stern.de. Es sei sehr viel Unsinn über Sicherheitsrichtlinien verbreitet worden, was zu viel Verwirrung bei Passagieren führe, sagte Wunderlich. Das seit dem 10. August gültige Verbot, im Handgepäck Flüssigkeiten mitzuführen, gelte aber nur auf Flügen in die Vereinigten Staaten sowie für Flugzeuge US-amerikanischer Gesellschaften. "Auch auf Flügen nach Großbritannien gelten keine verschärften Vorschriften", stellte Wunderlich klar.

Täglich neue Meldungen über veränderte Vorschriften und Flugbedingungen und ihre unterschiedliche Handhabung haben Flugpassagiere sehr verunsichert. Kompliziert wird es bei allen Flügen in die USA: "Wer beispielsweise einen Lufthansa-Flug von Frankfurt nach New York mit Zwischenstopp in London hat, darf seine Flasche Wasser in Deutschland mit an Bord nehmen. Allerdings muss er sie bis London ausgetrunken haben, denn von London nach New York gilt das Verbot von Flüssigkeiten an Bord", erklärt Wunderlich.

Unmut über britische Regelung

Beim Umsteigen in London kann es dann allerdings noch komplizierter werden. Nach neuen Regeln können Passagiere Handgepäck zwar wieder mit an Bord nehmen, jedoch nur ein Stück. Zudem darf es nach Angaben des britischen Transportministeriums nur noch halb so groß sein wie bisher. Flüssigkeiten sind darin weiterhin verboten. Elektronische Geräte wie Handys und Laptops seien hingegen wieder erlaubt, teilte der englische Flughafenbetreiber BAA mit. Diese Vorschriften gelten für alle Flüge, die von Großbritannien aus starten - egal mit welchem Ziel.

Mit dieser Regelung hat sich die britische Regierung bereits den Unmut mehrerer Fluggesellschaften zugezogen. Was sei aus Sicherheitsaspekten der Unterschied, ob man eine Tasche in der Größe eines Laptops oder eines normalen Handgepäck-Trolleys mit an Bord nehme, wunderte sich Ryanair-Chef Michael O’Leary am Mittwoch in einem Fernseh-Interview. Die neuen Richtlinien für Handgepäck seien "sinnlos", sagte O'Leary wörtlich. Ryanair erwäge, gerichtlich gegen die Regierung vorzugehen, "so dass die Flughäfen wieder zur Normalität zurückkehren können". Auch British Airways droht bereits mit einer Klage. Grund: Die Ausweitung der Sicherheitskontrollen an den Flughäfen treibt die Kosten für Flugreisen in die Höhe.

Höhere Kosten für Sicherheit

Auch für Flugpassagiere könnte dies bald schlechte Nachrichten bedeuten, nämlich dann, wenn die gestiegenen Kosten an die Gäste weitergereicht werden. Nach dem Terroralarm in London werde der Aufwand für die Sicherheitskontrollen noch einmal deutlich erhöht, pro Passagier könne dies schnell drei bis vier Euro ausmachen, sagte Lufthansa-Vorstandschef Wolfgang Mayrhuber in einem Interview der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

In Deutschland zahlen Passagiere automatisch mit dem Ticket eine Sicherheitsgebühr, die von den Fluggesellschaften an den Staat abgeführt wird. Dieser beauftragt dann Unternehmen mit der Kontrolle zum Beispiel des Gepäcks. Die Passkontrolle erfolgt dagegen unabhängig davon von der Bundespolizei. Die Sicherheitsgebühren können bis zu zehn Euro betragen. Am größten deutschen Flughafen in Frankfurt werden zum Beispiel nach einer Übersicht des Bundesverkehrsministeriums pro abfliegenden Passagier derzeit 7,08 Euro verlangt, zum 1. November steigt die Gebühr auf 7,23 Euro.

Schneller Check-In vorbei

Für Geschäftsreisende könnte es zudem bald mit dem schnellen Check-In vorbei sein, nämlich dann, wenn europaweit eine Größenbeschränkung für Handgepäck in Kraft tritt. Die EU-Innenminister wollen europaweit einheitliche Sicherheitskontrollen auf den Flughäfen einführen. Auch Duty-Free-Läden könnten unter den neuen Bestimmungen leiden. Schon jetzt werden an den Londoner Flughäfen kaum noch Wein, Spirituosen und Parfüms verkauft, da diese nicht im Handgepäck mit an Bord genommen werden. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hat sich für ein EU-weites Verbot von Flüssigkeiten im Handgepäck von Flugzeugpassagieren ausgesprochen, was dann auch den Shops in Deutschland schaden würde.

Bei der Neubestimmung der Sicherheitsmaßnahmen müsse aber Augenmaß bewahrt werden, sagte Schäuble. Es gehe um ein Kontroll- und Sicherheitsniveau, "das wir dauerhaft den Passagieren zumuten können". Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, "dass wir erst ganz hektisch reagieren und dann wieder so tun, als wäre nichts gewesen". Was dauerhaft zumutbar ist, ist derzeit mehr als unklar. Vor den Augen von Sicherheitsbeamten von der Babynahrung seines Kindes probieren zu müssen, könnte bald dazu gehören.


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