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Tausende Urlauber sitzen fest: Fluglinien stellen reihenweise Sinai-Flüge ein

Nach britischen Fluglinien stellen auch deutsche und Schweizer Airlines ihre Flüge nach Sharm el Sheikh ein. Das Auswärtige Amt hat seine Sicherheitshinweise für Ägypten aktualisiert.

Fluggäste in der Abfertigungshalle in Sharm el Sheikh. Eigentlich sollte in dem  ägyptischen Badeort die Hauptsaison jetzt erst richtig losgehen.

Fluggäste in der Abfertigungshalle in Sharm el Sheikh. Eigentlich sollte in dem  ägyptischen Badeort die Hauptsaison jetzt erst richtig losgehen.

Die britische Regierung hält es für wahrscheinlich, dass Terroristen das in Sharm el Sheikh gestartete russische Passagierflugzeug über dem Sinai mit einer Bombe zum Absturz gebracht haben. Aus Angst vor Terroranschlägen wurden nicht nur alle Flüge zwischen dem Urlaubsort am Roten Meer und Großbritannien gestoppt, sondern am Donnerstag haben auch weitere europäische Airlines ihre Flüge zur Sinai-Halbinsel storniert.

Der angekündigte Flugstopp nach Sharm el Sheikh betrifft zwei geplante Flüge der Gesellschaften Eurowings ab Köln/Bonn und Edelweiss ab Zürich, wie die Muttergesellschaft Lufthansa mitteilte. Kairo wird aber von der Lufthansa weiterhin angeflogen.

Die Flugzeuge von Air Berlin und ihrer österreichischen Tochter Niki machen wegen des Flugzeug-Absturzes auf dem Sinai ebenfalls einen Bogen um die ägyptische Halbinsel. Es wird eine Route weiter westlich geflogen. Die zweitgrößte deutsche Airline fliegt in Ägypten nach Hurghada und Marsa Alam. Der nächste Vollcharter-Flug von Niki nach Sharm el Sheikh an diesem Samstag werde derzeit überprüft.

Die Ferienflieger Condor und Tuifly umfliegen den Sinai ebenfalls. Sharm el Sheikh sei von diesen Airlines auch vorher nicht angeflogen worden, teilte der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrsgesellschaft (BDL) in Berlin mit. In Zusammenarbeit mit dem Auswärtigem Amt würden Sonderflüge koordiniert, um Urlauber auszufliegen. Ägyptenreisende, die eine Pauschalreise gebucht haben, wenden sich am besten an Reiseveranstalter, Individualreisende an ihre Fluggesellschaft.

Bis zu 20.000 Urlauber hängen fest

Am Donnerstag sind nach britischen Angaben 19 Flüge von Sharm el Sheikh nach Großbritannien ausgefallen. Die Fluggesellschaften Easyjet, Thomson Airways, Thomas Cook und British Airways haben nach eigenen Angaben ihre Flüge zum Airport gestrichen oder aufgeschoben. Mindestens 9000 Briten sitzen in der Urlaubsregion fest, wie der Verband Abta in London mitteilte. In diplomatischen Kreisen in Ägypten ist sogar von 20.000 Briten die Rede.

Nach Angaben des Deutschen Reiseverbands (DRV) befinden sich derzeit rund 2000 deutsche Gäste in Sharm el Sheikh und im nahe gelegenen Dahab. "Das Reiseziel auf der Sinai-Halbinsel ist ein vor allem bei britischen Urlaubern beliebtes Reiseziel. Die Mehrzahl der deutschen Gäste - über 90 Prozent - besucht die Badeorte des Roten Meers auf dem Festland wie zum Beispiel Hurghada und Marsa Alam", heißt es in einer Pressemitteilung.

Teilreisewarnung des Auswärtigen Amtes

Das Auswärtige Amt in Berlin hat seine Reise- und Sicherheitshinweise heute aktualisiert. "Die Absturzursache ist noch nicht geklärt. An den laufenden Untersuchungen sind auch deutsche Experten beteiligt", heißt es auf der Website. "Der Flugverkehr von einigen europäischen Staaten von und nach Sharm el Sheikh wurde vorübergehend eingestellt. Betroffenen wird empfohlen, Kontakt zu ihrem Reiseveranstalter oder ihrer Fluggesellschaft aufzunehmen."

Auch besteht weiterhin eine Teilreisewarnung für Ägypten: "Bei Reisen nach Ägypten einschließlich der Touristengebiete am Roten Meer wird generell zu Vorsicht geraten." So sei im Juli am Stadtrand von Kairo ein kroatischer Geschäftsmann entführt und offenbar im August getötet worden. Auch war das italienische Konsulat in Kairo Ziel eines Anschlags gewesen, bei dem eine Person getötet wurde. Vor der Tempelanlage von Karnak bei Luxor kamen im Juni 2015 bei einem vereitelten Anschlagsversuch zwei Angreifer ums Leben.

Wie prekär die Sicherheitslage in Ägypten ist, dokumentiert ein Zwischenfall Mitte September, als in der westlichen Wüste bei Farafra eine Touristengruppe versehentlich durch ägyptische Sicherheitskräfte beschossen wurde und mehrere Todesopfer zu beklagen waren.

Sinai-Halbinsel meiden

Die ägyptische Sinai-Halbinsel an der Nahtstelle zwischen Afrika und Asien hat sich seit dem Sturz des Machthabers Husni Mubarak 2011 mehr und mehr zu einer Unruheregion entwickelt. Seit Jahren vernachlässigt die Regierung vor allem den Norden des Sinais. Weite Teile dort sind wegen Extremistengruppen zum militärischen Sperrgebiet erklärt worden. Deshalb heißt es auch auf der Website des Auswärtigen Amtes: "Vor Reisen in den Norden der Sinai-Halbinsel und das ägyptisch-israelische Grenzgebiet wird dringend gewarnt."

Der Absturz der russischen Passagiermaschine am vergangenen Wochenende trifft Ägypten zur Unzeit. Jetzt beginnt die Hauptsaison. Doch die Regierung in Kairo will unbedingt den Eindruck vermeiden, das Land sei ein gefährliches Ziel. Sicherheit ist nicht nur wichtig für die Ägypter, sondern auch für eine der Hauptdevisenquellen des Landes: den Tourismus. Er macht rund elf Prozent des ägyptischen Bruttoinlandsprodukts aus. Branchenberichten zufolge reisten 2014 allein drei Millionen Russen nach Ägypten.

Bereits in den vergangenen Jahren hat der Tourismus am Nil arg unter den Folgen des Aufstands gegen Mubarak und die unruhigen Jahre danach gelitten. In den vergangenen Monaten keimte Hoffnung auf, weil sich immer mehr Touristen wieder nach Ägypten wagten.

Sollte jedoch tatsächlich eine Bombe den russischen Airbus zum Absturz gebracht haben, wäre das ein empfindlicher Schlag für das gesamte Land.  "Wenn es tatsächlich ein Terroranschlag war, der das Flugzeug abstürzen ließ, dann wird der Tourismus in Ägypten schlicht sterben", fürchtet Hamada Nagi von einem Reiseanbieter in Hurghada.

tib mit Agenturen

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