Touristischer Kulturkampf Die Russen kommen


Die Deutschen müssen um ihren Titel "Reiseweltmeister" bangen. Bei den Russen, Chinesen und Arabern wächst das Fernweh. Sie drängen zuhauf an die Lieblingsstrände der Bundesbürger und zahlen auch noch mehr. Das spüren die deutschen Veranstalter. Sie bekommen nicht mehr die besten Hotels - und überall steigen die Preise.
Von Brigitte Zander

Peter Mario Kubsch, Chef von Studiosus Reisen, erinnert sich noch wehmütig an vergangene goldene Zeiten, als er mit seinen Kultur-Reisegruppen von den Hoteliers mit offenen Armen empfangen wurde, sich die Herbergen aussuchen und über die Preise reden konnte. "Heute gibt es keine günstige Nebensaison mehr. London ist im nasskalten Januar ebenso voll wie Rom im schweißtreibenden August." Bei Preisverhandlungen bleiben die Bettenbesitzer folglich knallhart. "Dann nehme ich eben die anderen". Die Russen, Inder, Brasilianer oder die reichen Scheichs mit ihrem Riesengefolge. Die reisen rund ums Jahr an und werfen auch noch mit Trinkgeld um sich.

"Die Dominanz des deutschen Marktes ist vorbei", resümiert Kubsch. "Wir bekommen nicht mehr die besten Hotels zur besten Jahreszeit. Und keine Schnäppchen". Im internationalen Bieterwettbewerb fällt Deutschland zurück. Wenn die Hoteliers in den Weltmetropolen und touristischen Hotspots wie Venedig, Florenz oder Nizza 30 Prozent mehr verlangen, zahlen andere Nationen ohne Wimpernzucken.

Die geballte Konkurrenz steigert auch die Eintrittspreise der gefragten Sehenswürdigkeiten, zum Beispiel für Pyramiden, Paläste und Museen. "Allein die Tickets für eine zehntägige Ägyptenreise kosten heute 350 Euro. Früher nur ein paar Mark" erinnert sich der Studiosus-Chef. "Die Preise verdoppeln sich jährlich." Nicht nur in Ägypten. Trotzdem sind die internationalen Museen rappelvoll. Bei den Vatikanischen Museen beispielsweise muss eine Reisegruppe für Hochsaisontermine wie Ostern ein Jahr vorher angemeldet werden. "Bei uns geht 365 Tage zuvor, pünktlich um null Uhr eins, die Reservierung raus", verrät Kubsch. Einzelreisende stehen vor begehrten Ausstellungen drei, vier Stunden in der Warteschlange, wenn die nicht überhaupt "wegen Überfüllung geschlossen" ist.

Nur noch in der zweiten Liegestuhlreihe

"Und das ist nur die Spitze des Eisbergs", sagten erfahrene Touristiker auf einer Tagung des "Studienkreises für Tourismus und Entwicklung" in Starnberg. Auch an den beliebten Strandzielen müssen die Bundesbürger kleinere Brötchen backen. Die fernwehsüchtigen Heerscharen aus neuen Reisenationen mit neuem Geld und frischen Pässen wachsen jährlich um bis zu 70 Prozent und verdrängen die Bundesbürger aus der ersten Liegestuhlreihe am Meer und Pool.

Eine Untersuchung des Studienkreises belegt die Völkerwanderung. Im vergangenen Jahr unternahmen 18,5 Millionen Russen eine Auslandsreise; über zwei Drittel gab "Urlaub" als Reisegrund an. Gleichzeitig drängten 13,6 Millionen Chinesen, 13 Millionen Golfstaaten-Bewohner, weit über fünf Millionen Inder und über drei Millionen Brasilianer in die Fremde. "Und das ist nur der Anfang, uns erwartet eine Touristenflut aus den menschenreichen Ländern", ahnt der Leiter des Studienkreises Armin Vielhaber.

Lange reglementierten Eiserne Vorhänge, Chinesische Mauern und Armut brennende Reiseträume. Jetzt werden die Koffer gepackt. 2007 wagte sich nur 1,3 Prozent der Milliardenbevölkerung Chinas über die eigenen Landesgrenzen. Aber schätzungsweise sechs bis acht Prozent verdienen genug Geld für Auslandsreisen. Und diese hundert Millionen werden kommen", ahnt Vielhaber. Eine ähnliche Touristeninvasion droht aus Russland und anderen GUS-Staaten, wo der Mittelstand wächst und nun genügend Rubel verdient, um mehr von der Welt zu sehen als Omas Datscha.

Das Lieblingsziel Antalya wird russisch

Schon im vergangenen Jahr jetteten 2,5 Millionen Russen in das nahe Sonnenziel Türkei und weitere 1,3 Millionen nach Ägypten, wo sie nun als Nummer eins auf der Gästeliste stehen. Weit vor den Deutschen. Die gesamten GUS-Touristen - es kommen auch viele Ukrainer und Georgier - stellen mit 4,82 Millionen Türkeiurlaubern heute schon die Mehrheit. Schon in den ersten sieben Monaten dieses Jahres zählte das Fremdenverkehrsamt der Provinz Antalya 1,27 Millionen russische Gäste und nur 1,21 Millionen aus Deutschland. Auch andere traditionelle Stammziele der Bundesbürger wie Zypern, Süd-Spanien, Dubai und Thailand werden zügig erobert.

In Skidorados wie Kitzbühel und St. Moritz rollt der Rubel schon längst. Deutsche Veranstalter fliehen. "Für uns sind die beiden Orte tabu", sagt Dietmar Gunz, Chef von FTI-Touristik. Soll heißen: preislich versaut. Aus der Vertriebenen-Sicht gewinnt daher der Münchner Reisemanager der weltweiten Finanzkrise sogar einen positiven Aspekt ab: "Sie bremst vermutlich auch die russischen Oligarchen".

Für Urlauber aus Good Old Germany wird es enger auf dem Globus. Die angestammten Ferienkolonien voll heimischer Gemütlichkeit mit Weißbier, Filterkaffee und geordneter Mülltrennung sind in Gefahr. Schon taucht kyrillische und indische Schrift auf den Speisekarten auf. Es gibt Borschtsch statt Bratwurst. Neben atemberaubenden Tangas und Stöckelschuhen Moskauer Schönheiten wirken Adidas-Schlabberhosen samt weiß besockter Sandalen gesetzter Durchschnitts-Deutscher ziemlich bieder.

Wo steht der Safe?

Die neue Weltenbummler-Ära begann vor einigen Jahren in der Türkei. Per Charterflieger fielen die ersten Russen zum All-Inclusive-Urlaub in Antalya ein. Der Hotelier Yusuf Hacisüleyman erinnert sich: "Die neuen Gäste schleppten mangels Kreditkarten Bargeld in Bündel an und fragten als erstes nach dem Safe." Dann stürmten sie ausgehungert das Büffet, später die Bar, wobei die deutschen Stammgäste stets den Kürzeren zogen. Die konnten dafür morgens um sechs, vor dem Frühstück, noch ungestört die Poolliegen mit ihren Handtüchern blockieren. Doch wenn gegen Mittag die Russen nach disko-durchtanzter Nacht ihren Rausch ausgeschlafen hatten, räumten sie ungeniert die fremden Belegstücke weg. "Die Russen fressen, feiern, saufen....", meldete "Bild" vom Tatort.

Die türkischen Hoteliers mussten extra Wodka-Lieferverträge für die osteuropäischen Gäste abschließen. Trotzdem lohnte sich das Geschäft, denn die zahlten auch den doppelten Zimmerpreis und knauserten nie mit Trinkgeld. "Wir haben schnell Dobre utra (guten Tag) und Nastrovje (Prost) gelernt", gesteht Yusuf. Auch die Herzen der Teppichhändler und Souvenirverkäufer gewannen die spendablen Russen im Sturm, weil sie auf ihren obligatorischen Shopping-Rundfahrten stets in Kaufrausch gerieten. Während die routinierten deutschen Gäste zu dem Zeitpunkt schon ihre türkischen Teppich zuhause hatten und nörgelig abwinken.

Eine Geiz-ist-Geil-Mentalität schafft keine Freunde. Auch die Reiseängste nach Terroranschlägen, Vogelgrippe und Unwetter machte die Teutonen bei türkischen und ägyptischen Hoteliers nicht beliebter. Treulos füllten die ihre Bettenburgen dann eben mit der Konkurrenz. Die Russen gelten als terrorstabil, unkompliziert, und weniger preissensibel. Und sind deshalb als Gäste begehrt. Trotz ihres Lärmpegels.

Das merkt die deutsche Ferienbranche. "Unsere eigenen Hotels und -beteiligungen lindern das Verdrängungs-Problem", heißt es bei der TUI in Hannover beschwichtigend. Aber mittelgroße Veranstalter wie FTI-Chef Dietmar Gunz geben offen zu: "Klar, die Russen haben uns Kapazitäten weggenommen". Und die Preise hochgeschraubt.

Vertreibung aus dem Paradies

Das Ferienzentrum Kemer an der türkischen Südküste ist inzwischen fest in russischer Hand. Auch in Aksu bei Antalya fühlen sich russische Gäste ganz zuhause; dort steht das Hotel "Kremlin Palace", eine verkleinerte Kopie des Moskauer Bauwerks. Dafür halten die Bundesbürger ihren Platzhirsch-Status in Side. Um Ärger zu vermeiden, versuchen Hoteliers, die Gästeströme in den "touristischen Volumendestinationen", wie es im Branchenjargon heißt, nach Herkunft zu steuern.

Vermutlich läuft der Trend in Richtung solcher Nationen-Ghettos. Wie auf Mallorca, wo Ruhe herrscht, seit die deutschen "Ballermänner" östlich von Palma in Arenal hausen, und die britischen an der süd-westlichen Küste bei Magaluf. Viele Urlauber sind in der Ferne sowieso gern unter Landsleuten. Wer sich als Minderheit im fremden Sprachgewirr unwohl, gar diskriminiert, fühlt, "sollte die Veranstalter-Kataloge genau lesen und sich im Reisebüro beraten lassen", empfiehlt man bei Öger Tours in Hamburg. Spricht man auch im Kinderklub deutsch? Oder gilt das Ziel als "international"? Wie die Mega-Anlage "Rixus Premium" oder das Fünf-Sterne-Hotel "Kempinski" in Belek, wo eine Woche Halbpension in der Hochsaison locker 1300 Euro kostet. Pro Person.

"Je mehr Sterne, desto weniger Probleme", weiß man beim Türkeispezialisten Öger. Das teure Publikum, gleich aus welchem Land, habe zuviel Niveau, um sich um Trivalitäten wie Schnitzel und Liegestühle zu streiten.

Die Russen kommen

Während deutsche Pauschalurlauber im Ausland noch vor der Schreckensvision warnen: "Die Russen kommen!", ergießen sich die Reiseströme aus Moskau und Petersburg schon über deutsche Kur- und Ferienorte. Über Baden-Baden, Bad Kissingen oder Garmisch. Gastronomen und Ladenbesitzer begrüßten die Invasion mit "Hurra", denn dank der östlichen Kaufkraft fließt der Champagner wieder in Strömen, der Umsatz von Kuckucksuhren und Goldschmuck steigt. Da lohnt das Investment in mehr russisch sprechende Skilehrer und Kellner. Derweil investieren russische Multimilliardäre in unsere Tourismusindustrie. Der Stahlbaron Alexej Mordaschow ist mit seinen 15,3 Prozent Anteilen bereits Hauptaktionär am TUI-Konzern. Sein Landsmann Alexander Lebedew steigt gerade mit über 75 Prozent bei Öger ein. Die Bocholter Charter-Airline Blue Wings gehört dem Ex-KGB-Mann schon zu 48 Prozent. Umgekehrt unterhält die TUI ein Joint Venture mit dem Moskauer Reiseveranstalter Mostravel, um gemeinsam touristischer Marktführer in Russland und den GUS-Staaten zu werden. "Wir Touristiker kennen keine Berührungsängste", sagt TUI-Sprecher Michael Blum.


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