Thailand, Sri Lanka, Malediven Warten auf Touristen


Wer jetzt an den Indischen Ozean reist, unterstützt die Menschen vor Ort. Denn hier lebt oft jeder Zweite vom Tourismus. Drei stern-Teams erkundeten die Rückkehr zur Normalität - und entdeckten Hotels und Strände, die der Gast fast für sich allein hat.

Sharmala Hartmann tippt auf die Landkarte. "Sehen Sie, Nuwara Eliya liegt inmitten von Teeplantagen. Dort können Sie den kolonialen Flair des alten Ceylon erleben." Hans-Georg Huber ist interessiert: "Wie komme ich da hin? Ich würde gern mit der Eisenbahn ins Hochland fahren", sagt der 69-jährige Stuttgarter. "Die Flut schreckt mich nicht. Eher schon das ganze Esoterik-Getue mit Ayurveda."Noch immer lassen die Bilder nicht los. Auch vier Wochen nach der Flutkatastrophe nicht. Bilder von Verzweifelten, die Angehörige suchen, Mutter, Vater, Frau und Kind. Allein über 500 Deutsche stehen noch auf der Vermisstenliste. Jetzt über Urlaub in Südasien zu sprechen, muss für die Betroffenen nur schwer zu verstehen sein. Doch die Überlebenden warten auf Touristen. Besonders in Thailand, Sri Lanka und auf den Malediven. Touristen sind ihr Kapital, in den Küstenregionen für viele die einzige Hoffnung. Und so warben die Asiaten in der vergangenen Woche auf der internationalen Touristikmesse CMT in Stuttgart für ihre Heimat im Indischen Ozean.

Die Landkarte ist in diesen Tagen das wichtigste Werkzeug von Sharmala Hartmann. Immer wieder zeigt sie Besuchern ihres Messestands, welche Küstenabschnitte getroffen wurden - und welche nicht. Seit 25 Jahren organisiert sie Reisen nach Sri Lanka. Als der Tsunami anrollte, verbrachten 80 ihrer Kunden ihren Urlaub an der Küste. "Zum Glück habe ich keinen verloren." Trotz der Flut lohne sich eine Reise nach Sri Lanka nach wie vor, sagt sie: "Die Rundreisen laufen weiter. Ayurveda wird geboten. Die Leute können kommen!"Vor allem Sri-Lanka-Kenner informierten sich, berichtet Keerthi Ratnayaka, Reiseveranstalter aus Heidelberg. "Viele erkundigen sich nach einem bestimmten Hotel und wollen wissen, ob es heil geblieben ist." Ratnayak beschönigt nichts. "Die meisten versprechen, dass sie wiederkommen werden." Auch das macht ihn glücklich: "Niemand, aber wirklich niemand hat angesichts der Katastrophe nach Rabatt gefragt."Der Stand von Thailand auf der CMT ist mit zehn Quadratmetern noch kleiner als der von Sri Lanka. Doungjai Kausler vom Thailändischen Fremdenverkehrsamt schenkt Mai Thai aus, ein Mixgetränk mit weißem Rum und Fruchtsaft. "Die Spenden für unser Land sind gut. Noch besser wäre es, wenn die Touristen wiederkämen", sagt sie.

"Der Aufruf in den Medien: 'Ihr müsst dort Urlaub machen, um den Leuten zu helfen', scheint bei vielen angekommen zu sein", meint Gisela Sökeland, Geschäftsführerin von Thomas Cook Reisen. Die Zahl der Stornierungen sinke, die Buchungen zögen an. Thomas Bösl, Sprecher der QTA, einer Kooperation von 5800 Reisebüros in Deutschland, über die 25 Prozent der Buchungen laufen, stimmt zu. "Die Kunden wissen bereits, welche Gebiete nicht von der Welle erfasst wurden. Oder sie lassen sich beraten."Nach Attentaten oder Epidemien wie Sars werden solche Länder von Urlaubern erst einmal ganz gemieden - anders als bei Naturkatastrophen, die als einmalige Ereignisse wahrgenommen werden. Und welche Urlaubsziele wieder hergestellt sind, ist dank laufend aktualisierter Übersichten im Internet leicht herauszufinden.Das Lieblingsziel deutscher Touristen in Asien ist Thailand. Im Jahr 2003 reisten 340.000 Deutsche dorthin, 88.000 nach Sri Lanka und 73.000 nach Indonesien, dort vor allem nach Bali. Der Tourismus ist Thailands zweitgrößter Industriezweig, 2004 erwirtschaftete die Branche zwölf Prozent des Bruttosozialprodukts. Auf Sri Lanka betrug der Anteil zehn Prozent - auf den Malediven gar 80 Prozent."Vor der Flut hatten wir einen richtigen Asien-Boom", resümiert Gisela Sökeland die Buchungen der vergangenen Monate. Besonders für Sri Lanka hatte sich die Tourismussituation gebessert. Die Konflikte zwischen Singhalesen und Tamilen schienen beruhigt, die Zahl der Besucher stieg. "Wir haben in den Ländern viele intensive Kontakte und hören nun jeden Tag die Bitte, den Menschen in Deutschland zu vermitteln, dass sie doch kommen mögen", sagt Praktiker Thomas Bösl. Und fast leise fügt er hinzu: "So schrecklich es klingen mag, aber wir müssen einfach zusehen, dass wir Touristen in diese Regionen bringen."Mathias Rittgerott und Elfriede Roth

ThailandAls hätte es diesen Tag im Dezember nicht gegeben, so liegt er da, der Strand, den es eigentlich nicht geben kann. Nicht geben darf. Ist denn nicht ganz Thailand zerstört? Trümmer, Trauer, Tod? Als wäre alles nur ein böser Traum gewesen, so stehen sie da, die Strandbars und Restaurants, die Buden der Händler. Die Menschen sagen, die Welle hätte ein Einsehen gehabt mit Surin Beach. Nur wenige Meter wagte sich das Wasser heraus und zog sich wieder zurück, als reichte es ihm, die Nachbarbuchten zu verwüsten - Kamala Beach südlich, Bang Tao Beach nördlich. Surin Beach blieb völlig unversehrt, als einziger Strand an der Westküste von Phuket.Manche sagen, es ist ein Wunder.Wenn Frau Chia Sorgen hat, dann redet sie mit ihrem Spiegelbild. Sie sagt, es tröste sie, ihr Kummer verfliege. Seit Wochen nun spricht sie jeden Tag mit ihrem Spiegelbild. Frau Chia leitet das Hotel Treetops Arasia an der Bucht, die das Meer verschonte. Jeden Abend durchquert sie die leeren Gebäude; der Barmann steht da, als kämen gleich die Gäste, die Frauen am Empfang erwarten Urlauber, die nicht erscheinen, die Zimmermädchen säubern Suiten, die niemand bewohnt. Es ist ein schöner und ein trauriger Ort zugleich. Schon bald, sagt Frau Chia, werde sie sich Gedanken machen müssen, wie lange die mehr als 100 Angestellten noch bei ihr bleiben können. Von den 48 Suiten sind nur zwei belegt.Eigentlich ist Hochsaison auf Phuket, Thailands wichtigstem Feriengebiet, doch nur ein Fünftel der normalen Urlauberzahl ist auf der Insel. Viele Reisen sind storniert worden, Zimmer abbestellt. Dabei haben mehr als 80 Prozent der Hotels von Phuket geöffnet. Überhaupt sind die Küsten und Inseln im Südwesten Thailands weniger zerstört, als man nach den Bildern der vergangenen Wochen glauben mag. Es ist nicht alles Khao Lak.Auch auf Phuket hat das Leben jenseits des Küstenstreifens wieder Oberhand. Die Stellwände mit den Bildern der Vermissten stehen noch vor den Eingängen der Krankenhäuser und vor dem Rathaus von Phuket. Niemand wagt sie abzubauen. Zugleich werden rund um die Uhr die Trümmer weggeräumt, Häuser aufgebaut, an vielen Stellen ist die Verwüstung der Welle nur noch zu erahnen, es gibt keine Seuchen, es liegen keine Leichen mehr herum. Strände und Hotels sind trotzdem leer.Meike Maurer und Harald Bröckelt aus München haben lange überlegt, ob sie bleiben sollten nach all dem, was sie an jenem 26. Dezember erlebt haben. Ihre Geschichte gleicht so sehr den anderen, von denen man gehört, gelesen, erzählt bekommen hat. Beim Frühstück gesessen, auf einmal wich das Wasser, die erste Welle, dann die zweite, Glück gehabt, furchtbares Glück. Die beiden blieben dann doch bis Mitte Januar, sie verließen ihr zerstörtes Hotel und suchten sich am Surin Beach eine neue Bleibe. Die Frage, ob es zynisch gewesen sei, den Urlaub fortzusetzen, verstehen sie nicht. "Die ersten Tage sind wir geblieben, um den Verletzten nicht die Plätze zu nehmen", sagt Harald Bröckelt. "Danach sind wir geblieben, weil wir so den Menschen hier am ehesten helfen", sagt Meike Maurer.Es ist ein Argument, das verfängt, und bald wird von den größten Schäden nicht mehr viel zu sehen sein. Doch was man sieht, ist das eine, wie man sich fühlt, das andere."Die Leute sollen kommen", sagt Pongthep Koysakul, ein schmächtiger Mann, scheinbar alterslos wie so viele Thais. 29, sagt er lächelnd. Er steht an der Stelle, wo sein Haus stand. Dann erzählt er seine Geschichte, die man in ihren Einzelheiten kaum erträgt. Es ist eine Geschichte, die einem überall auf Phuket oder in Phang Nga begegnen kann, die Region, in der Khao Lak liegt. "Die Leute sollen kommen", wiederholt er. Pongthep arbeitet im Hotel Treetops, und er hat Angst vor den leeren Räumen, Angst davor, dass Frau Chia ihn nicht mehr brauchen wird. "Die Leute sollen kommen", sagt er noch einmal. Und lächelt.Oliver Link

Sri LankaScha-wupp, scha-wupp. Die Wellen brechen sich an den Felsen. Dann kriecht der Indische Ozean in die Bucht, um die herum das Haus gebaut ist, und zieht sich gurgelnd wieder zurück. Seit fast 200 Jahren haben sich Menschen hier von diesem Geräusch aus dem Schlaf locken lassen. So lange steht das Hotel Mount Lavinia an Sri Lankas Westküste, zehn Kilometer südlich von Colombo. Man kann das Meer vom Himmelbett aus sehen und von der Badewanne, jedes Zimmer geht zum Ozean hinaus.An dem Tag vor einem Monat, als die Wellen nicht friedlich brandeten wie sonst, blieb das Haus unversehrt. Am privaten Strand hat das Wasser ein paar Sonnenstühle fortgeschwemmt, mehr passierte nicht. Erst ab Kalutara ist die Küste zerstört, eine halbstündige Autofahrt Richtung Süden entfernt.Das Hotel Mount Lavinia hat vier Sterne, es ist eines der berühmtesten Hotels der Insel. Im Gästebuch stehen Namen von Filmstars wie Vivian Leigh, Kirk Douglas und Gregory Peck. Auch Otto Graf Lambsdorff und seine Frau waren da. Das Fischgrätparkett ist frisch gewienert, der Rasen gewässert, am Nachmittag servieren weiß gewandete Kellner "English High Tea" auf der Terrasse.

"Alles ist wie immer", sagt Bazeer Cassim, der das Hotel seit 1998 leitet. Trotzdem steht jedes zweite der 275 Zimmer leer. Die Leute hätten Angst vor Epidemien, selbst Stammgäste haben abgesagt. Abends, bei der Arabischen Nacht, mühen sich Tänzerinnen mit roten Schleiern vor einem Tisch Russen, den einzigen Gästen auf der Terrasse. Normalerweise ist das Hotel um diese Zeit überbucht, schon Monate vorher sind keine Zimmer mehr zu bekommen. Die letzte Reisegruppe ist am 5. Januar abgefahren. Geblieben sind die bunten Zettel von Meiers Weltreisen und Tui, auf denen Safari-Touren und Regenwald-Wanderungen angepriesen werden. Hoteldirektor Cassim hofft auf den 1. Februar - dann will LTU wieder reguläre Charterflüge anbieten. Und er plant die Zukunft. Am Strand wird ein Spa gebaut, es soll in der ersten Märzwoche eröffnen.Louise und Chris Pickering aus Nordengland sind am Vorabend eingetroffen. Richtige Touristen! Sie stehen auf der Terrasse, zehn Meter über dem Meeresspiegel, und filmen nach links und rechts. "Wonderful, just wonderful" sei es. Sie hatten vor dem Tsunami gebucht, bleiben nun drei Wochen, trotz Protest der Kinder. Mit einem Fahrer wollen sie nach Kandy, wo Buddhas Zahn aufbewahrt wird, in die alten Königsstädte Anuradhapura und Polonnaruwa, zu den Plantagen ins Hochland.Freunde haben ihnen 400 Pfund mitgegeben, die sie in Sri Lanka verteilen sollen, außerdem 50 Tennisbälle, Luftballons, Seifen, Hunderte von Kugelschreibern. Sie wissen nicht recht, wohin mit ihren Gaben. Aber erst einmal freuen sie sich über den unerwarteten Luxus, mit dem ihre Pionierreise belohnt wird: Büfetts ohne Warteschlangen, vier Kellner, die lossprinten, wenn man nur aufblickt, und vor allem: friedliche Stille überall.Im Strandort Negombo, der nördlich von Colombo außerhalb der Gefahrenzone lag, trifft sich üblicherweise halb Europa. Der Ort ist mit Hotels und Ramschläden gefüllt. Neben der Bar Alt Saarbrücken wirbt das Oasis Beach Resort mit deutscher Küche, es gibt Schnitzel und Gulasch. Auf der Terrasse des Resorts versammelt sich jeden Tag ein kleiner deutscher Club. Hans Mursch aus München, vor seiner Pensionierung Bariton in der Bayerischen Staatsoper, der seit 16 Jahren in Sri Lanka überwintert, Thomas von Tresckow, der in einem buddhistischen Tempel in Unawatuna lebt und "mal weg musste von all dem Elend im Süden", und Rosi und Valentin Leder aus Wuppertal, die zehn Tage vor Weihnachten gekommen sind und noch eine Woche bleiben. Außer ihnen sind noch drei Japanerinnen da, sonst ist das Hotel leer.

Es gibt wenig Ablenkung, der Tsunami ist Dauerthema. "Ich hab schon Angst vor der Bestie", sagt Hans mit Blick aufs Wasser, kneift die Augen zusammen und hebt sein Bier. Noch überlegt er, ob er nächstes Jahr wiederkommen soll, wahrscheinlich schon. Die Leders sagen, sie wollten dann sogar drei Monate bleiben, jetzt erst recht. Eigentlich wollten sie den Süden anschauen, das geht nun nicht. Im Hochland waren sie schon. "Also passen wir uns den Landesgewohnheiten an und sitzen einfach nur rum", sagt er. Sie: "Na, und du gehst zu deinen Ayurveda-Massagen." Dann bestellen sie noch einen Arrak und schimpfen auf die Pflegeversicherung. Alles wie immer, wirklich.Ein paar Meter den Strand hoch lassen sich Hertha und Adolf Lugert aus Kempten verwöhnen, im Hotel The Beach, in dem es überall nach Lotusblüten duftet. Das edelste Haus hier am Ort. Es ist ihr erster Besuch in Sri Lanka. Die Reise hatten sie Anfang September gebucht, und dass sie nun hier sind, liegt an einer Freundin. Die lebt in Negombo und hat gesagt, vergesst die schlimmen Fernsehbilder, das ist im Süden, ihr könnt kommen. Sonst hätten sie storniert. So haben sie sich gegen Typhus impfen lassen, für alle Fälle, und sind am 6. Januar ins Flugzeug gestiegen. "Die brauchen doch hier Touristen", sagt Hertha, als müsse sie sich rechtfertigen. Ihr Mann geht ins Meer, sie nicht. "Ich überleg schon, was einem da entgegenschwimmen könnte." Ihr reicht der Strand. Der ist weiß und sauber und so menschenleer wie sonst nur in der Werbung.Steffi Kammerer

MaledivenWenn nur diese Stille nicht wäre. Wenn wenigstens die Telefone klingeln würden. Aber in der Lobby des Kurumba Resort auf den Malediven ist nicht mehr zu hören als das Plätschern der Brunnen und das Summen der Ventilatoren unter der Decke.Die drei Frauen an der Rezeption schauen konzentriert auf ihre Computerbildschirme, auf denen sich kaum etwas bewegt. Zwei Managerinnen sitzen ein paar Meter weiter hinter ihren Schreibtischen und blättern zum x-ten Mal in den Ausflugsprogrammen des Hotels. Weit und breit kein Gast, der eine Frage, einen Wunsch oder wenigstens eine Beschwerde hätte. In den sieben Restaurants des Kurumba decken Kellner die Tische ein, im Spa warten Masseurinnen und Yogalehrer auf Kundschaft. Es ist Hochsaison in dem tropischen Urlaubsarchipel - und die Resorts sind leer.Seit der Tsunami auch Teile der Inselgruppe im Indischen Ozean verwüstet hat, bleiben die Touristen weg. Auf 30 Prozent ist die Belegung im Schnitt gefallen, in vielen der Hotels ist nur eines von zehn Zimmern belegt. Dabei war das Meer, im Vergleich zu Thailand und Sri Lanka, gnädig zu den Malediven. Der Tsunami erreichte das Archipel bei Ebbe, der Wasserstand war 80 Zentimeter niedriger als normal. Die Korallenriffe schützten die Atolle, nahmen dem Tsunami einen Teil seiner Wucht. Obgleich die Inseln an ihren höchsten Stellen kaum mehr als zwei Meter aus dem Meer ragen, wurden lediglich 20 der 87 Hotels beschädigt. Zurzeit sind 63 Resorts geöffnet. Auch in der Hauptstadt Male, deren Straßen sich zum Teil in reißende Flüsse verwandelt hatten, sind die meisten Spuren der Katastrophe beseitigt. Die legendären Tauch- und Schnorchelgebiete blieben praktisch unbeschädigt."Wir haben unglaubliches Glück gehabt", sagt Hassan Didi, 22, der sich im Kurumba normalerweise um ankommende Gäste kümmern soll. "Bei uns stand das Wasser einen Meter hoch in der Lobby, im Coffee-Shop, in einigen unserer Restaurants. Überall lag Sand, Schlamm, Korallen. Vier Stunden später war davon nichts mehr zu sehen." Sämtliche Angestellten packten mit an, selbst Gäste halfen beim Aufräumen, wischten Böden, schleppten Liegestühle zurück an den Strand. Trotzdem reisten viele in den folgenden Tagen ab. "Die Engländer, die Deutschen und die Italiener sind abgereist, die Russen geblieben. Die stornieren auch nicht", sagt Didi. "Die haben vor gar nichts Angst."Das mag ein Grund sein. Ein anderer ist die mangelnde Kulanz der russischen Reiseveranstalter. "Ich wäre jetzt lieber an einem anderen Ort", sagt Michail, 34, aus Moskau. Er sitzt mit seiner Freundin am Strand im Schatten einer Palme. Vor ihnen eine Postkartenansicht: spiegelglattes, türkisfarbenes Meer, der Himmel blau und wolkenlos. "Es ist ein komisches Gefühl, hier Urlaub zu machen, wo so schreckliche Dinge passiert sind. Aber wir hätten unser Geld nicht zurückbekommen und umbuchen konnten wir auch nicht." Keine Angst vor einem Nachbeben? Einer neuen Welle? Michail blickt für einen Moment aufs Meer, dann lächelt er: "Nein, überhaupt nicht. Das wäre sehr irrational."

Ein paar Meter weiter döst ein stark gerötetes Paar aus Sussex, England, in der Sonne. Nach den dramatischen Fernseh-bildern, die zerstörte Hotels und ein überflutetes Male zeigten, hatten sie große Bedenken bekommen. Eine Recherche im Internet, auf den Webseiten der Hotels und der Regierung beruhigte sie. "Wer jetzt als Tourist auf die Malediven reist, hat Glück", sagt Peter. "Die Hotels sind leer, und das Personal ist besonders bemüht. Wer hätte etwas davon gehabt, wenn wir unsere Reise abgesagt hätten? Die brauchen uns Touristen."Und wie. Es gibt kaum eine Familie auf den Malediven, die nicht irgendwie vom Tourismus lebt. Fast 80 Prozent der Wirtschaft des Landes hängt vom Fremdenverkehr ab. Die Fischer, die ihren Fang an die Resorts verkaufen, die Hotelangestellten, die mit ihren Einkommen ihre Familien auf den entlegenen Inseln unterstützen. Dort hatte das Meer leichtes Spiel mit den in den Sand gebauten Holzhütten. Anders als an den soliden, auf festem Grund stehenden Hotelanlagen. Von den rund 200.000 außerhalb Males lebenden Einwohnern sind 25.000 obdachlos geworden. Zwei Drittel aller Schulen hat das Wasser zerstört."Viele von uns haben alles verloren", sagt Yusriya Rasheed. Die 24-Jährige wohnt auf Kuda Huraa, einer kleinen Insel, eine Stunde Bootsfahrt von Male entfernt. Die 1500 Bewohner lebten vom Four Seasons Resort und den zahlreichen Touristen, die die Insel im Rahmen ihrer Ausflugsprogramme besuchten. Über 40 Souvenirläden stehen rund um den Bootsanleger, davor sitzen Frauen und warten auf Kunden. In den ersten drei Wochen nach dem Tsunami hat sich nicht ein Tourist auf die Insel verirrt.Das Four Seasons hat es mit am schlimmsten erwischt, es ist für ein halbes Jahr geschlossen. Auf Kuda Huraa stand das Wasser eineinhalb Meter hoch. Es hat die Süßwasserbrunnen verdorben, ein Dutzend Häuser weggespült und den Rest beschädigt. Für sie hatten die Besitzer 20 Jahre und mehr gearbeitet. "Wovon sollen wir leben?", fragt Yusriya und breitet hilflos die Arme aus. "Wovon sollen wir das wieder aufbauen, wenn jetzt auch noch die Touristen wegbleiben?"Jan-Philipp Sendker

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