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"Geheimsache Doping": ARD-Doku überführt Russlands korruptes Sportsystem

Die Erfolge der Sportnation Russland sind offenbar auf systematischem Doping, Betrug und Korruption aufgebaut. In der ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping" enthüllen Sportler und Insider Details.

Seine großen Sporterfolge scheint Russland zu einem großen Teil Doping zu verdanken

Seine großen Sporterfolge scheint Russland zu einem großen Teil Doping zu verdanken

Systematisches Doping, Vertuschung von positiven Kontrollen, Schmiergeldzahlungen und Korruption: Die ARD-Doku "Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht" erschüttert die Glaubwürdigkeit einer großen Sportnation in den Grundfesten. "Die Kombination all dieser Dinge ist fürchterlich schockierend", erklärte David Howman, Generaldirektor der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), zu den Enthüllungen. Entsetzt reagierte auch WADA-Gründungsdirektor Richard Pound auf den Film von Hajo Seppelt, in dem Insider und Sportler über ein nahezu flächendeckendes Dopingsystem auspacken: "Das ist ein extrem alarmierender Fall."

Die 60-minütige Dokumentation präsentiert geheime Aufzeichnungen in Bild, Ton und Schrift mit Hinweisen zu einem staatlich unterstützten Doping sowie zu einem offenbar im Hintergrund wirkenden Betrugs- und Vertuschungsapparat. Die Spur der Recherche führt bis in das Dopingkontrolllabor in Moskau und in den Leichtathletik-Weltverband IAAF. "Sie hat mir erzählt, dass alle Sportler in Russland dopen und dass die Ergebnisse nicht ohne Doping erreicht werden können", sagte Witali Stepanow, der ehemalige Leiter des Ausbildungsprogramms der russischen Anti-Doping-Agentur RUSADA, in einem Interview.

Fehlendes Unrechtsbewusstsein

Im Detail schilderte ihm die 800-Meter-Weltklasseläuferin und heutige Ehefrau Julia Rusanowa (heute Stepanowa), wie sie jahrelang gedopt wurde. "Als wir uns kennenlernten, habe ich ihm die Augen geöffnet und erzählt, wie es wirklich funktioniert", sagte die Athletin, die 2013 für zwei Jahre gesperrt wurde, der ARD. "Den Trainern wird es eingehämmert und die hämmern es den Athleten ein. Die Athleten denken deshalb gar nicht, wenn sie verbotene Präparate einnehmen, dass sie etwas Unrechtes tun."

Es seien beliebige Mädchen von Trainern ausgesucht worden, um sie mit verbotenen Tabletten zu füttern. "Und morgen wird sie gesperrt und dann sagen sie, wir finden ein neues. Und wenn einer erwischt wird, schmeißen sie den Sportler weg und nehmen einen neuen." Bestätigt wird das auch vom russischen Wurfdisziplintrainer Oleg Popow: "Der Sportler hat keine Wahl." Die Diskuswerferin Jewgenia Pecherina behauptet sogar, "der größte Teil der Athleten dopen, 99 Prozent".

In einem in der Sendung gezeigten Handyvideo berichtet auch die 800-Meter-Olympiasiegerin von London 2012, Marija Sawinowa, über ihre Dopingpraktiken - etwa die Einnahme des Anabolikums Oxandrolon.

Vertuschung durch Offizielle

Die RUSADA hat im Jahresbericht angegeben, dass in Russland 2013 insgesamt 23.110 Dopingtests gemacht wurden. Dabei sind mehr als 500 Dopingfälle festgestellt worden. Witali Stepanow - er war drei Jahre für die RUSADA tätig - berichtet zudem von Vertuschungspraktiken: "Ich bekam ganz klar mit, dass Offizielle versucht haben sicherzustellen, dass Athleten erst gar nicht getestet wurden." Davon betroffen seien etwa Athleten der Sportarten Schwimmen, Radfahren, Biathlon, Leichtathletik, Gewichtheben und Ski nordisch. Zusammen mit seiner Frau hat er Russland vor Ausstrahlung des ARD-Berichts für immer verlassen. "Ich glaube, dass Russland uns das nicht verzeihen wird", sagte Julia Rusanowa.

Einer der Drahtzieher und eine der zentralen Figuren des russischen Dopingsystems soll der Sportmediziner Sergej Portugalow sein. Er sollte für die IAAF eine Anti-Doping-Taskforce mit aufbauen. Rusanowa war selbst bei ihm und hat verbotene Substanzen von ihm erhalten. "Er hat mir erklärt, dass sich die ganze Welt so verhält", sagte sie.

Bezahlung im Falle eines Sieges

Für die Dopingdienste verlangte Portugalow nach ihren Angaben im Falle eines Sieges von ihr über 800 Meter 50.000 Rubel. Für Platz zwei und drei hatte sie 30.000 beziehungsweise 20.000 Rubel zu zahlen. "Ich musste die gewonnenen Medaillen bezahlen", sagte Rusanowa, die einen Besuch bei Portugalow heimlich gefilmt hatte.

Auch der Leiter des Doping-Kontrolllabors in Moskau, Gregori Rodschenkow, gerät durch die ARD-Sendung in Verdacht. Er soll nach Aussage von Witali Stepanow für Athleten Einnahmepläne verbotener Mittel erstellt haben, "damit sie nicht positiv getestet werden".

In einer Stellungnahme wehrte sich Rodschenko gegen die Anschuldigungen. "Sie sollten sehr vorsichtig sein, Betrügern zu glauben. Diese erleben ja die Katastrophe ihres Lebens", erklärte er der ARD. Ebenso wehrte er sich gegen den Vorwurf, Geld zur Vertuschung von Doping genommen zu haben: "Die Antwort ist nein."

Erkaufte Olympia-Teilnahme

Nach der ARD-Recherche soll der Präsident des russischen Leichtathletikverbandes und Schatzmeister der IAAF, Walentin Balachnitschew, in einen Korruptionsfall verstrickt sein. Lilija Schobuchowa, eine der besten Marathonläuferinnen der Welt, erkaufte sich nach eigener Darstellung gegen Zahlung von 450.000 Euro an russische Funktionäre die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2012 in London. Zu diesem Zeitpunkt lagen dem russischen Verband bereits ihre extrem auffälligen Blutwerte der Jahre 2009 bis 2011 vor, die der nationale Verband nicht als Dopingverstoß gewertet hatte.

Schobuchowa behauptete, dass einer der russischen Cheftrainer, Alexej Melnikow, das Geld forderte: "Wir gaben das Geld ab und man sagte uns: 'Alles wird gut werden.'" In der ARD-Dokumentation werden Belege gezeigt, dass Balachnitschew in den Vorgang offensichtlich involviert war. Auf konkrete Fragen dazu antwortete Balachnitschew nicht. Die Marathonläuferin ist Ende April 2014 wegen Dopings gesperrt worden.

yps/DPA / DPA

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