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"So viel Abstand hatten wir noch nie": Vettel völlig frustriert nach erneutem Mercedes-Doppelsieg

Nach dem nächsten Doppelsieg der Silberpfeile macht sich in der Formel 1 Ernüchterung breit: allen voran bei Sebastian Vettel. Er wollte mit verändertem Auto angreifen - und scheiterte dennoch.

Von Stephan Draf, Barcelona

Neidvoller Blick auf den Sieger: Sebastian Vettel (r)

Neidvoller Blick auf den Sieger: Sebastian Vettel (r)

Einen König hatte das Rennen von Barcelona schon vor dem Start gekrönt. Nein, nicht Spaniens Juan Carlos – der musste im letzten Jahr abdanken und kam nur auf eine Stippvisite vorbei. Nein, der König von 2015 war jung, attraktiv und trug dunkle Sonnenbrille: Als am Freitag Fernando Alonso aus seinem McLaren-Auto stieg, lag er, wie in dieser Saison bislang üblich, in der Wertung des Freien Trainings weit hinter den führenden Wagen. Aber dann schritt der zweimalige Weltmeister die Zuschauer-Tribüne ab, die Seinen, die spanischen Fans erhoben sich, ihre Ovationen dauerten Minuten.

Alonso war bislang in dieser Saison ohne WM-Punkt geblieben, in Spanien ist das egal: Der Fahrer aus Asturien wurde gefeiert wie ein Rockstar, zum Höhepunkt präsentierte ihn sein Rennstall auf einer Bühne neben Ayrton Senna, dem größten Fahrer aller Zeiten – er tauchte als Hologramm lebensgroß neben Alonso auf. In Spanien sind sie gut darin, die schnöde Realität mitunter zugunsten schöner Träume auszublenden.

Was das anschließende Formel-1-Rennen anging, hatte sich das fachkundige Publikum auf gediegene Langeweile eingestellt: Der Start wird entscheiden, so das allgemeine Kalkül, die Platzierung nach der ersten Kurve werde der im Ziel aufs Haar gleichen.

Hamiltons Team ändert Strategie

So kam es nicht - und dieser Umstand verlieh dem Rennen lange Zeit etwas ungewohnt Unkalkulierbares: Zwar zog Nico Rosberg sofort davon – nach dem Rennen führte er das auf eine neue Kupplung zurück, die ihm den besten Start der Saison ermöglicht hatte. Lewis Hamilton aber verlor seine zweite Startposition gegen einen schnellen Sebastian Vettel, war auch in den nächsten Runden nicht in der Lage, diesen zu überholen und verlor so immer mehr Boden auf Rosberg.

Gerade als es so aussah, als könne sich Vettel im Ferrari gegen alle Widrigkeiten vor einen Mercedes setzen, änderte Hamiltons Team die Strategie.

Anders als die anderen Fahrer an der Spitze sollte Hamilton nun dreimal die Reifen wechseln, und auf jedem einzelnen Abschnitt mit den frischen Pneus aufholen. Die Strategie funktionierte erstens, weil Vettel nach seinen eigenen Boxenstopps im Verkehr der zurückliegenden Fahrer stecken blieb, und zweitens, weil die Mercedes trotz aller Kampfansagen von Ferrari die deutlich schnelleren Autos sind – Hamilton konnte sogar einen verpatzten Boxenstopp verschmerzen, der Abstand des Siegers Rosberg auf den Ferrari-Piloten Vettel betrug im Ziel 45 Sekunden, eine gute halbe Runde.

Sieg stand früh fest

Nach dem Rennen freute sich Rosberg über seinen ersten Saison-Sieg, Hamilton beschwerte sich über eine Strecke, auf der er Vettel am Anfang "unmöglich überholen konnte" – schon deshalb stand der Sieg seines teaminternen Konkurrenten frühzeitig fest. Sebastian Vettel aber machte nach dem Rennen klar, dass der Formel 1 es auch in dieser Saison an Spannung mangeln wird. Es waren Worte, in denen Frustration mitschwang: "Selbst nach den Verbesserungen an unserem Auto ist die Lücke zu Mercedes nicht kleiner geworden. Im Gegenteil: Soviel Abstand hatten wir noch nie."

Und so ist in der Rennserie die graue Wirklichkeit wieder eingekehrt – auch wenn sie Mercedes-Fans silbern erscheinen mag: Einen Zweikampf zwischen Mercedes und Ferrari wird es nicht geben, auch wenn Vettel vielleicht noch ein paar Doppelsiege des Duos Hamilton/Rosberg verhindern kann.

Die Geschichten aus der Rennklasse werden sich nun wieder um den Konkurrenzkampf zwischen den Mercedes-Fahrern drehen, die Unterschiede zwischen dem eher flamboyanten Hamilton und dem eher introvertierten Rosberg zum Inhalt haben.

Hamiltons wilder Lebenswandel

Hamiltons vermeintlich wilder Lebenswandel wird erneut thematisiert werden – in der Zeit zwischen den letzten beiden Rennen sauste Hamilton um die halbe Welt, um möglichst viele Prominente bei diversen Galas zu treffen, den Jahrhundert-Boxkampf zwischen Floyd Mayweather und Manny Pacquiao hatte er bei einem Zwischenstopp in Las Vegas auch noch kurz mitgenommen. Während Rosberg in Monaco den häuslichen Ehemann gab, seine inzwischen deutlich schwangere Frau Vivian auch an die Strecke in Barcelona einflog und stolz von seinem, ihrem "Glücksbauch" sprach.

Nach dem Rennen ließ er sich von Mercedes-Boss Dieter Zetsche feiern – aber erst nachdem er seine Gattin vor der obligatorischen Champagner-Dusche in Sicherheit gebracht hatte. Das Stück im Theater der Formel 1 wird also erneut "Nico versus Lewis" lauten, ein Drama unter Gleichen. Das Problem ist, dass es seit zwei Jahren aufgeführt wird und alle Zuschauer den Text kennen – der Attraktivität der Formel 1 wird das nicht gut tun.

Während Rosberg und Hamilton auf dem Pressepodium noch das Rennen verhandelten, hatte der König den Schauplatz verlassen, ein Heroe der guten, alten Zeit. Fernando Alonso musste als erster Fahrer das Rennen beenden, seine Bremsen hatten den Dienst versagt. Allein stapfte er durch die Boxengasse, während die anderen noch fuhren. Aber auf der Zuschauertribüne hing das riesige Spruchband zu seinen Ehren immer noch: "Fernando, you’ll never walk alone". Die Spanier also: Ist die Wirklichkeit grau, bemüht man die glorreiche Vergangenheit. Oder träumt sie sich herbei.

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