FORMEL 1 Ein Muster an Perfektion


Die Hitze in Maranello ist brutal. 33 Grad im Schatten, aber auf Ferraris kleiner Rennstrecke gibt es kaum Schatten. Erst recht kein Erbarmen für Testpilot Luca Badoer. Hat gestern gefeiert und musste morgens um sechs aus Sardinien herfliegen. Starts üben, statt am Strand zu liegen. Badoer setzt sich ins Auto, die Startampel springt auf Grün, er rast los, bremst nach 100 Metern und wird am Abschleppseil zur Garage zurückgeholt. Mehr ist nicht. Bis zum 21. August dürfen, so will es das Regelwerk der Formel 1, nur 50 Testkilometer gefahren werden. Also prüft Badoer jetzt die elektronische Anfahrhilfe. Ein Scheißjob. Entsprechend hat er eine Scheißlaune. Aber Ferrari überlässt nichts dem Zufall. Nicht so kurz vor dem Ziel.

Die WM ist nah

Denn am Sonntag soll ihr Spitzenmann Michael Schumacher in Ungarn die Weltmeisterschaft perfekt machen. Kann ja nicht mehr viel schief gehen. Budapest gilt als Ferrari-Strecke, und Schumacher muss nur drei Punkte mehr holen als McLaren-Mercedes-Pilot David Coulthard. Seit Jahren hat kein Team so dominiert wie Ferrari: die beste Mannschaft mit dem besten Auto und dem besten Fahrer.

Gespannte Ruhe

Maranello wirkt gespenstisch im August. Kaum ein Mensch auf der Straße, vor den Läden sind die Rollos runtergelassen, der Supermarkt hat zu. Tutto chiuso. Sind alle am Meer, die Leute, im Urlaub. Wenigstens Don Alberto Bernaldoni, der Pfarrer, wacht über die Gemeinde. Wäre auch undenkbar: Michael Schumacher gewinnt am Sonntag die WM - und keiner läutet die Kirchenglocken.

Jean Todt ist immer im Dienst

Und noch einer ist im Dienst. In der Via Abetone sitzt Jean Todt in seinem riesigen Büro. An den Wänden Bilder von Siegerehrungen: Todt heulend im Arm von Schumacher, Todt mit einer Pulle Schampus im Kragen. Und damit noch ein paar Fotos dazukommen, ist Todt schon seit dem frühen Morgen fleißig. Ein kleiner Mann vor einem viel zu großen Schreibtisch, mit Schweißflecken unter den Achseln, die sein Maßhemd versauen.

»Nichts ist sicher«

Herr Todt, der Teamchef der Scuderia Ferrari, arbeitet 14 Stunden am Tag. Jeden Tag. Jetzt gönnt er sich zumindest ein bisschen Urlaubsgefühl: »Im Moment«, sagt er, »verzichte ich auf die Krawatte.« Ansonsten tut er alles dafür, dass Don Alberto am Sonntag im Kirchturm bimmelt. Reine Formsache? »Von wegen, nichts ist sicher«, ereifert sich Todt.

Entspannter geworden

Doch dann lehnt er sich zurück, verschränkt die Arme hinterm Kopf. In Maranello sind sie entspannter geworden seit dem WM-Sieg der Vorsaison, seit der Fluch gebannt ist: 21 düstere Jahre ohne Titel. Todt war vorher alles gelungen: Als Rennleiter bei Peugeot gewann er die Rallye-WM, die Rallye Paris-Dakar und holte die Sportwagen-WM. Nach dem ersten Titel in der Formel 1 »habe ich auch hinter dieses Ziel ein Kreuzchen auf meiner Liste gemacht«, sagt er. Sonst wäre er wohl rausgeflogen.

»Rote Gurke«

Der Schreibtisch in Todts Büro ist ein schönes Symbol für die Veränderungen bei Ferrari. Alle Unterlagen sind scharf im rechten Winkel angeordnet, einzelne Blätter übereinander gefächert wie Zeitschriften am Kiosk. Preußisch korrekt. Früher war Ferrari das Synonym für grande casino, großes Chaos, »Bild« nannte den Wagen eine »rote Gurke«. Inzwischen ist er der stabilste der Branche.

Bananen-Nase

Auch für diese Saison hat Ferrari ein Auto gebaut, dessen aerodynamisches Konzept ziemlich genial ist: Die Nase des Wagens ist gebogen wie eine Banane und erzeugt so einen wesentlich höheren Anpressdruck als die Front der Konkurrenzautos. Außer auf den Hochgeschwindigkeitskursen von Hockenheim und Monza ist das der Schlüssel zum Erfolg. Und eine Erklärung für Ferraris Überlegenheit. Zudem gehen die Italiener in der Konstruktion kaum mehr Risiken ein und treiben technologische Entwicklungen nicht ans absolute Limit. Auch das macht Ferrari so stark: Nur zehn technisch bedingte Ausfälle in den vergangenen drei Jahren - davon träumt die Konkurrenz nicht mal. Todt reicht das trotzdem nicht. »Wir müssen noch zuverlässiger werden«, sagt er. So hielt es Enzo Ferrari auch immer, der aus einem Bilderrahmen streng zu Todt hinüberschaut. »Der beste Ferrari«, hat der Alte einmal gesagt, »ist immer der, den wir noch nicht gebaut haben.«

Mythos und Gegenwart

Neben der Strecke steht ein Häuschen, in dem sich die Fahrer bei den Tests ausruhen können. Bis zu seinem Tod hatte Enzo Ferrari hier sein Büro, weil er bei der Arbeit den hysterischen Gesang der Motoren hören wollte. Die Terrakotta-Böden, das Kaminzimmer mit seiner giftgrün gefliesten Wand, der Besprechungsraum mit dem ovalen Tisch - alles unverändert. Mythos und Gegenwart. Und Legenden. Nach dem Ersten Weltkrieg ist Ferrari zu einem Rennen auf Sizilien gefahren, unterwegs erschoss er ein paar Wölfe, die ihn angriffen, und im Rennen verlor er den Benzintank. Er reparierte den Wagen, hing dann in einer Politdemo fest - und fuhr wieder weiter. Als er im Ziel ankam, waren die Zeitnehmer längst heimgegangen.

Schumi-Denkmal

So einen sturen Ehrgeiz hat heute nur Michael Schumacher. Ihm ist hier gar ein Denkmal gesetzt worden. Im Schlafzimmer steht ein Schumikopf aus Metall auf dem Nachttisch. Wie eine Büste, mit Schumikappe drauf. Muss ein komisches Gefühl sein, daneben zu schlafen. Für Schumacher, erst recht für Badoer und Rubens Barrichello, Ferraris Nummer zwei, der hier wenig zu melden hat. »Manchmal komme ich in Ingenieursbesprechungen und möchte sagen: Hey, hier ist Rubens«, sagt Barrichello. »Aber so ist das hier - alles dreht sich um Michael.« Schumeria Ferrari eben.

Blutsbruder Schumacher

Jean Todts Augen leuchten richtig, wenn er über seinen Lieblingsfahrer spricht. »Michael ist phänomenal«, sagt Todt, »der bringt jedes Wochenende 100 Prozent, der hat nie eine schwache Phase, es ist unglaublich.« Todt trägt ein geflochtenes Armband aus Elefantenhaar. Designerstück von einem Juwelier aus seiner Zweitheimat Paris. Schumacher hat auch so eins. »Das habe ich ihm vor ein paar Jahren geschenkt«, sagt Todt, »er ist für mich wie ein Blutsbruder.«

Harmonische Familie

Gemeinsam haben sie Ferrari zum besteingespielten Team der Formel 1 gemacht. Technikchef Ross Brawn kam 1997 hauptsächlich wegen Schumacher nach Maranello. Ebenso der eigenbrötlerische Konstrukteur Rory Byrne - mit beiden hatte Schumacher schon bei Benetton zwei Titel geholt. Als derzeit einziges Formel-1-Team baut Ferrari beides: Chassis und den Motor. Das erweist sich als Vorteil, weil sich beide Parteien nicht zusammenraufen müssen. Oft sind Motorenhersteller und Rennstall nur eine vorübergehende Zweckgemeinschaft. Ferrari dagegen hat sich vom einstigen Intrigantenstadl in eine harmonische Familie verwandelt, in der jedes Mitglied brav seine Rolle spielt. Selbst Barrichello hat das nach kurzem Murren akzeptiert.

»Ich liebe Ferrari«

Im Frühjahr haben alle Schlüsselfiguren bei Ferrari ihre Verträge bis ins Ende 2004 verlängert. Dabei wollte Todt eigentlich in seiner Pariser Wohnung, die ihm sein Schulfreund Philippe Starck eingerichtet hat, das Pensionärsleben genießen. Im Alter von 55. »Mein Sohn hat mir gesagt, ich sei zu jung dafür«, sagt Todt, »und wissen Sie was - ich liebe Ferrari!« Da kann er nicht einfach nach der Saison heimgehen, ohne die Strukturen für seine Nachfolge geschaffen zu haben. Auch wenn er jetzt alles geschafft hat, was er erreichen wollte - Ferrari verlässt man nicht, ohne vorher das Haus zu bestellen.


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