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Norbert Haug: Der Schadensbegrenzer

Es brennt bei den Silberpfeilen, McLaren-Mercedes blamiert sich in der Formel 1 wie nie zuvor. Motorsport-Chef Norbert Haug gibt unermüdlich den Feuerwehrmann. Zu retten ist aber nicht mehr viel

Der Konferenzraum von Mercedes Motorsport oben im sechsten Stock ist eingedeckt, als erwarte man viele Gäste. Kleine Getränkeflaschen stehen da, Kaffeetassen mit dem Stern drauf, Thermoskannen, und gleich am Eingang blinken und blitzen Pokale. Sie erzählen Geschichten aus einer ruhmreichen Zeit, als die Silberpfeile von Sieg zu Sieg rasten; die Trophäen sind sicherheitshalber in Vitrinen verstaut. Damit sie keinen Staub ansetzen.

Und da kommt Norbert Haug, 51, der Chef des Hauses, sein Büro hat eine eigene Tür zum Konferenzraum, und er erzählt Geschichten aus der ziemlich tristen Gegenwart. Unweigerlich stellt man sich vor, was hier dieser Tage wohl so los ist: Die Gedecke suggerieren Dauerbereitschaft zur Krisensitzung. Situation room. Haug ist neben den Schumachers der bekannteste Deutsche der Formel 1. Das Gesicht von Mercedes. Und wenn man ihn so anschaut, fällt auf, dass ihm die Osterfeiertage im Kreise seiner Familie gut getan haben. Frische Farbe ist in dieses Gesicht zurückgekehrt, die Haut geglättet. Eine Woche zuvor hatte er, dem Anlass angemessen, kreidebleich und mit zerfurchter Stirn die Rennstrecke in der Wüste Bahrains verlassen. Drei Motorendefekte an einem Wochenende, einer der Silberpfeile zog einen gigantischen Feuerschweif hinter sich her; es war ein Fanal.

Da blamiert sich der Stolz der deutschen Automobilindustrie alle zwei Sonntage vor Hunderten Millionen Fernsehzuschauern weltweit, und Haug stellt sich hin und versucht, das Unerklärbare zu erklären: warum da eine gewaltige Lawine scheinbar unaufhaltsam ins Rutschen geraten ist. Unangenehmer Job, oder? "Es gibt schlechtere", sagt Haug, "ich mag das, was ich tue, und ich mag dieses Team."

An diesem Wochenende kehrt die Formel 1 nach Europa zurück, und im Autodromo Enzo e Dino Ferrari von Imola werden sich alle Blicke auf Mercedes richten und darauf, ob die Leidensgeschichte eine Fortsetzung findet. "Ich sehe uns nicht an der Spitze fahren", sagt Haug, "sondern als fünft- oder sechstbeste Mannschaft. Wir gehören im Moment nicht zu den Topteams." Es ist seltsam, ihn so etwas sagen zu hören, Haug hat sich im Formel-1-Zirkus den Ruf erworben, mit skurrilen Rechenexempeln die aussichtsloseste Situation schönzureden - früher nannte man ihn deshalb auch mal "Graf Zahl".

Im Augenblick fühlt man sich an Reiner Calmund erinnert, den Fußballmanager von Bayer Leverkusen, wie er vergangene Saison auf der Tribüne hockte und die Hände verzweifelt vors Gesicht schlug, wenn seine Jungs auf dem Platz den Pfosten trafen und Gegentore kassierten; so sah auch Haug aus in Bahrain: das personifizierte Leiden. In Gesprächen schaute er abwesend aus dem Fenster, unfähig, seinem Gegenüber in die Augen zu blicken, während er Durchhalteparolen ausgab. Im Nebenraum saß derweil Mercedes-Boss Jürgen Hubbert mit McLaren-Chef Ron Dennis. Und sagte kein einziges Wort ... Ob er in Bahrain sein Lebenswerk habe abfackeln sehen? Das sei ein zu großes Wort, sagt Haug, Lebenswerk.

Seit 1990 ist er bei Mercedes, ein langer Weg war das von der Kindheit im Provinznest Grunbach über ein Volontariat bei der "Pforzheimer Zeitung" und den Posten des stellvertretenden Chefredakteurs beim einzigen echten deutschen Männermagazin, "auto motor & sport" - bis hierhin, in die sechste Etage eines grauen Gebäudes im Industriegebiet von Fellbach. Lebenswerk, das würde es aber treffen: Immerhin hat er seine Firma überhaupt erst in die Formel 1 reingequatscht; kiloweise Konzepte schrieb Haug, bis es vor elf Jahren tatsächlich losging. Und seitdem hat Mercedes alles gewonnen, was man als Motorenhersteller im Rennsport gewinnen kann: Weltmeistertitel in der Formel 1, die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft, die 500 Meilen von Indianapolis, die ChampCar-Serie in den USA. So gesehen ist Haug der erfolgreichste Motorsport-Manager der vergangenen Jahre. Das vergisst man schnell angesichts der jüngsten Pannenstatistik.

Nun sitzt hier ein Mann im Konferenzraum, der sagt: "Ja, wir haben Fehler gemacht." Der sagt: "Wir haben ein technisches Problem mit unserem gesamten Paket." Paket, das ist in der Formel 1 ein extrem kompliziertes Gesamtkunstwerk aus Chassis, Motor, Reifen. Zurzeit passt nichts davon richtig zusammen bei McLaren-Mercedes und Michelin. Hinter Haug steht ein Flip-Chart; könnte er darauf mal stichwortartig die Gründe der Misere notieren? "Ich könnte", sagt er und lacht, "aber ich tue es nicht. Fehler in der Öffentlichkeit zu diskutieren wird die Leistung der Betroffenen nicht verbessern."

Die Probleme sind offensichtlich, einigermaßen jedenfalls: Motorentüftler Mario Illien gelingt seit Jahren kein Geniestreich mehr, und vergangenes Jahr entwarf McLaren ein Auto, das von der Teststrecke gleich ins Museum gerollt werden konnte, weil es nie den Formel-1-TÜV bestand. Das neue Modell basiert auf dem gleichen Konzept - und ist wieder zu langsam. Sicherheitshalber wird zurzeit geprüft, ob der Windkanal überhaupt richtig eingestellt ist.

Bis ins letzte Detail haben sie auch bei McLaren-Mercedes noch nicht verstanden, warum diese Saison so radikal nach Murphys Gesetz verläuft. "Wir wollten einen riesigen Entwicklungsschritt machen, vielleicht war dieser Schritt zu groß", sagt Haug, "wir müssen jetzt mit dem Paket weiterarbeiten, das wir haben." Im Sommer soll der nächste Entwurf auf die Piste gehen, der MP4-19B; spätestens in Hockenheim, heißt es. Haug sagt: "Das kann ich nicht bestätigen." Nur: Wenn der neue Wagen nicht Ende Juli kommt, fährt er wahrscheinlich nie.

"Wir müssen Nehmerqualitäten beweisen und die Kritik einstecken", sagt Haug

, der gelegentlich dazu tendiert, Kritik etwas zu persönlich zu nehmen. Und kritisiert wird im Moment fast alles: Die Kommunikationslosigkeit in einem Team, in dem seit Jahren offenbar mehr gegen- als miteinander gearbeitet wird; in einem Team, das überladen ist mit Führungskräften, deren Eitelkeiten und Egomanien aber zu erheblichen Reibungsverlusten führen. "Ich werde Divergenzen innerhalb der Mannschaft ganz sicher nicht in der Öffentlichkeit austragen", sagt Haug, was aus seiner Sicht ja eine verständliche Strategie ist. "Vor vier Rennen sind wir noch um die WM mitgefahren - da hat niemand unsere Strukturen hinterfragt."

Personelle Konsequenzen wird es dennoch geben: Bei McLaren, so heißt es, musste sich vergangene Woche ein Chefdesigner seine Entlassungspapiere abholen, auch in der Motorenschmiede Ilmor zittern einige Herren um ihre Jobs. Vor gerade mal eineinhalb Jahren warb Mercedes-Boss Hubbert höchstpersönlich für viel Geld den Triebwerke-Ingenieur Werner Laurenz von BMW ab, was einer Ohrfeige für Ilmor-Gründer Illien gleichkam. Inzwischen steht Laurenz zumindest nach Meinung der Boulevardpresse auf der Abschussliste. Haug sagt, dass es in dieser Angelegenheit nichts Neues zu sagen gebe. Aber ihren Machtkampf tragen Illien und Laurenz seit einer Weile offen aus; in Bahrain sprachen die beiden kein Wort miteinander, beim Mittagessen bewahrten sie größtmöglichen Abstand. Laurenz, der als beinahe autistischer Eigenbrötler gilt, ist komplett isoliert. Bezeichnet man so was als kreative Arbeitsatmosphäre? Haug sagt: "Es wäre vermessen zu sagen, kaum kommt ein neuer Mann, funktioniert das Motorensystem nicht mehr. Wenn das unser einziges Problem wäre, gäbe es nichts Leichteres, als es zu lösen."

Selten hat man Norbert Haug so offen erlebt wie an diesem Nachmittag in Stuttgart. Er ist um Schadensbegrenzung bemüht, nach innen wie nach außen - ausgerechnet er, ein Mann, der von vielen als Choleriker gefürchtet wird. Er sagt: "Meine Aufgabe ist auch, das Team zusammenzuhalten und zu motivieren." Ein Team, in dem er zurzeit für die deutsche Öffentlichkeit den Watschenmann gibt. Früher, in jenen glorreichen Zeiten, hat sich auch mal Herr Hubbert geäußert; ein hübscher Spruch für Kai Ebel von RTL und anschließend wurde mit der Ferres-Vroni im Arm Liedgut wie "Zipfi eini, Zipfi aussi" gesungen. Wie beim derben Hüttenabend in Kitzbühel.

Das ist Geschichte. Nach dem Rennen in Bahrain tauchte der von McLaren-Mercedes als Weltmeister ausersehene Kimi Räikkönen nicht mal auf der offiziellen Ergebnisliste auf - weil er noch kein einziges Rennen beendet hat; Konkurrent Michael Schumacher indes jedes als Sieger. Ziemlich unrealistisch, das aufzuholen. "Nach drei Rennen kann man zwar nicht von einem abgefahrenen WM-Zug sprechen", sagt Norbert Haug, "aber was wir jetzt haben, ist ein Maximalkontrast zu unserer Zielsetzung." Interessanter Begriff: Maximalkontrast!

Formel 1 ist ein hartes Geschäft. Einer wie Ferrari-Teamchef Jean Todt kaut regelmäßig vor Nervosität seine Fingernägel ab, egal, wie erfolgreich er ist. Und auf Haug kommen noch ein paar harte Wochen zu, so viel ist sicher. Im Fahrerlager kursieren schon wildeste Spekulationen um seine Position. "Ich habe keine schlaflosen Nächte, ich habe auch keine Existenzängste", sagt er. Für die Technik ist er nicht zuständig, und warum sollte Mercedes den Mann rauswerfen, der tapfer die Drecksarbeit erledigt?

Haug ist gerade sehr damit beschäftigt, Gerüchte zu dementieren. Das absurdeste: Mercedes überdenke das mehrere hundert Millionen Euro teure Formel-1-Engagement in den nächsten Wochen noch einmal grundsätzlich. Dagegen sprechen einerseits die immensen Summen, die Mercedes bereits investiert hat. Außerdem will es nicht so recht zur Firmenphilosophie passen, sich am Tiefpunkt aus solch einem Prestigeprojekt zu verabschieden.

Norbert Haug sagt, er sei überzeugt davon, dass seine Mannschaft diese Krise bewältige.

Auch wenn er dabei mal wieder wie ein Rufer in der Wüste klinge. "Wir können für eine kurze Zeit akzeptieren, fünfte oder sechste Kraft zu sein, was wir aber nicht akzeptieren können, ist ein Auftritt wie in Bahrain." Am Vorabend des Rennens hatte Mercedes mehrere hundert Kunden und Händler aus dem Nahen Osten zu einer pompösen Präsentation des neuen SLK geladen. Dass ausgerechnet der teuerste Wagen des Hauses am nächsten Tag Flammen warf, war natürlich alles andere als eine Werbeveranstaltung für schwäbische Ingenieurskunst.

Dennoch reagierte die englisch-deutsche Renngemeinschaft souverän. Zunächst beorderte Jürgen Hubbert seine Mannschaft zu einer Krisensitzung hinter verschlossenen Türen. In der Boxengasse lief derweil zu Ehren von Ferrari wie üblich die Hymne Fratelli d'Italia, bei McLaren-Mercedes war man mit sich und seinen Fehlern beschäftigt. Als aber dann Bahrains Scheich Salman, immerhin Kronprinz eines Landes, in dem selbst die Polizei S-Klasse fährt, sich von den Herren in Silber verabschieden wollte, unterbrach man kurz die Sitzung für ein freundliches Shakehands. Schadensbegrenzung eben.

Markus Götting

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Wie lange ist die frist bei einer Kündigung?
Hallo Ich möchte gerne kündigen, da das Arbeitsverhältnis nicht mehr gegeben ist. Leider verstehe ich den Arbeitsvertrag nicht ganz. Auszug aus dem Vertrag: Paragraf 13 Kündigungsfristen: (1) das Arbeitsverhältnis kann beiderseitig unter Einhaltung einer frist von 6 Werktagen gekündigt werden. Nach sechsmonatiger Dauer des Arbeitsverhältnisses oder nach Übernahme aus einem Berufsausbildungsverhältnis kann beiderseitig mit einer frist von zwölf Werktagen gekündigt werde. (2) Die Kündigungsfrist für den Arbeitgeber erhöht sich, wenn das Arbeitsverhältnis in demselben Betrieb oder unternehmen 3jahre bestanden hat, auf 1 monat zum Monatsende 5jahre bestanden hat, auf 2 monate zum Monatsende 8jahre bestanden hat, auf 3 monate zum Monatsende..... (3) Kündigt der Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis mit dem Arbeitnehmer, ist er bei bestehenden Schutzwürdiger Interessen befugt, den Arbeitnehmer unter fortzahlung seiner bezüge und unter Anrechnung noch bestehender Urlaubsansprüche freizustellen. Als Schutzwürdige interessen gelten zb. Der begründete Verdacht des Verstoßes gegen die Verschwiegenheitspflicht des Arbeitnehmers, ansteckende Krankheiten und der begründete verdacht einer strafbaren handlung. Ich arbeite in einem Kleinbetrieb (2mann plus chef) seid 2 jahren und 3-4Monaten. (Bau) Seid ende November bin ich krank geschrieben. Was meinem chef überhaupt nicht passt und er mich mehrfach versucht hat zu überreden arbeiten zu kommen. Da mein zeh gebrochen ist und angeschwollen sowie schmerzhaft und ich keine geschlossenen schuhe tragen kann ist arbeiten nicht möglich. Das Arbeitsverhältnis ist seid längerem angespannt vorallem mit dem Arbeitskollegen. Möchte nur noch da weg! Wie lange ist nun die frist und wie weitere vorgehen? Ich hoffe es kann mir jemand helfen.