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1. Bundesliga Fünf Fragen an den fünften Spieltag


Während der HSV auf dem grünen Rasen seine Identität sucht, hat sich der Transfer-Houdini verzaubert. Und dass Lautern Selbstmord aus Angst vor dem Tod begeht, dürfte Stefan Kießling "scheißegal“ sein. Wir haben fünf Fragen an den Spieltag.

Patrick Helmes fragt: Was soll ich in Frankreich? Wir haben uns fünf ähnliche berechtigte Fragen gestellt, bei denen die Identität des HSV, die Lust am Selbstmord bei Kaiserslautern und das, was Stefan Kießling überhaupt nicht egal ist, im Mittelpunkt stehen.

Wird der HSV seine neue Identität finden?

Dietmar Beiersdorfer sprach im kicker von einem Einschnitt beim HSV, den er mit einer "Dialyse“ verglich. Er verlangt, dass der HSV "seine 'neue' Identität" entwickelt. Verständlich, denn die alte Identität des Clubs gab das Bild eines Chaosclubs außerhalb und zum größten Teil auch auf dem Rasen ab. Elf Trainer in zehn Jahren versuchten immer wieder, am Erfolg zu schrauben.

Der Kollaps 2009, als der HSV 19 Tage lag klinisch tot schien und drei Niederlagen in vier Partien gegen Werder Bremen einstecken musste, schmerzt heute noch. Die großen Ziele wurden damals verpasst und der Anfang einer verkorksten Strategie nahm seinen Lauf. In Ermangelung sportlich kompetenter Führung im Management wurde ein teurer, überalterter und nichtfunktionaler Kader zusammengekauft, der sang- und klanglos im Niemandsland versank.

Mit Frank Arnesen sollte alles anders werden. Jung, modern und attraktiv sollte das neue Gesicht des HSV erscheinen. Bisher sah das Spiel der Oenning-Truppe eher naiv, konfus und planlos aus. Zwischen Identitätsanspruch und Identitätswirklichkeit klafft eine große Lücke. Die traditionell schnell unzufriedenen Zuschauer des HSV werden den Ausbildungsprozess nicht geduldig hinnehmen, wenn nicht schnell sportliche Zwischenhochs einkehren.

Ein Sieg gegen Bremen würde die Rothosenfans erst einmal beruhigen, doch mittelfristig muss die Strategie des Sportchefs auch auf dem Rasen sichtbar werden. "Eine umgesetzte Spielstrategie und defensive Stabilität wären ein Schritt in die richtige Richtung“, merkt Beiersdorfer treffend an. In Bremen wartet der HSV auf genau diesen nächsten Schritt.

Diktator Magath. Wie lange schweigen seine Untertanen noch?

Der frühere Eintracht-Stürmer Bachirou Salou bezeichnete Felix Magath einst als den "letzten Diktator Europas". Transfer-Houdini Magath bestätigte seinen Ruf zuletzt eindrücklich. In einer Nacht und Nebel-Aktion bei Tageslicht hatte Felix Magath am 30. August versucht, Patrick Helmes bei vollem Bewusstsein aber ohne dessen Kenntnis nach Frankreich zu verschachern.

"Ich spreche doch kein Wort Französisch, was soll ich da?“, wollte Helmes laut Kölner Stadtanzeiger wissen. Für freche Fragen und Befehlsverweigerung gibt es bei Felix Magath bekanntlich Straftraining. Das wird dann umfirmiert, damit die Gewerkschaft nicht schimpfen kann, doch der Diktator ist erneut in Kritik geraten. Das passiert Magath meist dann, wenn der Erfolg ausbleibt.

Als Schalke im ersten Jahr unter Magath auf Platz zwei gelandet war, gab es keinen, der einen Aufstand anzetteln wollte. Zwar hatten "manche Spieler richtig Angst, Fehler zu machen“, so plaudert Rafinha im kicker aus, doch Magath "bringt Erfolg“ so der Neu-Bayer. Der Erfolg heiligt die Mittel. Magath ist also zum Erfolg verdammt, sonst wird der Rambo unter den Bundesligatrainer selbst zum Opfer des brutalen Geschäfts. Gegen seinen Ex-Club muss der Tabellenfünfzehnte einen Dreier einfahren.

Keine leichte Aufgabe gegen die beste Offensive der Liga (zehn Treffer in vier Spielen). Die Knappen müssen wenigstens nicht im "Knickbus“ (Tönnies zu Magath) anreisen, denn die Entrümplungs-Künstler Horst Heldt und Co. haben den Magathschen Blähkader auf eine transportierbare Größe schrumpfen lassen. Dennoch gibt es einen neuen Knappen zu bestaunen. Teemu Pukki, das finnische Torgespenst, könnte seinen Einstand geben.

Kopiert Bayern den Jogi?

In der Nationalmannschaft spielt Bastian Schweinsteiger auf der Sechs und Toni Kroos auf der Acht. Das ganze heißt dann 4-1-4-1-System, welches übrigens schon unter Robin Dutt in Freiburg erfolgreich praktiziert wurde. Gleichwohl offensiver ausgerichtet könnte das neue System auch für die Bayern in Frage kommen, denn sind alle offensive Mittelfeldspieler fit, müsste entweder Kroos oder Müller auf die Bank.

"Ich denke, dieses System könnte auch in München klappen", so Kroos im kicker. Jupp Heynckes wird die Idee wohl nicht gefallen, hatte er das Erbe aus dem letzten Jahr, die Defensivkonfusion, doch gerade erst in den Griff bekommen. Die Bayern kassierten erst einen Gegentreffer in dieser Bundesligasaison und so wird es Heynckes wohl bei Luiz Gustavo im Mittelfeld und dem guten (jetzt schon fast alten) 4-2-3-1 belassen.

Selbstmord aus Angst vor dem Tod?

"Wir haben Vertrauen in unseren Kader, deshalb haben wir auch keine Panik-Einkäufe getätigt", sagte Vorstandschef Stefan Kuntz unlängst. Keine Panik-Einkäufe, aber Panik-Verkäufe könnte man meinen. Jedenfalls könnte die Anzahl verkaufter Leistungsträger bei so manchem Beobachter panikartige Anfälle auslösen.

Die Roten Teufel haben quasi alle torgefährlichen Spieler der letzten Saison verkauft. Jan Morávek (5 Treffer) ging zurück nach Schalke, Srdjan Lakic (16 Treffer) wurde an Wolfsburg verkauft, Erwin Hoffer (5 Treffer) ging zur Eintracht und auf den letzten Drücker wurde auch noch Ivo Ilicevic (5 Treffer) an den HSV abgegeben. Diese Spieler erzielten 31 der 48 Saisontreffer des letzten Jahres.

Das Ergebnis kann man schwarz auf weiß begutachten. Kaiserslautern ist Vorletzter, hat erst zwei Treffer erzielt. Für Abhilfe soll nun ausgerechnet einer sorgen, dem man das Toreschießen gar nicht zutraut. Adam Nemec ist nach zweimonatiger Pause in Folge seines Kirschbaum-Sturzes zurück im Traing. Nemec präsentierte sich spielstark und durchsetzungsfreudig. Nur an der Chancenverwertung haperte es. "Wenn er das könnte, wäre er nicht bei uns", kommentierte Marco Kurz laut rheinpfalz.de. "Adam wird ja oft unterschätzt, aber er ist ein prima Spieler, er hält den Ball sehr gut, er ist immer anspielbar", führte der Coach weiter aus.

Dass bloß der Stefan Kuntz das nicht hört, der schafft es sonst noch, auch diesen Offensivmann zu verkaufen und am Ende wiederholt er dann: "Es war klar, dass wir gegen den Abstieg spielen.“ Selbstmord aus Angst vor dem Tod?

Toreschießen scheißegal?

Es gibt noch einen weiteren Club, der in der jungen Saison erst zwei Treffer auf der Habenseite verbuchen konnte. Bayer Leverkusen sicherte sich mit den zwei Treffern aber immerhin sieben Punkte. Trotzdem sind die Spieler in die Kritik geraten, die in erster Linie und damit in der Verantwortung fürs Toreschießen stehen.

Stefan Kießling reagierte alles andere als gelassen auf die Fragen nach seiner Trefferquote."Jeder, der Ahnung vom Fußball hat, weiß, wie wir vorne arbeiten", entgegnete Kießling im Sky-Interview. "Da kann ich manche Reporter nicht verstehen, wenn sie schreiben: 'Der Kießling hat wieder geackert, ist viel gelaufen, hatte aber wieder einen unglücklichen Torabschluss.' Wenn ich so was höre, kriege ich die Krise. Das kann ich nicht nachvollziehen." und Kießling legte nach.

"Meine Statistik passt, ich habe über 200 Bundesligaspiele und treffe statistisch betrachtet jedes dritte Spiel. Für meine Spielweise ist das okay. Jeder, der was anderes sagt, ist mir scheißegal." Wenn jemand mit so viel Wut im Bauch behauptet, es sei ihm egal, dann trifft meist das Gegenteil zu.

Kießlings Wut ist verständlich, war er doch 2010 mit 21 Treffern einer der besten Torjäger der Bundesliga, danach folgten aber nur noch acht Tore in 26 Spielen. Mit Eren Derdiyok steht sein Konkurrent in den Startlöchern. Doch der Schweizer wird Kießling beipflichten, wenn es darum geht, die Torjägerqualitäten eines Torjägers klein zu reden. Derdiyok traf in 68 Spielen für Bayer 17 Mal, also in jedem vierten Spiel. Aber wahrscheinlich ist ihm das auch "scheißegal“.

Michel Massing

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