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Anschlag in Angola: Keine Angst vor Südafrika

Angola und Südafrika trennen mehr als 2500 Kilometer. Nach dem Anschlag auf die togoische Nationalmannschaft nun die Sicherheitsfrage im WM-Land zu stellen, macht die Südafrikaner zu Recht wütend.

Ein Kommentar von Marc Goergen, Kapstadt

Es müssen schreckliche Szenen gewesen sein am Freitagabend im Norden Angolas. Vermummte Bewaffnete greifen den Bus des togolesischen Fußballteams an, nachdem es gerade die Grenzformalitäten zur Einreise nach Cabinda, eine Exklave Angolas, erledigt hat. Fünfzehn Minuten lang schießen Rebellen auf die Busse, Scheiben zersplittern, Spieler, Betreuer, Offizielle suchen unter ihren Sitzen Schutz. Und als die Polizei endlich die Angreifer vertreiben kann, sind der Ersatztorwart, der Pressesprecher und der Busfahrer tot; acht weitere Team-Mitglieder sind verletzt.

Togo war auf dem Weg zu seinem ersten Spiel beim African Cup of Nations. Bis Ende des Monats kämpfen 16 Nationen um die Krone des afrikanischen Fußballs. Mittlerweile ist die Mannschaft Togos abgereist, vor dem Eröffnungsspiel gedachte man der Toten durch eine Schweigeminute, und über das erste große Fußballereignis Afrikas im Jahr 2010 hat sich ein Schatten gelegt. Tragischer noch: Manch einer würde den Schatten gerne nach Süden verlängern, bis hin nach Südafrika, wo am 11. Juni die Fußballweltmeisterschaft beginnt.

Auch wenn dazwischen mehr als 2500 Kilometer liegen.

Situation ist nicht mit der in Südafrika zu vergleichen

Der Anschlag auf den Bus des togolesischen Teams hat nichts mit der anstehenden Weltmeisterschaft in Südafrika zu tun. Es ist in etwa so, als ob im Frühjahr 2006 Separatisten im Kosovo eine Bombe gezündet hätten und man anschließend Bedenken wegen der Sicherheitslage während der WM in Deutschland geäußert hätte. Afrika hat 53 sehr verschiedene Nationen, und wenn nun wieder über spezifisch afrikanische Probleme gemunkelt wird, dann zeugt das nicht nur von fragwürdiger geographischer Kenntnis, sondern macht die Südafrikaner auch zu Recht wütend. So sehr man vieles am Kap kritisieren kann, so sehr muss man Südafrikas Präsident Jacob Zuma, seinen Fußballfunktionären, ja auch ihrem deutschen Berater Horst R. Schmidt zustimmen, wenn sie in den letzten Tagen immer wieder gebetsmühlenartig wiederholten: "Die Situation in Angola ist nicht mit der in Südafrika zu vergleichen."

Angola leidet unter seinem Reichtum an Öl. Kaum ein Land hat in den letzten Jahren derart hohe Wachstumsraten verzeichnen können, wie die einstige portugiesische Kolonie, in kaum einem Land sind die Preise derart in absurde Höhe geschnellt, und in kaum einem Land ist so wenig vom Reichtum bei den Menschen angekommen. In der Hauptstadt Luanda schieben sich Kolonnen von SUVs über marode Straßen, die immer wieder überflutet werden, ein Espresso kostet 10 Dollar, und hat man es nach drei Stunden in endlosen Staus geschafft, die Stadt zu verlassen, ist man quasi in einem anderen Land, wo noch immer die Überreste des jahrzehntelangen Bürgerkriegs, verrostende Panzer oder Minenfelder, die wenigen Straßen säumen.

Eine ähnliche Situation wie in Nigeria

Angolas Öl kommt aus der Küste vor Cabinda. Das schürt die Wut der Separatisten dort, die Unabhängigkeit oder zumindest eine bessere Verteilung des Reichtums fordern. Es ist eine Situation wie in Nigeria. Der Kampf der dortigen MEND-Rebellen im ölreichen Niger-Delta speist sich aus sehr ähnlichen Motiven.

Mit Südafrika aber hat das Ganze nichts zu tun. Sicher: Das Land am Kap hat ein großes Problem mit Kriminalität. Als vor einigen Monaten wieder einmal die jährlichen Kriminalitätsstatistiken veröffentlicht wurden, ging ein Stöhnen durchs Land: Einbrüche in Geschäftsräume sind etwa um vierzig Prozent im Vergleich zum Vorjahr angestiegen. Und die Mordrate ist nur minimal gesunken. Noch immer werden hier pro Tag fast 50 Menschen getötet, in Deutschland sind es bei doppelter Einwohnerzahl gerade einmal sechs.

Kaum eine Hausmauer ohne Elektrozaun obendrauf

Kaum ein Haus in den besseren Vierteln von Johannesburg, Durban oder Kapstadt, an dem nicht in leuchtenden Farben das Schild eines privaten Sicherheitsdienstes prangt, kaum eine Hausmauer ohne Elektrozaun obendrauf - auf die abschreckende Wirkung der Polizei allein verlässt sich hier niemand. Präsident Zuma regte im letzten Jahr sogar eine Diskussion darüber an, ob Polizisten nicht in heiklen Situationen rascher zur Waffen greifen sollten, bevor sie am Ende selbst erschossen werden.

Dennoch ist Panik fehl am Platz. Zur WM werden 40.000 zusätzliche Polizisten eingestellt. Und es ist ja nicht so, als ob das Land keine Erfahrung mit ausländischen Gästen hätte: Jedes Jahr besuchen fast zehn Millionen Touristen das Land am Kap. Und die Rubgy-WM 1995, die Cricket-WM 2003, der Confederations-Cup im letzten Jahr und gerade vor wenigen Wochen erst die Auslosung zur WM sind ohne größere Zwischenfälle verlaufen.

Die Südafrikaner haben genug damit zu tun, auch die WM 2010 sicher über die Bühne zu bringen. Sie mit Problemen und Befürchtungen zu behelligen für die sie weder etwas können, noch die mit ihrem Land in Verbindung stehen – das haben sie nicht nötig.

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